CHEMIE / Branche im Südwesten bleibt vorerst auf Erfolgskurs

Mittelstand unter Druck

2007 deutlich schwächeres Wachstum - Weniger Beschäftigte
  • Trotz eines Umsatzwachstums von 6,5 Prozent entstehen in der der Chemie- und Pharmabranche im Südwesten keine neuen Stellen. Unser Bild zeigt einen Chemiker, der die Erzeugung organischer Substanzen im Labor prüft. FOTO: AP
Die Chemiebranche im Südwesten profitiert vom guten Auslandsgeschäft und wächst weiter kräftig. Doch für nächstes Jahr trüben sich die Aussichten ein. Auch geraten die vielen mittelständischen Unternehmen zunehmend unter Druck, sagt Verbandspräsident Gerd Backes.Die baden-württembergische Chemie- und Pharmaindustrie bleibt nach dem Boomjahr 2005 auch in diesem Jahr auf Wachstumskurs. In den ersten sechs Monaten steigerte die Branche, die rund 101 000 Mitarbeiter beschäftigt, den Umsatz um 6,5 Prozent auf 8,1 Mrd. EUR, berichtete Dr. Gerd Backes (56), der neue Vorsitzende des Landesverbandes der Chemischen Industrie. Bis zum Jahresende wird das kräftige Wachstum noch anhalten. Dass trotz dieser erfreulichen Entwicklung die Zahl der Beschäftigten erneut um 1,2 Prozent abgenommen hat, begründet er mit der Auslagerung von Dienstleistungen in Unternehmen, wie beispielsweise Kantinen, Werksschutz und Buchhaltung. Echten Stellenabbau gebe es keinen, sagte Backes, der im Hauptberuf Geschäftsführer der Sigma-Aldrich GmbH in Steinheim bei Heidenheim ist, einer Tochter des weltgrößten Feinchemikalien-Herstellers Sigma-Aldrich (USA). Die durchschnittliche Branchenrendite bezifferte er zwischen 3,5 und 5 Prozent.

Als Mär bezeichnete er, dass es von einem Wachstum von 2 Prozent an zu einem Stellenaufbau komme. In Chemieunternehmen sei ein Plus von 7 Prozent nötig, um das Personal aufstocken zu können. 2007 werde die Chemie- und Pharmabranche im Südwesten aber nur noch um 2 Prozent zulegen. Die getrübten Aussichten begründet er mit dem wirtschaftlichen Abschwung in den USA und einigen europäischen Ländern.

In Sachen Kosten aufgeholt

Dass Deutschland im internationalen Vergleich deutlich besser dastehe, liege auch an der Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre. Damit sei der Abstand zu anderen europäischen Ländern deutlich geringer geworden. Zudem sei es der deutschen Branche gelungen, sich zu spezialisieren und damit international wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die vielen Mittelständler im Südwesten geraten nach seinen Angaben aber von mehreren Seiten unter Druck. Zum einen durch politische Entscheidungen wie die EU-Chemikalien-Richtlinie Reach, die erhebliche Kosten für die Unternehmen bringen wird, oder die Gesundheitsreform, mit der man die Arzneimittelhersteller angreife, während die Politik nicht an die Verwaltungsausgaben der Kassen herangehe.

Zudem verschiebe der anhaltende Konzentrationsprozess in der Chemie und im Pharmabereich die Nachfragemacht weiter zu den Großkonzernen und verschärfe den Preisdruck für Mittelständler. Diese haben zwar die Möglichkeit, Nischen zu besetzen, die die Branchenriesen offen lassen. Doch um am Markt zu bestehen, hat der Mittelstand laut Backes nur zwei Chancen. Er müsse - bei geringeren Kosten - hohe Qualität bieten und sich auf die Bedürfnisse seiner Kunden genauestens einstellen.

Im Zeitalter der Globalisierung hätten kleine Unternehmen - angesichts häufig geringer Mengen und dem vergleichsweise leichten Transport von Chemikalien - den Vorteil, dass sie den großen Kunden mit der Produktion nicht ins Ausland folgen müssten. Unabdingbar ist es laut Backes aber, engen Kontakt zum Kunden zu halten. Bei der Korrespondenz über Internet und der Anfrage von Mustern, so Backes, sei die Reaktionszeit entscheidend. 'Ich halte es für unwahrscheinlich, dass man als Mittelständler künftig überleben kann ohne ein Standardschema, um Kundenbedürfnisse regelmäßig abzufragen.'



© Südwest Presse 10.08.2006 07:45
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