Neuer Investor für Lindenfarb

Insolvenz Das Traditionsunternehmen findet nach vielen Monaten einen neuen Käufer – zahlt dafür aber einen hohen Preis: Rund 120 Mitarbeiter müssen gehen.
  • Stammsitz von Lindenfarb: Die Zahl der Mitarbeiter sinkt von 240 auf 120. Archiv-Foto: opo

Aalen

Die dritte Insolvenz innerhalb nur weniger Jahre bringt den nächsten herben Einschnitt für den Textilveredler Lindenfarb. Sanierungsgeschäftsführer Detlef Specovius und Sachwalter Dr. Tibor Braun haben zwar einen Investor für das Unternehmen gefunden: Strähle + Hess, ebenfalls ein Textilveredler aus Althengstett im Schwarzwald, wird neuer Gesellschafter. Doch der Preis, den die Beschäftigten zahlen, ist hoch: Bei Lindenfarb fallen rund 120 Arbeitsplätze weg, die Belegschaft wird damit halbiert. Der Investor hat jedoch angekündigt, in die Produktion zu investieren.

Der Schritt, sich erneut von vielen Mitarbeitern zu trennen und die Zahl der Arbeitsplätze auf 120 zu halbieren, sei niemandem leicht gefallen, erklärt Specovius. „Aber er war angesichts der massiven Überkapazitäten im Markt und der anhaltend vorsichtigen Abrufzahlen unserer Kunden leider unumgänglich“, sagt der Anwalt der Acherner Kanzlei Schultze & Braun, der das Unternehmen bereits in den vergangenen Insolvenzen betreut hatte. Die Abstimmung mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft sei in dieser schwierigen Phase dennoch sehr zielgerichtet und konstruktiv gewesen. „Dafür möchte ich mich ausdrücklich bedanken und es zeigt, dass selbst in der Krise die Beteiligten sehr gut und vertrauensvoll zusammenarbeiten können.“

Die Lindenfarb hatte im Juni erneut Antrag auf Sanierung in Eigenverwaltung gestellt, nachdem die Automobilindustrie, ein wichtiger Kundenstamm der Aalener, aufgrund der Corona-Pandemie weltweit ihre Produktion gestoppt oder heruntergefahren hatte. Noch vor der Pandemie hatte sich das Unternehmen auf gutem Weg aus der Krise gesehen. Damals hatte noch der Textilveredler Mattes & Ammann als Hauptgesellschafter das Sagen gehabt – das Investment angesichts der Krise aber schnell aufgegeben. Der Abbau und der Einstieg des neuen Gesellschafter sind wiederum Teil des Insolvenzplans. Diesem haben die Gläubiger bereits zugestimmt, die Lindenfarb kann das Insolvenzverfahren daher voraussichtlich Ende diesen Monats verlassen.

Der Schritt war leider unumgänglich.

Detlef Specovius
Sanierungsgeschäftsführer

Investor kommt aus dem Schwarzwald

Der neue Investor ist ein weiterer Marktbegleiter der Aalener, mit dem die Firma bereits seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Die bisherige langfristige und erfolgreiche Zusammenarbeit könne nun unter neuen Vorzeichen fortgeführt werden, so Specovius. Strähle + Hess wurde 1926 als traditioneller Strick- und Wirkwarenhersteller gegründet und beschäftigt inzwischen an den Standorten in Althengstett, Bisingen, Topolcany (Slowakei) und Auburn (USA) rund 300 Mitarbeiter. Der Investor hat angekündigt, in die Aalener Produktion investieren zu wollen. Das Ziel sei, die Effizienz sowie die Produktivität von Lindenfarb weiter zu steigern. Während der laufenden Sanierung hatte die Firma laut Specovius ihre Produktionskapazitäten der sinkenden Nachfrage angepasst und den bisherigen Artikelmix bereinigt. „Dabei bilden wir aber weiterhin das gesamte bisherige Produktspektrum weiter ab.“

Lindenfarb gilt als einer der größten Dienstleister im Bereich der Textilveredelung in Europa und als Spezialist für Materialien, die in den Branchen Automobil, Luft- & Raumfahrt, Industrie, Bau, Medizin und Bekleidung Anwendung. Das Leistungsspektrum umfasst sowohl Oberflächenbehandlungen wie Rauen und Scheren als auch das Färben, Bleichen, Waschen, Reinigen und Beschichten von Textilien – das könnte das Angebot des neues Investors gut ergänzen. Auch Strähle + Hess gilt als führender Textilzulieferer für Automobilhersteller. Die Breite der Textilherstellungsverfahren reicht dabei vom Rund- und Flachstricken über das Kettwirken und Bandweben bis zu den weiterverarbeitenden Technologien wie Schneiden, Kleben, Kaschieren, Fügetechnologien und Konfektionieren. Die Schwarzwälder zählen sich zu den führenden internationalen Anbietern von hochwertigen exklusiven textilen Oberflächendekoren sowie technischen Textilien für das anspruchsvolle Automobilinterieur.

© Wirtschaft Regional 08.01.2021 11:31
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