Weichhai Power übernimmt Aradex

Verkauf Wieso der Pionier für elektrische Antriebssysteme seine Eigenständigkeit aufgibt und sich einem strategischen Partner aus China anschließt. Weichhai Power will Standort Lorch ausbauen.
  • Vertragsunterzeichnung: Weichai-Chef Zhixin Wang gibt Michael Schlingmann die Hand. Dazwischen Jiang Kui, CEO der Shandong Heavy Industrie Group, und Aradex-CTO Thomas Vetter. Foto: Aradex

Lorch

Die Historie der 1989 gegründeten Aradex AG ist gespickt mit Entwicklungen technologischer Weltneuheiten, die mit vielen Awards wie dem Rudolf-Eberle-Preis oder dem Innovationspreis Ostwürttemberg ausgezeichnet wurden. Ende 2019 hat der technologische Vordenker in Sachen elektrischer Antriebssysteme wieder einen Entwicklungsschritt realisiert – und ist unters Dach der börsennotierten chinesischen Weichai Power Co. Ltd. gezogen. „Wir haben schon lange einen strategischen Partner gesucht, der uns die Möglichkeiten eröffnet, im globalen Wettbewerb der Automobilbranche zu überleben, und unsere DNA als eigenständiger Entwickler zu behalten“, sagt Michael Schlingmann.

Der Aradex-Vorstandsvorsitzende erklärt im Gespräch mit dieser Zeitung, weshalb die Lorcher sich für Weichai Power entschieden: „Wir haben in Deutschland und in Europa mit einigen Konzernen geredet. Diese sind aber nur an aktuellen Umsatz- und Ergebniszahlen interessiert und nicht an dem, was in fünf Jahren ist. Uns ist aber eine gesicherte Weiterentwicklung wichtig. Diese hätten wir alleine nicht geschafft.“

Über Weichai Power

Weichai Power wurde 1953 gegründet und war eine der ersten Dieselmotorenfabriken in China. Die Kerngeschäftsfelder sind die Montage von Antriebsmaschinen (einschließlich Motoren, Getriebe und Achsen), Nutzfahrzeuge sowie Kfz-Elektronik. Das Unternehmen gehört der Weichai Holding Group an, die Teil der Shandong Heavy Industrie Group (90.000 Mitarbeiter) ist.

Weichai Power fertigt Motoren nach der Konstruktion der österreichischen Steyr Daimler Puch und entwickelt diese weiter. Weichai Power hat drei Niederlassungen in Frankreich, in Singapur und in den USA. In Weifang ist der Motorenbau beheimatet, in Xi´an der Bau von schweren Nutzfahrzeugen, in Chongqing der Bau von Großmotoren und leichten Nutzfahrzeugen sowie in Yangzhou Automobilelektronik und -teile.

In Deutschland ist Weichai zu 40 Prozent an der Gabelstaplerfirma Kion (Frankfurt) und zu 70 Prozent an der Linde Hydraulics (Aschaffenburg) beteiligt.

Aradex Baustein für Ziele

Das langfristige Ziel von Weichai ist es, bis 2030 ein weltweit führenden Anbieter für alternative Antriebe und erneuerbare Energien zu werden. Dafür sei die Übernahme von Aradex ein wichtiger Baustein, heißt es in einer Pressemitteilung. Aradex verfüge „über herausragende Fähigkeiten bei der Entwicklung und Systemintegration vom CNC-Servomotor- und Servoumrichter“. Auch hinsichtlich alternativer Antriebe für Nutzfahrzeuge über drei Tonnen (Omnibusse, Laster usw.), Baumaschinen, Schiffe, Elektromotoren und DC/DC-Wandler für Brennstoffzellen bringe Aradex „große Kompetenz und Know-how“ mit ein. Weichai vervollständige damit seine Stärken in den Schlüsseltechnologien traditioneller Antriebsstränge für schwere Nutzfahrzeuge mit den Fähigkeiten in der Batterie-, Elektromotor- und elektronische Steuerung. Damit könne Weichhai künftig komplette Systemlösungen für alternative Antriebe sowie im Spektrum der erneuerbaren Energien anbieten. Um zu wachsen, werde Aradex die Synergien von Weichais umfassendem Portfolio genauso wie das globale F & E-Innovationszentrum und weitere Ressourcen nutzen. Weichai werde mit Hilfe von Aradex die Elektrifizierung seiner Produkte vorantreiben und damit zu einer Verringerung der Emissionen beitragen.

Neue Mitarbeiter gesucht

Für die bisher inhabergeführte Aradex AG ändert sich durch den Verkauf wenig. Das Vorstandsgremium mit CEO Michael Schlingmann, COO Gerd Günther und CTO Thomas Vetter bleibt unverändert. Im Aufsichtsrat hat Zhixin Wang den Vorsitz übernommen, Guogang Wu ist sein Stellvertreter. Der bisherige Vorsitzende Norbert Haug, früher Motorsport-Chef bei Mercedes-Benz, komplettiert das Gremium. Bei der Übernahme wurde für die 70 Beschäftigten in Lorch eine Arbeitsplatzgarantie bis 2021 vereinbart. „Aktuell ist ein Ausbau des Standortes Lorch geplant“, erklärt Schlingmann. Bis 2023 soll die Mitarbeiterzahl auf 140 verdoppelt werden. „Wir suchen technikaffine Frauen und Männer, die bereit sind, die Welt verändern zu wollen“. Der Vorstandsvorsitzende sieht bei der aktuell schwierigen Lage in der regionalen Automobilindustrie und im Maschinen- und Werkzeugbau „gutes Potenzial für Aradex“. Auch der Umsatz, der 2019 bei rund 10,7 Millionen Euro lag, soll schnell wachsen. In der Entwicklung und der Fahrzeugintegration seien erste Kooperationsprojekte angelaufen, sagt Schlingmann.

© Wirtschaft Regional 04.01.2020 11:36
1079 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?