Zeiss macht sich auf den Weg zu neuen Horizonten

Zeiss-Neujahrsempfang Warum das Zusammenspiel von Wirtschaft und Wissenschaft den Optikkonzern zu zehn Rekordjahren geführt hat.
  • Zeiss-Neujahrsempfang (von links): Gastgeber und Konzernchef Prof. Dr. Michael Kaschke im Gespräch mit den Wissenschaftlern Antje Boetius und Andreas Kaufer. Fotos: Peter Hageneder
  • Neujahrsempfang im Zeiss-Forum in Oberkochen.

Oberkochen

Wie wichtig der Zeiss-Konzern für die Region ist, bemisst sich unter anderem an dieser Zahl: Mehr als 300 Millionen Euro an Steuern bescherte das Unternehmen der Region allein seit 2010. Hinzu kommen aktuell mehr als 8000 Arbeitsplätze in Aalen und Oberkochen. Beim Zeiss-Neujahrsempfang rückte Prof. Dr. Michael Kaschke nicht nur die jüngsten Rekorde von Zeiss in den Mittelpunkt, sondern hob die Bedeutung der Wissenschaft für die Erfolge des Konzerns hervor. Passend dazu berichteten zwei außergewöhnliche Wissenschaftler, Prof. Dr. Antje Boetius und Dr. Andreas Kaufer, von ihren Forschungen zu Meer und Weltall.

Das konsequente Zusammenspiel von Wirtschaft und Wissenschaft spiegelt sich laut Kaschke auch im Zeiss-Leitmotto „Seeing Beyond“, den er mit „Fernsicht und Weitsicht“ übersetzt, wider. „Für uns ist es mehr als ein Motto, es ist unser Markenkern“, so der Vorstandschef. So sieht sich der Konzern „nicht nur als Technologieführer, sondern als Marktgestalter“. Zeiss ist trotz der weltweit konjunkturellen Widrigkeiten im vergangenen Geschäftsjahr um mehr als elf Prozent auf 6,45 Milliarden Euro Umsatz gewachsen und hat ein operatives Ergebnis von 1,1 Milliarden Euro erzielt.

„Die Ziele unserer Agenda Zeiss 2020 haben wir bereits erreicht“, so Kaschke. Das Wachstum habe sich im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2019/20 weiter fortgesetzt. Allerdings müsse Zeiss trotz der Rekorde weiter an der eigenen Widerstandsfähigkeit arbeiten. „Ein Ausblick ist schwierig in diesen turbulenten Zeiten“, sagt Kaschke und nennt Brexit, Handelskonflikte sowie die Transformation der Autoindustrie als wichtige Faktoren. Auch die Ausbreitung des Coronavirus könne sich spürbar auf Weltwirtschaft auswirken. „Die SARS-Epidemie hat 2002/03 rund zwei Prozent des Wirtschaftswachstums gekostet“, erklärt Kaschke und fügt hinzu: „Heute ist die Weltwirtschaft noch viel abhängiger von China als damals.“

Manchmal sind wir Menschen die größten Aliens.

Prof. Dr. Antje Boetius
Meeresbiologin

Trotz der Unsicherheitsfaktoren gibt sich Kaschke offensiv – auch was beispielsweise mögliche Übernahmen angeht. „Wir werden die Strategie des selektiven Portfolioerweiterung bei starkem organischen Wachstum fortsetzen.“ Gleichzeitig investiere Zeiss massiv in Standorte. In Oberkochen entstehen aktuell ein Parkhaus sowie eine neue Fertigungshalle für die SMT-Sparte. Ein Innovation Hub in Karlsruhe eröffnet bald und bietet Start-ups und Forschern eine Heimat. Ein Hub in Dresden folgt. „Zeiss muss sich weiter vernetzen, verankern und Wissenstransfer von Wissenschaft in die Wirtschaft ermöglichen.“

Passend dazu hatte sich Kaschke zwei visionäre Wissenschaftler als Diskussionspartner auf das Podium geladen. Die Meeresbiologin und Polarforscherin Antje Boetius berichtete von MOSAiC, der größten Arktisexpedition aller Zeiten. Seit Herbst 2019 driftet das deutsche Forschungsschiff Polarstern ein Jahr lang eingefroren durch das Polarmeer und wird von einem internationalen Forscherteam begleitet. „Es gibt noch eine Milliarde unbekannter Lebensformen, also jede Menge Aliens auf der Erde“, sagte sie und zog mit Blick auf CO2-Ausstoß, Erderwärmung, Eisschmelze und Meeresanstieg ein ernüchtertes Fazit ihrer Beobachtungen: „Manchmal sind wir Menschen die größten Aliens.“

Der Astronom Andreas Kaufer richtet den Blick nach oben: Er verantwortet den Bau des weltgrößten Teleskops in der chilenischen Atacama-Wüste. Das ELT (Extremly Large Telescope) wird einen Spiegeldurchmesser von 40 Metern haben und soll 2025 in Betrieb gehen. Mit ihm, so Kaufers spannende Prognose, kann auf Planeten fremder Sonnensysteme nach Spuren von Leben gesucht werden. „Das ist keine Science-fiction, sondern die Herausforderung der kommenden zehn Jahre“, sagte Kaufer, der besonders das 40 Lichtjahre entfernte Planetensystem „Trappist-1“ im Blick hat.

© Wirtschaft Regional 05.02.2020 21:27
1817 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?