Wie loslassen leicht fällt

Nachfolge Erich Schmid kennt die Finanzen der Aalener wie kein anderer. 40 Jahre war er Chef der AWT. Über Geld spricht er nicht. Er erzählt zum Ausstand Privates und erklärt seine Nachfolge.
  • Von links: Matthias und Erich Schmid sowie Jürgen Kurz Foto: Peter Ilg

Aalen

Von Hermaringen nach Hofherrnweiler sind es grad mal 40 Kilometer. Mit dem Auto ist das schnell geschafft. Für Erich Schmid liegen dazwischen zwei Leben, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Schmid, heute 81, ist in dem kleinen Dorf Hermaringen bei Giengen aufgewachsen. Seine Eltern hatten eine Metzgerei und eine Gastwirtschaft. „Das ist die schlimmste Kombination überhaupt.“ Morgens um sechs Uhr ging es in der Schlachtküche los, um Mitternacht schloss die Wirtschaft. „Zeit für uns drei Buben hatten die Eltern nicht.“ Während die beiden Brüder traditionell den Weg des Vaters gingen, schlug Erich Schmid aus der Art: Lehre als Industriekaufmann bei Voith in Heidenheim, Wirtschaftsoberschule in Ulm. „Abi mit Auszeichnung.“ Den Stolz darüber hört man aus der souveränen Stimmlage, wie er die drei Worte spricht.

Schon ab der Schule in Ulm will Schmid Steuerberater werden. Er geht nach München und studiert Betriebswirtschaftslehre. Mitte der 1960er Jahre hat er seine erste Stelle in Heilbronn, nach vier Jahren wechselt er in eine Familienkanzlei nach Ulm. Eine schlechte Entscheidung. „Deshalb habe ich mich nach einem Jahr nach einer Anstellung umgeschaut, in der ich eine Steuerkanzlei übernehmen kann.“ Schmid schaltet eine Anzeige in der Zeitung und legte den Ort zwischen Ulm und Aalen fest. Daraufhin meldet sich die Kanzlei Süß und Steidl aus Aalen, zwei ältere Herren mit einer Mitarbeiterin. 1970 tritt Schmid seine Stelle an, heiratet im selben Jahr, seine Frau stammt ebenfalls aus Hermaringen. Einige Jahre wohnen sie in Aalen in Miete, dann baut das Paar in Hofherrnweiler ein Haus. Sie sind angekommen.

Anfang der 1970er Jahre scheidet Süß aus, Schmid übernimmt die Hälfte der Geschäftsanteile und firmiert in Aalener Wirtschaftstreuhand, AWT, um. Die Büroräume bleiben in der Schleifbrückenstraße. Als Schmid seine eigene Steuerkanzlei hat, ist er 38 Jahre alt und hat die Prüfungen zum Steuerberater und Wirtschaftsprüfer abgelegt. Es war aber bei Weitem nicht so, dass er sein Ziel damit erreicht hatte. „Es war der entscheidende Schritt, meinen Beruf so auszuüben, wie ich mir das vorstellte.“ Damit fing die zweite Hälfte seines Arbeitslebens an.

Schmid baut die Kanzlei kräftig aus, heute hat sie 22 Mitarbeiter. Dreiviertel der Mandanten sind Firmenkunden, die anderen Privatleute, beide überwiegend regional. „Das fachliche, organisatorisch und gestalterische in der Steuerberatung fiel mir leicht, das habe ich gerne gemacht.“ Schwer sei es immer gewesen, gutes Personal zu finden. Deshalb bildet AWT seit 40 Jahren aus. Ein ehemaliger Azubi ist heute einer der beiden Geschäftsführer.

Irgendwann und das besser früh als spät muss sich jeder Unternehmer Gedanken über seine Nachfolge machen. Schmid hat drei Kinder und traditionell sollte der älteste die Firma übernehmen. Als der Vater merkt, dass der in eine andere berufliche Richtung will, hat er auf seinen zweiten Sohn, Matthias, gesetzt. „Es gab schon eine gewisse Einflussnahme“, sagt Schmid in seiner typisch zurückhaltenden, dennoch zielführenden Art.

Es gab schon eine gewisse Einflussnahme.

Erich Schmid
Ex-Chef der AWT

Er ist ein Mann, wie man sich einen Steuerberater aus dem Bilderbuch vorstellt: Er hört aufmerksam zu und spricht mit Bedacht. Daraus entsteht ein sicheres Gefühl. Seine Tochter ist auch Steuerberaterin und hat mit ihrem Mann eine Kanzlei in Schwäbisch Gmünd. Matthias ist Steuerberater und Wirtschaftsprüfer und heute Inhaber der Kanzlei und Geschäftsführer. Jürgen Kurz ist der andere Geschäftsführer, er hat bei AWT eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten abgeschlossen, ging studieren und kam nach zwei beruflichen Stationen zurück.

Die Nachfolge von Schmid kann Blaupause für andere Unternehmen sein, denn besser geht es nicht. „Das kam aber nicht von allein, dran habe ich jahrelang gearbeitet.“ Schmid hat seine Mandanten in der Unternehmensnachfolge beraten. Neben all den fachlichen und finanziellen Angelegenheiten empfiehlt er: „Man muss den Jungen das Gefühl geben, dass man ihnen etwas zutraut, sie fordern und entscheiden lassen und man muss loslassen können.“

Schmid ist keiner, der Wasser predigt und Wein trinkt. Vor zehn Jahren ist er aus dem Tagesgeschäft ausgeschieden, war als Ratgeber für die beiden Nachfolger da. Zum Jahresende 2018 hat der Senior diese Rolle aufgegeben. „Es war schon vor zehn Jahren nicht schwer, aufzuhören, denn ich habe erreicht, was ich wollte: ein geordnetes Haus zu hinterlassen“, das sagt Schmid ganz ruhig und mit sich und der Welt völlig im reinen. Er genießt dieses Glück sichtlich.

Anfang Mai hat sich Erich Schmid offiziell bei einem Firmenfest im Motodrom in Aalen von seinen Mitarbeitern und deren Partnern verabschiedet.

© Wirtschaft Regional 16.05.2019 18:10
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