Bei Bosch AS droht Corona-Schock

Sparpläne Die Folgen der Pandemie treffen auch den Bosch-Konzern. Vertreter der Arbeitnehmer fürchten den Verlust von weiteren Stellen – und stellen ihrerseits Forderungen an Bosch AS.

  • Von links: Erika Bresel, Alessandro Lieb (beide Betriebsrat Bosch AS), Andrea Sicker, Roland Hamm (beide IG Metall) sowie Hüseyin Ekinci, Leiter des gewerkschaftlichen Vertrauenskörpers. Foto: rs

Schwäbisch Gmünd

Es ist nicht einmal zwei Monate her, da blickte die Wirtschaftsregion gebannt nach Gmünd: Bosch AS kündigte an, weitere 1100 Stellen am Standort streichen zu wollen, die Belegschaft sollte bis 2026 auf 2500 Mitarbeiter schrumpfen. Nun fürchten IG Metall und Betriebsrat, dass es schlimmer kommen könnte: „Wir wurden von der Geschäftsführung informiert, dass Bosch wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie weitere Einsparungen plant“, erklärte Roland Hamm, Erster Bevollmächtigter der IG-Metall. Laut Angaben von Gewerkschaft und Betriebsrat könnte sich deshalb die Zahl der Stellen, die Bosch streichen will, um 15 bis 20 Prozent, also um bis zu 400, erhöhen. Der Konzern äußerte sich nicht und verwies auf eine Stellungnahme, die am Dienstag folgen soll.

Die Arbeitnehmervertreter kündigen Widerstand gegen die Sparpläne an – und formulieren einen Forderungskatalog an Bosch AS. „Wir wollen ein Zielbild entwickeln, das sich nicht auf die Kosten konzentriert, sondern auf die Perspektive für den Standort und seine Mitarbeiter“, erklärt Betriebsratschef Alessandro Lieb. So fordern die Arbeitnehmervertreter Maßnahmen zur Beschäftigungs- sowie der Standortsicherung, weitere beschäftigungssichernde Maßnahmen sowie ein Qualifizierungspaket. Bei Letzterem gebe es zwischen Konzern und Betriebsrat sowie Gewerkschaft die größte Schnittmenge. „Die Bereitschaft von Bosch ist hoch, hier etwas zu tun“, so Hamm. Die Arbeitsgruppe sei relativ in den Planungen.

Weniger Überschneidungen gibt es hingegen bei den wirtschaftlichen Zielen. IG Metall und Betriebsrat fordern den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis 2030 sowie eine Festschreibung einer – bislang nicht definierten – Mindestzahl an Beschäftigten bis 2026. Bosch solle den Ausbau des ungarischen Standorts Maklar, wohin der Konzern schrittweise die Produktion aus Gmünd verlagern will, um drei Jahre verschieben. Überdies fordern die Arbeitnehmervertreter, das von Bosch ausgegebene Ziel – die Erhöhung der Ebit-Rendite auf acht Prozent – auf sechs Prozent zu reduzieren sowie den Anteil der Leiharbeiter und befristet Beschäftigten zu verringern.

Um den Standort zu sichern, schlagen Gewerkschaft und Betriebsrat vor, Projekte nicht mehr zu vergeben, sondern am Standort selbst zu realisieren. Zudem strebe man die Sicherung der Produktion in Gmünd an. So soll Bosch eine Mindestzahl an Lenkungen weiter in Gmünd produzieren und dort auch neue Produkte anlaufen lassen. Und die Arbeitnehmervertreter regen die Bildung eines paritätisch besetzten Zukunftsbeirats an, der eine detaillierte Perspektive für den Standort entwickeln soll. „Bei der Gestaltung der Zukunft des Standorts darf es nicht nur um Kosten, sondern es muss auch um Qualität und Leistung gehen“, fordert Andrea Sicker, Gewerkschaftssekretärin der IG Metall und designierte Nachfolgerin von Roland Hamm. Ein von der IG Metall bereits vor der Coronakrise vorgeschlagenes, aber von der Politik noch nicht beschlossenes Transformations-Kurzarbeitergeld könne beim Strukturwandel ebenso helfen wie der Ausbau der Altersteilzeit und der Teilzeitangebote.

Wir werden den Widerstand organisieren.

Hüseyin Ekinci

Parallel wollen die Arbeitnehmervertreter trotz der aktuellen Beschränkungen „den Widerstand organisieren“, wie Hüseyin Ekinci, der Leiter des gewerkschaftlichen Vertrauenskörpers bei Bosch AS erklärt. „Wir werden unseren Protest sicht- und hörbar zeigen. Die Beschäftigten werden nicht nur zuschauen.“

Bosch selbst äußerte sich bislang nicht. Allerdings hatte der Konzern bereits in der vergangenen Woche während seiner Bilanzpressekonferenz angekündigt, wegen der Corona-Pandemie mit „erheblichen Herausforderungen“ zu rechnen. „Wir stellen uns auf eine globale Rezession ein, die auch unsere Geschäftsentwicklung 2020 deutlich belasten wird“, erklärte Prof. Dr. Stefan Asenkerschbaumer, Finanzchef und stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung, bei der Veranstaltung. Bei der Automobilproduktion rechnet Bosch für 2020 mit einem Minus von mindestens 20 Prozent. Im ersten Quartal dieses Jahres fiel der Umsatz der Bosch-Gruppe um 7,3 Prozent und lag deutlich unter dem Vorjahresniveau. Alleine im März 2020 betrug der Rückgang 17 Prozent. Für das Gesamtjahr gebe Bosch angesichts der erheblichen Unsicherheiten keine Prognose ab. „Es bedarf größter Anstrengungen, um zumindest ein ausgeglichenes Ergebnis zu erreichen“, so der Finanzchef.

Aktuell stünden umfangreiche Maßnahmen zur Kostenreduzierung und Liquiditätssicherung im Mittelpunkt. Dazu gehören die laufenden Arbeitszeitverkürzungen und Produktionseinschränkungen an vielen Standorten weltweit, ein Gehaltsverzicht bei Fach- und Führungskräften einschließlich der Geschäftsführung sowie die zeitliche Streckung von Investitionen.

Unabhängig von den aktuellen Auswirkungen der Pandemie hatte Bosch bereits zum Jahresbeginn 2020 ein Programm zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit aufgelegt – die Sparpläne in Gmünd gehören etwa dazu. „Unser Ziel ist die mittelfristige Rückkehr zu einer operativen Rendite von rund sieben Prozent, ohne die wesentlichen Zukunftsaufgaben zu vernachlässigen“, so Asenkerschbaumer bei der Bilanzpressekonferenz. „Daran arbeiten wir, neben der Bewältigung der Coronavirus-Pandemie, mit allem Nachdruck. Denn damit schaffen wir das finanzielle Fundament, um die großen Zukunftschancen der Bosch-Gruppe zu nutzen.“

© Wirtschaft Regional 05.05.2020 05:56
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