Verpackungen bleiben heikles Thema

Gesetzesänderung Seit Anfang des Jahres gilt das neue Verpackungsgesetz, es soll den Abschied von der Wegwerfgesellschaft einläuten. So fällt die Zwischenbilanz bei regionalen Firmen aus.
  • Gelbe Säcke der GOA. Archiv-Foto: hag

Aalen

Die Politik verspricht sich mehr Bewusstsein für das Abfall-Thema bei den Firmen. „Mit dem neuen Verpackungsgesetz sorgen wir für mehr Recycling und vermeiden überflüssiges Plastik. Wir wollen raus aus der Wegwerfgesellschaft“, erklärt Bundesumweltministerin Svenja Schulze, SPD. Doch was sagen beteiligte Unternehmen aus der Region zu dem Thema?

Dünne Kunststoffe gelten unter Umweltschützern als das Feindbild schlechthin. Bislang war der Kampf gegen die Müllberge ein Kampf gegen Windmühlen: Allein in Deutschland wurden zuletzt 18,2 Milliarden Tonnen Verpackungsmüll im Jahr gezählt – so viel wie nie.

Das Prinzip der Produktverantwortung gilt in Deutschland schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert. 1993 wurde geregelt, wer die Entsorgung einer Verpackung bezahlen muss: Nämlich der, der sie befüllt oder erstmalig in Verkehr bringt. Diese Unternehmen zahlen einen Beitrag pro Verpackung ans duale System. Das bleibt so.

„Bisher gab es viele schwarze Schafe, die sich nicht angemeldet haben“, sagt der Marius Mezger. Er ist Geschäftsführer von Mezger Verpackungen aus Ellwangen. Seine Firma stellt mit 50 Mitarbeitern etwa Plastikboxen für Lebensmittel her. Für frische Fertigsalate oder Obstschnitze, wie es sie an der Frischetruhe im Supermarkt gibt. Mezger ist genervt, weil beim Thema Verpackungen die Kunststoffindustrie am Pranger steht. Er arbeitet schon lange nachhaltig: Seine Plastikboxen bestehen zu 80 Prozent aus Bottleflakes, alten PET-Einwegflaschen.

Neues Gesetz, größerer Druck

Durch das neue Gesetz ist der Druck auf die Unternehmen höher geworden, sich zu registrieren. Große Firmen waren schon immer dabei. Nun muss sich auch die kleine Obstbrennerei oder die Schmuckdesignerin vom Dorf anmelden – wenn sie den Schmuck verpackt.

Auch Dietmar Übele hat das getan. Er hat eine Mosterei in Westhausen, produziert und verkauft Säfte und Schnäpse. „Insgesamt etwa 600 000 Liter pro Jahr“, so Übele. Die Registrierung habe einen halben Tag gekostet. Ihn ärgert, dass er Geld für die Entsorgung von Altglas zahlen muss und obendrein noch für die Aludeckel auf den Flaschen. Daneben hat Übele aber auch ein EinwegSystem: Bag in Box nennt es sich, ein Kunststoffbeutel verstärkt von einem Pappkarton. Ob durch das Gesetz die Kosten steigen, weiß Übele noch nicht. „Das müssen wir zum Jahresende sehen.“

Das müssen wir zum Jahresende sehen.

Dietmar Übele

Das Abfallaufkommen ist je nach Landkreis unterschiedlich. Das Umweltbundesamt meldet für den Ostalbkreis 440 Kilogramm pro Kopf und Jahr. In der Landeshauptstadt Stuttgart sind es 391, doppelt so viel in Baden-Baden. Dort produziert jeder Einwohner im Schnitt 780 Tonnen Müll. Der Bundesschnitt liegt bei 484 Kilogramm.

Recyclingquoten erhöht

Der größte Anteil, der in Privathaushalten gesammelten Wertstoffe ist Papier. Von den rund 175 Kilogramm Wertstoffen, die im Ostalbkreis pro Einwohner gesammelt werden, sind 40 Prozent Papier und Pappe. Aber ein Drittel stammt auch aus den gelben Säcken. Entscheidend für den Erfolg des Verpackungsgesetzes ist, wie viele der einzelnen Wertstoffe recycelt werden. Darum wurden die vorgegebenen Recyclingquoten zum Teil deutlich erhöht – bei Kunststoff steigt sie bis 2022 auf 63 Prozent. Bei Glas, Papier und Metallen auf 90 Prozent. Tatsächlich ist man von diesen Quoten gerade bei Kunststoffen weit entfernt, weil ein Großteil des Plastikmülls nicht neu aufbereitet wird, sondern – wie Experten sagen – „energetisch“ verwendet wird, also verbrannt. Immerhin: Dabei entsteht neue Energie.

Dietmar Übele sagt, der Rücklauf bei seinem Mehrweg-Flaschen liege schon heute bei 90 Prozent. Neuglas braucht er vor allem, um Bruch zu ersetzen. Regionale Entsorger, zum Beispiel Bühler aus Bopfingen, trifft das Gesetz kaum. „Weil wir im Bereich Wertstoffe nur für gewerbliche Kunden tätig sind“, sagt Christoph Bühler, geschäftsführender Gesellschafter. Sein Unternehmen hat aber Verträge mit herstellenden Unternehmen, für die es etwa Umverpackungen entsorgt. „Diese sind aber leicht zu recyceln“, sagt Bühler. Denn diese Folien, etwa vom Versand ganzer Paletten, sind in der Regel reine PE-Folien. „Sie können zu 100 Prozent recycelt werden“, sagt Bühler.

Im gelben Sack des Ostalbkreises, den die GOA einsammelt, gibt es einen bunten Plastikmix. Mehrheitsgesellschafter ist die Firma Hörger aus Sontheim. Dort sieht man es positiv, dass es weniger Trittbrettfahrer im dualen System gibt. Die Müllmenge hat sich seit Jahresbeginn nicht groß verändert. Wohl aber die Zahl derer, die für die Entsorgung bezahlen. Laut offizieller Statistik hat sie sich von 60 000 auf knapp 200 000 mehr als verdreifacht. Kritisch sieht man bei Hörger aber die hohen Recyclingquoten. Es müsse sich zeigen, ob die Ziele nicht doch zu ambitioniert gewesen sein, so ein leitender Mitarbeiter.

Wie viel Kunststoff in Deutschland wirklich recycelt wird, ist umstritten. Die Bundesregierung spricht von einer Quote von 39 Prozent. Die Grünen rechnen hier aber Exporte und nicht verwertbare Verbundmaterialien heraus und kommen so nur auf 17 Prozent. Der Wuppertaler Abfallforscher Henning Wilts hingegen kalkuliert noch mal anders: 14 Millionen Tonnen neuen Kunststoffs seien zuletzt in Deutschland verarbeitet worden. Nur 0,8 Millionen Tonnen flossen davon in den Kreislauf zurück. Das wären nicht mal sechs Prozent.

© Wirtschaft Regional 02.08.2019 18:10
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