Deutschland wird digitaler

Digitalisierung ZDE-Chef Wolfgang Weiß diskutiert mit Verkehrsminister Andreas Scheuer über die digitale Infrastruktur. Warum deren Zukunft nicht mehr am Geld scheitern dürfte.
  • Im Uhrzeigersinn von links oben: Telefonica-Deutschland-Chef Martin Haas, Verkehrsminister Andreas Scheuer, ZDE-Chef Wolfgang Weiß, BDI-Präsident Dieter Kempf sowie Moderatorin Iris Plöger, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDI. Screenshot: rs

Westhausen

Passend zum bundesweiten Digitaltag am vergangenen Freitag hat die Digitalisierung Deutschlands kräftig Fahrt aufgenommen: Die Telekom schaltete mehrere tausend Mobilfunkmasten mit dem neuen schnellen 5G-Standard frei, rund 16 Millionen Menschen in Deutschland haben nun Zugang zum schnellen Netz. Der Bund Deutscher Industrie (BDI) nutzte den Digitaltag ebenfalls: für einen umfangreichen Web-Gipfel, der ausschließlich per Videokonferenz bestritten wurde.

In einem Forum diskutierten etwa Verkehrs- und Digitalminister Andreas Scheuer, BDI-Präsident Dieter Kemp und Telefonica-Deutschland-Chef Markus Haas über die Digitale Infrastruktur. Ebenfalls dabei in dieser illustren Runde: Wolfgang Weiß, ehemals Aalens Wirtschaftsförderer und nun Geschäftsführer des Westhausener Zentrums für die digitale Entwicklung (ZDE). Weiß vertrat nicht nur die kommunale Sicht auf das digitale Deutschland von Morgen, sondern mahnte auch intensiv Verbesserungen bei der Vernetzung von Fördermöglichkeiten. Denn: Nicht erst seit dem Konjunkturpaket ist genug Geld da, allein: Projekte scheitern nicht selten an der Komplexität der Vergabepraxis. Doch der Reihe nach.

In einem sind sich alle Diskutanten einig: Die Coronakrise hat die Deutschen näher an die Digitalisierung gebracht. Die oft gescholtenen Netze haben den Stresstest, den millionenfachen Rückzug von Beschäftigten ins Home-Office, bestanden. „Einen härteren Sprung ins kalte Wasser konnte man sich gar nicht vorstellen. Jetzt müssen wir die Netze weiter ausbauen“, sagt Telefonica-Chef Haas. Allerdings betont er: „In Deutschland sind die Netze deutlich besser als ihr Ruf.“ Minister Scheuer fordert wiederum: „Jetzt müssen wir diesen Rückenwind nutzen, es wird nicht am Geld scheitern. Wir haben die einmalige Chance, ein digitales Deutschland zu organisieren.“ Bereits jetzt sei Deutschland europaweit führend im Ausbau von 5G, so Scheuer. Der Bund habe darüber hinaus im Konjunkturpaket viele Milliarden bereitgestellt, mit denen die digitale Infrastruktur verbessert werden soll. Allein in den Ausbau von 5G sollen weitere fünf Milliarden Euro fließen.

Die Deutschen entdecken ihre Liebe zur Technik

5G-freie Gemeinden sind fortschrittsfreie Gemeinden.

Andreas Scheuer
Bundesverkehrsminister

Vor allem Wolfgang Weiß wies angesichts dieser Elogen aber darauf hin, dass es vor allem im ländlichen und strukturschwachen Raum noch weiße oder graue Flächen der Breitband- und Mobilfunkversorgung gebe. „Dort ist in die Infrastruktur noch nicht ausreichend, selbst in manchen Innenstädten ist bei 30 Mbit pro Sekunde Schluss.“ Mit den reichlich vorhandenen Fördergeldern sollten vor allem diese Gebiete den digitalen Anschluss schaffen. Dabei, so schlägt Weiß vor, müssten die Kommunen koordiniert vorgehen und alle Aspekte der Digitalisierung berücksichtigen. So reiche es nicht, Digitalisierung alleine an Breitband- oder Mobilfunkversorgung festzumachen. „Die Kommunen benötigen zudem eine Hilfestellung, wie sie an die Gelder kommen“, so Weiß, dessen ZDE dabei eine Schlüsselrolle spielen will.

Die Technik ist die eine, der Mensch die andere Seite. Der deutsche Durchschnittsbürger galt bisher als nicht unbedingt als großer Fan der Digitalisierung. Das soll sich jetzt geändert haben. „Die Berührungsängste haben ab-, die Technikoffenheit wiederum zugenommen“, beobachtet Haas, zu dessen spanischem Telefonica-Konzern auch die Marke O2 gehört. „Die Verbraucher haben Lust, digitale Infrastruktur zu nutzen.“

Laut Scheuer stünden die Bürger auf dem Weg zum digitalen Deutschland zudem ebenso „in der Verantwortung“. Die misst sich etwa in der Bereitschaft, die neuen Technologien zu akzeptieren – sowie deren Ausbau nicht zu verhindern. „Der Bund kann keine Mobilfunkmasten bauen oder genehmigen“, gibt der Digitalminister zu bedenken und kritisiert die teils langen Genehmigungsprozesse vor Ort. An bestehenden Standorten seien neue Masten einfacher umzusetzen, als an bekannten „Problemstandorten“, an denen etwa Bürgerinitiativen oder wenig digitalaffine Gemeinderäte den Bau verhindern wollen, oft mit Hinweis auf Bedenken wegen ungeklärter gesundheitlicher Folgen des 5G-Funks. Die sehen alle Teilnehmer als unbegründet, man forsche permanent und habe bislang keine Hinweise auf eine gesundheitliche Beeinträchtigung gefunden. „5G-freie Gemeinden sind fortschrittsfreie Gemeinden“, mahnt Scheuer.

Während Scheuer, Haas und Kempf vor allem die Rahmenbedingungen im Blick haben, ist Weiß der Mann fürs Praktische. „Bei digitalen Projekten ist es enorm wichtig, die Bürger mit ins Boot zu holen“, sagt Weiß – und verweist in prominenter Runde auf Projekte wie das „Digital Learning“ (die digitale Schule) in Schwäbisch Gmünd sowie das geplante System zur smarten Verkehrssteuerung in Aalen.

© Wirtschaft Regional 22.06.2020 11:43
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