VOLKSWAGEN / Aus für Golf in Brüssel - Bis zu 4000 Stellen gefährdet

Ex-Betriebsratschef in Haft Staatsanwalt befürchtet Verdunkelungsgefahr bei Klaus Volkert

  • Konnten gut miteinander, haben aber jetzt Probleme mit der Staatsanwaltschaft: Ex-VW-Personalvorstand Peter Hartz (links) und der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert. FOTO: dpa
Weiter Turbulenzen bei Volkswagen: Während der Konzern gestern das Aus für die Golf-Produktion in Brüssel ankündigte, wurde sein ehemaliger Betriebsratschef Klaus Volkert gestern verhaftet. Die Staatsanwaltschaft nannte als Grund Verdunkelungsgefahr.Der frühere VW-Gesamtbetriebsratschef Klaus Volkert ist gestern überraschend wegen Verdunkelungsgefahr verhaftet worden. Er soll versucht haben, den Mitbeschuldigten Klaus-Jürgen Gebauer zu einer Änderung seiner Aussage zu drängen, wie die Braunschweiger Staatsanwaltschaft mitteilte. Im Haftbefehl wird Volkert Anstiftung zur Untreue vorgeworfen. Erst vergangene Woche war Ex-VW-Personalvorstand Peter Hartz als Erster in der Affäre wegen Untreue in 44 Fällen angeklagt worden.

Laut Staatsanwaltschaft hat der frühere VW-Personalmanager Gebauer erklärt, Volkert habe ihn bei einem Treffen am 1. November dieses Jahres in Magdeburg bedrängt, seine bisherigen Angaben über ihn abzuschwächen oder zu relativieren, um so eventuell unbestraft zu bleiben oder zumindest milder bestraft zu werden. Im Gegenzug sei Gebauer angeboten worden, ihm einen kostenlosen Verteidiger zu verschaffen und dafür zu sorgen, dass er keine Zahlungen an seinen bisherigen Rechtsbeistand zu leisten brauche, teilte die Staatsanwaltschaft weiter mit.

Ansonsten könne das weitere Verfahren zu einem 'Gemetzel' führen, soll Volkert gesagt haben. 'Diese Äußerung hat die Staatsanwaltschaft als Drohung gegenüber Gebauer aufgefasst, falls er sich auf das Angebot nicht einlasse', betonte Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe. Zudem bestehe der Verdacht, dass Volkert Gebauer oder andere Beteiligten zu 'wahrheitswidrigen Aussage bewegen und die Aufklärung der Sache um jeden Preis verhindern wollte'. Dagegen sagte Volkerts Anwalt Peter-Michael Diestel, Volkert sei auf Grund von 'Falschaussagen' Gebauers 'grundlos' in Untersuchungshaft.

Volkert, Gebauer und der Ex-Skoda-Vorstand Helmut Schuster sind die Hauptbeschuldigten in der Affäre. Sie sollen Geld aus VW-Kassen auf eigene Konten umgeleitet haben. In der Affäre wird unter anderem noch gegen den SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Uhl und den früheren Betriebsrat Bernd Sudholt ermittelt. Bei ihnen geht es vor allem um die mutmaßliche Teilnahme an Luxusreisen und Vergnügen auf Firmenkosten.

Das IG-Metall-Mitglied Volkert galt nach Auffassung der Staatsanwaltschaft als mächtigster Betriebsrat bei VW. Der VW-Personalvorstand Hartz soll mit Millionenzahlungen Volkerts Wohlwollen erkauft haben. So soll Volkert fast 2 Mio. EUR Sonderbonuszahlungen von Hartz erhalten haben, ohne dass dies bei VW offen gelegt worden sei. In der 63 Seiten starken Anklageschrift werden Hartz zudem Barzahlungen von 400 000 EUR an eine frühere Geliebte von Volkert vorgeworfen.

Wichtigstes Modell

VW will die Produktion seines wichtigsten Modells auf die deutschen Standorte Wolfsburg und Mosel bei Zwickau konzentrieren. Damit sollen Kosten in dreistelliger Millionenhöhe gespart werden, gab der Autohersteller gestern bekannt. Die Gewerkschaften befürchten den Verlust von bis zu 4000 der 5400 Arbeitsplätze im Brüsseler Werk. Die Belegschaft reagierte entsetzt auf die Pläne. Schon seit Freitagabend hatten die Gewerkschaften aufgerufen, die Arbeit niederzulegen.

Seit den 80er Jahren produziert VW in Brüssel den Golf. Laut Gewerkschaft werden jedes Jahr etwas mehr als 200 000 Autos hergestellt, davon sind aber höchstens 11 000 Fahrzeuge vom Typ Polo. Experten der Arbeitnehmerseite gehen davon aus, dass bei Zulieferern weitere 8000 bis 9000 Stellen in Gefahr sind. Die Gewerkschaften beim Antwerpener General-Motors-Werk nannten das Vorgehen von VW einen 'nationalistischen Reflex'. Die Ankündigung von VW rief auch die EU-Kommission auf den Plan. Sie will bei der Bewältigung der anstehenden Entlassungen helfen.
© Südwest Presse 22.11.2006 07:45
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