ARCHITEKTEN / Kammer: Abiturienten sollen etwas anderes studieren

Bau-Tief plagt die Planer

Markt ist übervoll - Besonders Mittelständler tun sich schwer
  • Freude am Entwerfen: Eine junge Architektin plant ein Gebäude. Viele ihrer Arbeitskollegen in Baden-Württemberg können davon allerdings nur träumen - denn es gibt ihrer zu viele und die Zahl der Aufträge ist zurückgegangen. FOTO: dpa
Weil weniger gebaut wird, es zugleich aber immer mehr Architekten gibt, sendet die Landeskammer Baden-Württemberg eine deutlichen Botschaft an Abiturienten aus: Sie sehe den Ansturm auf die Architektur-Studiengänge mit Bedenken. Im Klartext: Studiert etwas anderes!Es ist keine aufbauende Botschaft, die die Architektenkammer Baden-Württemberg dieser Tage verbreitet. Sie richtet sich an die studienberechtigten Schulabgänger und lautet, zugespitzt formuliert: Finger weg von der Architektur! 'Der Markt stößt an seine Grenzen, so dass Traum und Wirklichkeit im Berufsalltag von Architekten oft weit auseinander klaffen', heißt es in einer Mitteilung, und: 'Viele Absolventen finden keine Stelle, die ihrer Ausbildung entspricht.'

Kein alltäglicher Aufruf, verhindert die Kammer so doch potenzielle Neu-Mitglieder und damit Beitragszahler. 'Hintergrund ist, dass die Landesregierung angekündigt hat, die Zahl der Studienplätze auszuweiten - das macht für Architektur aber keinen Sinn', sagt Hans Dieterle, Geschäftsführer der Landeskammer. 'Es gibt heute schon zu viele Architekten in Baden-Württemberg,' Aktuell sind es 15 902 unter 65 Jahren. Auf 1000 Einwohner kommen damit etwa zwei Planer - und immer noch rücken obendrein mehr nach, als aufhören. 'Zugleich wird aber seit Mitte der 90er Jahre immer weniger gebaut.'

Die Fakten: Von 1994 bis 2004 hat sich nach Kammerangaben die Zahl der Architekten im Südwesten um über 20 Prozent erhöht. Jedes Jahr machten allein im Südwesten rund 830 Studenten ihren Abschluss. Wenige Kollegen erreichten aber in diesem Zeitraum das Rentenalter und viele hörten jenseits der 65 nicht auf zu arbeiten. Angesichts der Tatsachen, dass der Beruf dennoch weiterhin sehr beliebt ist und bis zu 12 Prozent mehr Studienberechtigte prognostiziert werden, zog die Kammer nun die Notbremse.

Immer weniger Aufträge

Denn die Arbeit wird nicht mehr, sondern weniger: Die Zahl der Baugenehmigungen in Baden-Württemberg ist laut Statistischem Landesamt von rund 110 000 im Jahr 1994 auf rund 38 000 im vergangenen Jahr zurückgegangen. Nach Angaben der Kammer wurden im selben Zeitraum im Bauhauptgewerbe mehr als 50 Prozent weniger Arbeitsstunden geleistet. Es gab ein Drittel weniger Architektenwettbewerbe.

Es wird also derzeit bereits zunehmend schwerer für die 7448 selbstständigen Hochbauarchitekten, genügend Aufträge an Land zu ziehen. Nur 8 Prozent der rund 5500 Betriebe gehören zu den Großverdienern mit einem Jahresumsatz von über 100 000 EUR. Ein Viertel der Büros setzt weniger als 25 000 EUR um. Büros werden erst ab einem Jahresumsatz von 17 500 EUR erfasst. Laut Arbeitsagentur sind in Baden-Württemberg 553 Architekten arbeitslos.

'Besonders die Ein-Mann-Büros und die mittelgroßen Büros haben es schwer', sagt der Kammergeschäftsführer. Den Einzelkämpfern gelinge es immerhin, Nischen zu besetzen: Sie beraten etwa bei der energetischen Gebäudesanierung oder verdingen sich als Bausachverständige. Die mittelgroßen Büros hängen zwischendrin. 'Sie müssen wachsen - oder sie zerbrechen.'

Nun schätzen die freischaffenden Architekten seit Herbst 2005 ihre Lage wieder besser ein. 'Aber selbst ein Aufschwung wird nicht reichen, um die Situation zu entspannen', sagt Dieterle. Denn viele Architekten sind 50 und 55 Jahren alt, der Markt bleibt also noch jahrelang voll. Als Alternative empfiehlt Dieterle jungen Leuten in Bachelor-Studiengängen, einen Master in Immobilienwirtschaft draufzusetzen. Oder: Ab nach England, dort gebe es Chancen für Architekten.
© Südwest Presse 12.08.2006 07:45
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