ZF: Protest gegen Stellenabbau

Autoindustrie Der ZF-Konzern will in Deutschland tausende Stellen streichen. Am Standort Alfdorf protestierten die Arbeitnehmer gegen die Sparpläne aus Friedrichshafen.
  • Ein Teil des Betriebsrats von ZF in Alfdorf (von links): Michael Munz, Heike Hägele, Manfred Thiele, Andrea Sicker (IG Metall), Wolfgang Betz (Vorsitzender) und Daniel Sauerbeck. Foto: rs

Alfdorf

Die Krise in der Autoindustrie geht auch an ZF, einem der weltweit größten Autozulieferer, nicht spurlos vorbei. Der Konzern hat angekündigt, weltweit rund 15 000 Stellen zu streichen, mehr als die Hälfte davon soll auf die deutschen Standorte entfallen. Dagegen wehren sich Betriebsrat und IG Metall – im Rahmen einer Aktionswoche auch in Alfdorf, wo rund 1900 Menschen für den Konzern mit Sitz in Friedrichshafen arbeiten. Damit ist die Firma der zweitgrößte Arbeitgeber im Raum Gmünd.

„Mit einer aussagekräftigen Abendaktion, unter Corona-Bedingungen, möchten wir unterstreichen: Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz – auch in Alfdorf!“, so der Betriebsrat um dessen Vorsitzenden Wolfgang Betz. In Zusammenarbeit mit der IG Metall projizierte der Betriebsrat am Donnerstagabend die Kernbotschaften der Arbeitnehmervertreter per Beamer an die Wände des zentralen Verwaltungsgebäudes in Alfdorf.

Auch am dortigen Standort fürchtet man den Verlust von Arbeitsplätzen, wie Betz, dessen Vertreter Daniel Sauerbeck, der zudem Mitglied im Gesamtbetriebsrat des Konzerns ist, sowie Andrea Sicker, kommissarische erste Bevollmächtigte der IG Metall, erklärten. Derzeit plant ZF, die mehr als 7500 Stellen in Deutschland bis zum Jahr 2025 abzubauen. „Das ist ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten“, sagt Sauerbeck. Der Abbau werde nun konkret, deshalb werde man sich dagegen wehren. Offenbar sind nicht nur Stellen in der Fertigung bedroht, auch in anderen Bereichen will ZF den Rotstift ansetzen. Desweiteren möchte der Konzern wohl, dass sich die Beschäftigten über zusätzliche Beiträge in Form von Weihnachts-, Urlaubs- sowie des tariflichen Zusatzgeldes an den Einsparungen beteiligen. Seit dem 27. März befindet sich der Großteil der Beschäftigten in Kurzarbeit, zunächst wurde die Arbeitszeit im Schnitt um rund 70 Prozent gekürzt. Heuer sind es bei vielen Mitarbeitern rund 50 Prozent. „Wir erwarten von ZF ein starkes Signal zum Erhalt dieses Standorts“, so Sauerbeck.

Betriebsratschef Betz fürchtet aktuell den möglichen Verlust von 80 bis 120 Stellen in Alfdorf. Bereits in den vergangenen Monaten seien rund 60 Stellen über Leiharbeit und die Nichtverlängerung von befristeten Verträge weggefallen. „Unser Ziel ist, betriebsbedingte Kündigungen auf jeden Fall auszuschließen“, so Betz. Gelingen soll dies über Altersteilzeitverträge, mit denen man den Generationswechsel managen wolle. In Alfdorf arbeiten rund 600 Menschen in der Fertigung, der Rest in Forschung, Entwicklung und Verwaltung. Andrea Sicker appelliert an den Konzern: „Wir müssen gemeinsam mit den Firmen Lösungen finden, um den Wandel zu gestalten.“ Das habe in der Finanzkrise gut geklappt. „Wir fordern Sicherheit für die Menschen in unsicheren Zeiten.“

Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen.

Wolfgang Betz
Betriebsratschef ZF Alfdorf

Wie andere Zulieferer hat ZF nicht nur mit dem Pandemiebedingten Einbruch der Nachfrage zu kämpfen. Laut Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Achim Dietrich fürchtet der Konzern für 2020 einen Umsatzrückgang von 25 Prozent. Während die ersten drei Monate des Jahres gut gelaufen seien, sei der April „grottenschlecht“ gewesen, so Dietrich vor einigen Wochen. Deshalb hatte der Konzern im März angekündigt, an den deutschen Standorten Überstunden abzubauen und flächendeckend Kurzarbeit einzuführen.

ZF leidet ebenfalls unter dem Strukturwandel in der Branche. Bereits 2019 war die weltweite Automobilproduktion zurückgegangen. Für 2020 rechnet man nur noch mit rund 70 Millionen verkauften Fahrzeugen weltweit – ein Minus von rund einem Viertel. Darüber hinaus hat ZF an anderer Stelle zu kämpfen.

Vor kurzem erst haben die Friedrichshafener den US-amerikanischen Bremsenhersteller Wabco übernommen, für den stolzen Preis von sieben Milliarden Euro. Zwar betont der Vorstand, dass der Deal durchfinanziert und nicht gefährdet sei, doch das Volumen belastet das Unternehmen. Immerhin entspricht es fast einem Viertel eines Jahresumsatzes. So hat sich ZF erst kürzlich mit einer zusätzlichen Kreditlinie von 1,35 Milliarden zusätzliche Liquidität besorgt. „Der Kauf von Wabco war richtig“, sagt Betriebsrat Sauerbeck. „Wabco erweitert das Portfolio von ZF um weitere zukunftsträchtige Produkte.“

Konzernchef Wolf-Henning Scheider hatte in einem internen Schreiben an die Mitarbeiter vor einigen Wochen ein dramatisches Bild gezeichnet: „Als Folge des Nachfragestopps auf Kundenseite wird unser Unternehmen 2020 hohe finanzielle Verluste machen. Diese Verluste bedrohen unsere finanzielle Unabhängigkeit“, schrieb Scheider. „Wir als Gesamtbetriebsrat sehen die Notwendigkeit von Einsparungen, etwa durch Kurzarbeit. ZF muss selbstständig bleiben“, so Sauerbeck. Allerdings sei es wichtig, jene hoch qualifizierten Mitarbeiter zu halten, mit denen ZF die Zukunft gestalten können. „Diesen Spagat müssen wir hinbekommen.“

© Wirtschaft Regional 25.06.2020 17:56
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