„Es ist keine Trendwende in Sicht“

Finanzwirtschaft Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen erneut gesenkt. Was das für Sparer, Häuslebauer und die Institute selbst bedeutet, erklären die regionalen Bankenchefs.
  • Die Europäische Zentralbank (EZB) links in Frankfurt. Foto: Pixabay

Aalen/Ellwangen

Die Europäische Zentralbank setzt ihre expansive Geldpolitik fort und hat den Strafzins für Einlagen von Geschäftsbanken auf minus 0,5 Prozent gesenkt. Wir haben die Chefs der drei größten Banken im Ostalbkreis gefragt, welche Konsequenzen das hat – für Sparer, private Immobilienbauer und -käufer sowie für die Banken selbst. Andreas Götz, Vorstandschef der Kreissparkasse Ostalb, Kurt Abele, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Ostalb und Bernd Finkbeiner, Vorstandsmitglied der VR-Bank Ellwangen, antworten.

Welche Folgen hat die Entscheidung für den normalen Sparer?

Götz: Der Spargedanke wird durch die Fortführung und weitere Verschärfung der EZB-Zinspolitik mit Null- und Strafzinsen ad absurdum geführt. Die Folgen, etwa für die Altersvorsorge, sind verheerend. Selbst die derzeit geringe Inflationsrate von rund einem Prozent führt zu realen Vermögensverlusten bei Spareinlagen. Der Negativzins trifft also voll den klassischen Sparer, der auf sichere, festverzinsliche Geldanlagen setzt. Für langfristig orientierte Anleger bieten sich umso mehr Aktienund Investmentanlagen an

Abele: Der normale Sparer ist und bleibt der Verlierer. Es gibt keinen Zinseszinseffekt mehr und die Inflation mindert die künftige Kaufkraft des Ersparten. Wir sehen hier auf lange Sicht keine Veränderung. Es sind neue Wege in der Geldanlage zu beschreiten und der Beratungsbedarf steigt.

Finkbeiner: Das Szenario Negativzinsen für vermögende Privatkunden kann bei einer weiteren Ausweitung der expansiven Geldpolitik Realität werden. Was dies etwa für die private Altersvorsorge bedeutet, lässt sich heute aber wohl nur sehr schwer absehen. Wer jetzt positive Erträge erwirtschaften und die Inflation ausgleichen möchte, muss Gelder breiter streuen und schlussendlich auch in Aktien und Rohstoffe investieren.

Welche Folgen hat die Entscheidung für den privaten Bauherrn?

Abele: Während der klassische Sparer der Verlierer ist, ist der private Bauherr in der Gesamtbetrachtung von Zins- und Bau- und Kaufpreisentwicklung nicht zwingend ein Gewinner.

Finkbeiner: Die Zinsen sind bereits im Vorfeld dieser Entscheidung zurückgegangen. Im Nachgang haben sich die Zinsen für Baufinanzierungen sogar leicht erhöht. Es ist davon auszugehen, dass die historisch niedrigen Bauzinsen anhalten. Die Niedrigzinsphase bleibt ein Treiber der Immobilienpreise.

Der normale Sparer bleibt der Verlierer.

Kurt Abele
Vorstandschef VR-Bank Ostalb

Götz: Die Zinsen für Baufinanzierungen befinden sich bereits auf historischen Tiefstständen. Mit negativen Kreditzinsen in der Breite in Deutschland rechne ich nicht. Auf Dauer sind Zinssätze unter einem Prozent für Banken und Sparkassen betriebswirtschaftlich nicht auskömmlich – deshalb hoffe ich, dass das Zinsniveau nicht dauerhaft auf diesem Niveau bleibt.

Welche Folgen hat das für die Regionalbanken?

Götz: Die Folgen sind im Wesentlichen für alle Banken gleich: die Erträge geraten weiter unter Druck. Neue Ertragsfelder müssen erschlossen und Kosten müssen reduziert werden. Preise für Kontoführung und andere Finanzdienstleistungen werden steigen.

Finkbeiner:Aus Sicht der EZB ist das Ziel ihrer Aktion, dass die Banken das Geld eben nicht mehr bei ihr parken, sondern als Kredite ausgeben und so die Wirtschaft ankurbeln. Für unser Haus und ich denke, ich spreche hier für alle Regionalbanken, gilt, dass jede berechtigte Kreditanfrage bei uns bereits die letzten Jahre bedient wurde, unabhängig davon, ob der Einlagensatz positiv ist oder bei -0,50 Prozent liegt.

Abele: Der Druck auf unsere Haupteinnahmequelle, das Zinsergebnis, verfestigt sich. Sowohl durch die Zinssenkung als auch durch das unbefristet angekündigte Anleihenkaufprogramm mit 20 Mrd. Euro pro Monat. Die Nachfrage nach Anleihen wird künstlich erhöht, was sich negativ auf die Preise (Anleiherenditen) auswirkt. Aus der Anlage der nicht als Kredite ausgereichten Gelder unserer Sparer wird in logischer Konsequenz ein weiterer rückläufiger Ergebnisbeitrag resultieren.

Rechnen Sie mit einer weiteren Absenkung durch die EZB unter der neuen Chefin Lagarde?

Finkbeiner: Lagarde hat deutlich gemacht, dass sie eine sehr lockere Geldpolitik für absehbare Zeit für nötig hält. Eine Trendwende und ein Zinsanstieg ist in weite Ferne gerückt.

Abele:Zumindest lässt der Umfang des aktuellen Schrittes vermuten, dass der neuen Chefin durchaus weiterer Spielraum nach unten erhalten bleibt. Ob und gegebenenfalls wann sie diesen nutzt, wird sich zeigen.

Götz: Das ist schwer zu sagen – ich gehe davon aus, dass die neue EZB-Chefin eine ähnliche Zinspolitik vertritt wie ihr Vorgänger und damit zumindest keine Trendwende in Sicht ist.

© Wirtschaft Regional 07.10.2019 13:09
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