Varta streicht und schafft Jobs

Übernahme Nach der Übernahme der Varta Consumer strukturiert die Ellwanger AG ihr Geschäft neu. Das kostet zunächst 220 Arbeitsplätze, soll aber bald hunderte neuer Stellen entstehen lassen.
  • Bei Varta in Ellwangen stehen spürbare Einschnitte bevor. Archiv-Foto: Varta/Maiwolf

Ellwangen.

Die Übernahme von Varta Consumer hat Herbert Schein immer mit recht blumigen Worten bedacht. „Endlich“, sagte der Vorstandschef vor einigen Monaten, „wächst zusammen, was zusammengehört.“ Die Übernahme ist seit Anfang Januar nun tatsächlich in trockenen Tüchern. Allerdings ist nun klar: Ohne Schmerz ist das Zusammenwachsen offenbar nicht möglich: Varta hat angekündigt, rund 220 Vollzeit-Stellen zu streichen. Der Varta-Chef stellt aber im Gegenzug hunderte neuer Stellen in Aussicht. Wie passt das zusammen?

Zunächst wird sich die Varta AG nach dem erfolgreichen Kauf der Haushalts-Batterie-Sparte Varta Consumer neu strukturieren. Künftig teilt sich das Geschäft des Unternehmen in zwei Bereiche: „Microbatteries and Solutions“ und „Household Batteries“. Im zweiten werden die bisherigen Aktivitäten der Varta Consumer weitergeführt. Hier kommt es zum Stellenabbau: Bis Ende des Jahres sollen 220 Vollzeitstellen entfallen, 160 in der Region. Aktuell sind in Ellwangen und Dischingen 1500 Menschen für Varta Consumer tätig.

Die AG begründet den Wegfall zum einen mit Synergieeffekten: einige Funktionen fallen bei Consumer weg, weil diese schon von der AG geleistet werden. Zum anderen habe Varta Consumer bislang für den ehemaligen Mutterkonzern Spectrum Brands Service-Dienstleistungen erbracht, die nun entfielen. Spectrum Brands hatte seine Batterien-Sparte an den US-Konzern Energizer verkauft. Der musste wiederum die Varta-Batteriensparte wegen kartellrechtlicher Bedenken an die Varta AG weiterreichen – zu einem Preis von rund 100 Millionen Euro (plus Übernahme der Verbindlichkeiten in Höhe von rund 80 Millionen Euro).

Wie Varta weiter erklärt, werde der Stellenabbau „sozialverträglich und in enger Abstimmung mit Arbeitnehmervertretern und Gewerkschaften“ erfolgen. Gleichzeitig stelle die AG den betroffenen Mitarbeitern eine Weiterbeschäftigung an anderer Stelle im Konzern in Aussicht.

Denn: Das Wachstum der Mikrobatterien-Sparte ist weiter ungebrochen. Varta profitiert wie berichtet von der anhaltend hohen Nachfrage im Bereich der Premium-Headsets, deren Markt jährlich um rund 30 Prozent wächst. Das Unternehmen weitet deshalb die Produktionskapazitäten in Deutschland massiv aus, bis zum Jahr 2022 sollen jährlich 150 Millionen Knopfzellen produziert werden. In diesem Jahr soll die Zahl zunächst auf 100 Millionen steigen. Durch dieses starke Wachstum könnten im Konzern in naher Zukunft „mehrere hundert neue Stellen“ entstehen. Diese sollen, soweit möglich, durch Beschäftigte der Varta Consumer besetzt werden, wie das Unternehmen erklärt.

Wir sind stolz darauf, die Chance ergriffen zu haben.

Herbert Schein
Varta-Vorstandschef

Zum neuen Bereich „Household Batteries“ gehört künftig auch das Energiespeicher-Geschäft. Die Sparte soll sich innerhalb des Konzerns auf das Konsumentengeschäft mit eigenem Vertrieb, Marketing und Produktion konzentrieren. Bisherige administrative Funktionen der Varta Consumer wie beispielsweise IT, Finanzen, Einkauf oder Personal, werden in die Infrastruktur der AG integriert. Das Microbatteries-Geschäft sowie der Bereich „Power Pack Solutions“ werden zukünftig im Segment „Microbatteries & Solutions“ zusammengefasst. Darunter fällt auch das Geschäft mit Lithium-Ionen-Batterien. Der Schwerpunkt wird künftig im OEM-Geschäft liegen. Durch das erwartete, starke Wachstum bei Lithium-Ionen-Batterien soll auch die Anzahl an Mitarbeitern deutlich erhöht werden.

„Wir sind stolz darauf, die Chance ergriffen zu haben, zusammen zu führen, was zusammen gehört“, erklärt Schein. Mit Varta Consumer stärke sein Unternehmen den Markenauftritt, erweitere das Produktportfolio und erschließe neue Geschäftspotenziale. Das starke Wachstum des Konzerns verortet er allerdings im Bereich der Lithium-Ionen-Technologie. „Aufgrund der hohen Nachfrage nach Varta-Lithium-Ionen-Batterien bauen wir unsere Produktionskapazitäten weiterhin massiv aus.“

Aktie stabilisiert sich nach dramatischen Verlusten

Die Aktie reagierte nach den dramatischen Verlusten am Vortag positiv und notierte zwischenzeitlich mit rund vier Prozent im Plus. Grund für den rapiden Kursverlust am Vortag war eine Commerzbank-Studie. Wie die Analysten schreiben, sollen die Kopfhörerhersteller Samsung, Sony und JBL nicht nur auf die Akkus von Varta, sondern auch auf Produkte der chinesischen Konkurrenz zurückgreifen. Offenbar, so die Studie, aus Sorge, Varta könne der gestiegene Nachfrage alleine nicht nachkommen. Die Ellwanger ihrerseits wollen sich gegen die Konkurrenz wehren, sie vermuten Patentverletzungen durch den Wettbewerb. „Wir haben sofort Abmahnungen an die wichtigen Handelskanäle gegeben. Wir werden auf keinen Fall solch grobe Patentverletzungen akzeptieren“, erklärte das Unternehmen. Wenn diese nicht nach Fristende umgehend reagieren würden, werde man einstweilige Verfügungen erwirken.

© Wirtschaft Regional 09.01.2020 21:12
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