SIEMENS / Konzernchef Klaus Kleinfeld kündigt hartes Vorgehen an

Bandenkriminalität auf Vorstandsebene

  • Derzeit sind sechs Verdächtige hinter Gittern. Unser Bild zeigt den Siemens-Schriftzug eines Verwaltungsgebäudes, der sich auf einer Fassade spiegelt. FOTO: AP
Die Enthüllungen über eine Bande teils hochrangiger krimineller Mitarbeiter und die Unterschlagung von rund 200 Millionen Euro haben den Siemens-Konzern in einen Schockzustand versetzt. 'Das ist erschütternd', sagte ein Siemens-Funktionsträger gestern.Mit der Verhaftung eines früheren Bereichsvorstands und durch die Beteiligung von Mitarbeitern im Bereich des Controllings hat die Siemens-Affäre inzwischen eine Dimension erreicht, die kaum jemand im Haus für möglich gehalten hat. So versuchte Siemens-Vorstandschef Klaus Kleinfeld gestern, mit der Ankündigung eines harten Vorgehens in die Offensive zu gehen.

Offiziell wollen sich derzeit nur wenige bei Siemens zu dem Skandal äußern. 'Ich arbeite seit 25 Jahren für den Konzern, und es bewegt mich sehr, was da vorgeht', sagte zum Beispiel der Chef der Siemens-Tochter Osram, Martin Goetzeler. Er könne nur versichern, dass 'der gesamte Vorstand von Siemens und die Führungsmannschaft daran interessiert sind, dass die Vorwürfe aufgeklärt werden und dass die Kooperation mit der Staatsanwaltschaft vollständig fortgesetzt wird'.

Auch Kleinfeld kündigte eine schonungslose Aufklärung an. Mitarbeiter, bei denen sich der Verdacht auf ungesetzliches Verhalten erhärte, würden 'unmittelbar suspendiert'. Obwohl allerdings unter anderem der Geschäftsführer einer Siemens-Tochter seit einer Woche in Haft sitzt, hat es bisher offenbar noch keine Suspendierungen gegeben. In jedem Fall will der Konzern die Verhaltensregeln für seine Mitarbeiter deutlich verschärfen.

Experten betonen, wie wichtig das aktive Vorgehen eines Unternehmens gegen Korruption ist. Es reiche nicht, einmal Verhaltensregeln aufzustellen und sich ansonsten auf Staatsanwaltschaft und Polizei zu verlassen. 'Korruption ist ein Kontrolldelikt', sagte Stefan Heißner, Korruptionsexperte bei der Beratungsgesellschaft Ernst & Young, in München. Fälle würden meist nur durch aktive Maßnahmen oder Hinweise aufgedeckt.

Auch Maxim Worcester vom weltweit aktiven Beratungskonzern Control Risks betont, dass es mit einfachen Verhaltensregeln nicht getan sei. 'Sie müssen auch nach innen und außen gelebt und vertreten werden.' Die Beratungsfirma stellt vielfach fest, dass die Regeln in den Unternehmen kaum bekannt sind. 'Das muss von den Chefs und Managern immer wieder thematisiert werden.'

Trotz der enormen Dimension des Falles wird im Umfeld des Konzerns betont: 'Das ist nicht Siemens.' Zum einen handle es sich bei den rund ein Dutzend Verdächtigen verglichen mit den mehr als 450 000 Beschäftigten um eine kleine Zahl. Zudem konzentrierten sie sich nur auf einen Bereich des breit aufgestellten Konzerns - die Festnetzsparte Com. 'Wir haben es offenbar mit einer Com-Bande zu tun.' Zumindest die politische Verantwortung für die Vorfälle wird dabei derzeit von vielen Thomas Ganswindt zugeschrieben. Der Manager war Chef der früheren Festnetzsparte ICN und verantwortete das Geschäft eine Zeit lang im Zentralvorstand. Allerdings hat er den Konzern vor einigen Wochen verlassen.

Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft in Ungarn Anklage wegen des Verdachts der Bestechung gegen einen weiteren früheren leitenden Siemens-Mitarbeiter erhoben. Er soll von zwei ebenfalls angeklagten Mitarbeitern des Verteidigungsministeriums Informationen zu einem Kasernen-Modernisierungsprogramm erhalten haben. Siemens habe sich daraufhin bei der Ausschreibung die Aufträge im Wert von mehreren Millionen Euro sichern können. Der angeklagte Mitarbeiter ist noch immer für Siemens tätig.
© Südwest Presse 24.11.2006 07:45
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