„Verheerend und existenzgefährdend“

Coronakrise Omnibus-Unternehmerin Carolin Grötzinger über die schweren Folgen des Lockdowns für ihre Branche – und wie es nun weitergeht.
  • Carolin Grötzinger hat bei der großen Bus-Demo in Berlin auf die Anliegen ihrer gebeutelten Branche in der Coronakrise aufmerksam gemacht. Foto: Grötzinger

Bartholomä

Die Busunternehmerin Carolin Grötzinger aus Bartholomä ist Vorstandsmitglied im Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmer (WBO), Mit Bernhard Hampp hat sie über die aktuelle Lage der Branche gesprochen.

Seit 15. Juni sind Busreisen in Baden-Württemberg mit Hygieneregelungen – etwa einer Maskenpflicht – wieder erlaubt. Ist jetzt wieder die große Busreiselust ausgebrochen?

Zunächst einmal: Wir sind froh, endlich wieder rollen zu dürfen! Immerhin waren Busreisen seit 16. März verboten. Die Nachfrage steigt zwar etwas, ist aber noch lange nicht auf dem Niveau des Vorjahres. Unsere Klientel ist noch sehr vorsichtig. Es sagen immer noch Kunden ab, die ihre Reise in Vor-Corona-Zeiten gebucht haben. Die Verunsicherung ist einfach noch groß.

Bieten Sie denn schon wieder so viele Reisen an wie in Vor-Corona-Zeiten?

Wir planen Busreisen ja in der Regel ein Jahr im Voraus. Weil vieles noch unsicher ist – eine für Anfang August geplante Norwegen-Reise muss man nach jetzigem Stand absagen – müssen wir versuchen, die Kataloge umzustellen. Sicher werden wir mehr Nachfragen nach Tagesfahrten und Fahrten in deutsche Feriengebiete haben, auch nach Österreich und in die Schweiz. Was aber völlig fehlt, sind Gruppenreisen. Der Schwäbische Albverein fährt nicht in den Bayerischen Wald, Skiausfahrten sind abgesagt, Klassenfahrten fallen aus.

Wie wirkt sich das wirtschaftlich auf die Busunternehmen aus?

Verheerend! Und existenzgefährdend. Es war ein Einbruch, den wir uns so niemals vorstellen konnten. Zum einen leisten wir auch jetzt noch Rückzahlungen für Kunden, die bereits gebuchte Reisen nicht antreten möchten – aus welchen Gründen auch immer. Die Maskenpflicht ist in diesem Fall nicht förderlich. Dann haben die Banken zwar teilweise die Tilgung von Krediten ausgesetzt, aber nicht für unbegrenzt. Es stehen Busse ungenutzt auf den Betriebshöfen, die noch abbezahlt werden müssen und durch Corona an Wert verlieren. Im Reisebusbereich sind schätzungsweise weniger als 30 Prozent der Busse auf der Straße.

Ist der Linien- und Schülerverkehr auch stark betroffen?

Auch hier gibt es viele Einschränkungen und Belastungen. Durch die Schulschließungen sind die Schüler weggefallen und seit vier Wochen mussten wegen komplizierter Schulbeginn- und Schulendezeiten Zusatzfahrten organisiert werden. Es wird aufwendiger, weil wir noch flexibler werden mussten als bisher. Hier im Ostalbkreis haben wir ja vor allem Mischbetriebe, die sowohl Linien- und Schulbusverkehr als auch Reisebusverkehr anbieten. Wenn eines dieser Standbeine wegbricht, ist die Struktur für die Angebote des ÖPNV, also der Daseinsvorsorge, gefährdet.

Es sind nun neue Regelungen bekannt gegeben worden, die ab dem 1. Juli gelten – die Maskenpflicht in Reisebussen gilt in Baden-Württemberg weiter.

Immerhin plant die Politik nun schon eine Woche im Voraus. In Nordrhein-Westfalen gilt die Devise: Maske oder Abstand. Das wünschen wir uns auch für Baden-Württemberg, denn wenn der Bus ohnehin nicht voll ist, dann könnte den Fahrgästen die Maske doch erspart werden.

Helfen die Soforthilfeprogramme?

Sie sind absolut notwendig. Wichtig ist, dass die Soforthilfen schnell und passgenau bei den Unternehmen ankommen. Der WBO hat ein entsprechendes Konzept vorgelegt. Zunächst gab es hier ja Unsicherheit, ob die schon vor vier Wochen angekündigte Landes-Soforthilfe überhaupt ausbezahlt wird, weil es gleichzeitig ein angekündigtes 170-Millionen-Euro-Programm des Bundes für Bustouristik gibt. Aber nun hat das Landeskabinett beschlossen, die Gelder freizugeben. Die Branche braucht diese dringend – für manche Unternehmen ist es bereits „fünf nach zwölf“.

Flugreisen werden teurer. Busreisen auch?

Es ist klar: Die ganze Touristik wird sich qualitativ und finanziell verändern. Das ist sehr schade: Eine umweltfreundliche Form des Reisens kommt nun unter die Räder, weil Busreisen mit Gemeinschaft, Geselligkeit zusammenhängen – das lateinische Wort Omnibus, „mit allen“, sagt es ja schon. Der Bus ist und bleibt die umweltfreundlichste Art zu reisen.

© Wirtschaft Regional 24.06.2020 15:30
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