Befreiungsschlag für Varta

Investition Die Varta-Aktie war massiv unter Druck geraten – weil die Nachfrage groß ist und die Konkurrenz nicht schläft. Deshalb erhöhen die Ellwanger nun das Investitionstempo.
  • Bei Varta in Ellwangen will man noch in diesem Jahr eine neue, stärkere und effizientere Lithium-Ionen-Batterie vorstellen. Fotos: Varta AG
  • Herbert Schein

Ellwangen

Die Situation ist eigentlich absurd: Varta boomt seit Jahren, Umsatz und Gewinn steigen kontinuierlich in nicht für möglich gehaltene Höhen, die Übernahme der Varta Consumer schultert das Unternehmen mit links - und dennoch brach der Aktienkurs in den vergangenen Wochen mehrmals ein: von rund 128 Euro ging es runter auf zeitweise bis zu 75 Euro. Der Grund: Die Nachfrage nach den Lithium-Ionen-Akkus ist weltweit riesig, weil immer mehr kabellose Kopfhörer verkauft werden. Das ruft zum einen Nachahmer auf den Plan - zum anderen waren viele Hersteller besorgt, Varta könne nicht schnell genug liefern.

Nun setzen die Ellwanger zum Gegenangriff an – mit einem Investitionsetat von rund 125 Millionen Euro soll die Produktion schneller ausgebaut werden als ursprünglich geplant. Das bringt der Region und den Standorten Ellwangen und Nördlingen 600 neue Arbeitsplätze. Zudem will Varta die Konkurrenz mit einer verbesserten Akku-Generation hinter sich lassen.

Bereits im vergangenen Jahr hatte Varta angekündigt, die Produktion auf mehr als 150 Millionen Zellen jährlich ab 2022 auszubauen. Das ist den Ellwangern nicht genug. So will das Unternehmen bereits Ende 2021 in der Lage sein, pro Jahr rund 200 Millionen Zellen jährlich zu fertigen. Bereits in knapp einem halben Jahr soll die Produktionskapazität auf mindestens 100 Millionen Zellen jährlich steigen. Parallel wird Varta in diesem Jahr eine neue Lithium-Ionen-Zelle vorstellen. Die soll über eine rund 15 Prozent höhere Energiedichte und eine höhere Zyklenstabilität verfügen, also die eigentliche Leistung über mehr Ladezyklen halten als bisherige Zellen.

„Unsere Zukunft liegt insbesondere im Bereich der Lithium-Ionen-Technologie. Hier setzen wir als Innovationsführer die Industriestandards“, erklärt Varta-Chef Herbert Schein. „Auf diese Weise haben wir uns einzigartige Wettbewerbsvorteile erarbeitet, die wir durch Patente und schnelle Innovationsfortschritte absichern.“ Zur Ausweitung der Produktionskapazitäten, die ausschließlich in der Region stattfindet, erläutert er: „Mit der heute angekündigten, beschleunigten Erweiterung unserer Produktionskapazitäten bauen wir nicht nur unsere starke Marktposition weiter aus, wir schaffen auch 600 weitere, neue Arbeitsplätze in unserer Region.“

Insgesamt kostet die Varta-Offensive rund 125 Millionen Euro. Ein schöner Batzen, auch für ein Unternehmen, das seit Jahren satte Gewinne erwirtschaftet. Das Investitionsvolumen soll laut Finanzchef Steffen Munz zum einem aus der operativen Geschäftstätigkeit heraus finanziert werden. Varta hatte zum Beispiel im ersten Halbjahr 2019 bei einem Umsatz von 151,5 Millionen Euro ein operatives Ergebnis (Ebitda) von 35,9 Millionen Euro erwirtschaftetet. Zum anderen will man Anzahlungen von Kunden für die Finanzierung nutzen – und natürlich die Gewinne aus dem Varta-Consumer-Geschäft.

Wir setzen die Industriestandards.

Herbert Schein
Varta-Vorstandschef

Aktienkurs reagiert positiv

Darüber hinaus stünde dem Konzern eine revolvierende Kreditlinie über 80 Millionen Euro zur Verfügung, so Varta. Darunter versteht man Darlehen, die vom Kreditnehmer bis zur maximalen Höhe einer Kreditlinie innerhalb der Kreditlaufzeit in wechselnder Höhe wiederholt in Anspruch genommen werden können. „Wir verzeichnen weiterhin einen enorm hohen Auftragsbestand. Unsere sehr gesunde bilanzielle Situation erlaubt es uns, weiter stark zu investieren. Unser solider und steigender Cashflow wird seinen Teil dazu beitragen“, betont Finanzchef Munz.

Schein erklärt , dass der Markt für sogenannte Hightech-Consumerprodukte, insbesondere für kabellose Premium-Kopfhörer, weiterhin sehr dynamisch wachse. Entsprechend ungebrochen hoch sei die Kundennachfrage nach Lithium-Ionen-Batterien, in einem Markt, der jährlich mit rund 30 Prozent wächst.

Vor einigen Wochen hatte ein Analyst die Kopfhörer AirPods Pro von Apple demontiert – zum Vorschein kamen Akkus von Varta. Das gab der Aktie einen starken Schub, der dann aber wieder verpuffte. Die Ankündigung der Groß-Investition goutierten übrigens auch die Anleger: Bereits zum Börsenstart gewann die Aktie mehr als fünf Prozent.

© Wirtschaft Regional 16.01.2020 10:51
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