KONJUNKTUR / Industrie im Land fällt als Beschäftigungsmotor aus

Rekordtief bei Stellen

Industrie- und Handelskammern ermitteln beste Stimmung
  • In der Autoindustrie fallen derzeit besonders viele Stellen weg. Im Bild ein Blick in die Produktion von Daimler-Chrysler in Sindelfingen. Firmenfoto
Die Südwest-Industrie fällt als Beschäftigungsmotor aus. Ihre Mitarbeiterzahl sank auf einen historischen Tiefststand. Mit 1,19 Millionen Beschäftigten ist sie auf das Niveau der fünfziger Jahren zurückgefallen, obwohl sich die konjunkturellen Aussichten weiter aufhellen.In der Industrie Baden-Württemberg geht der Abbau bei den Beschäftigten weiter. Ende März erreichte die Mitarbeiterzahl der Südwestindustrie mit 1,19 Millionen einen Negativ-Rekord. 'Damit markiert die Südwestindustrie einen historischen Tiefpunkt. Der Stand entspricht in etwa dem Niveau der Industriebeschäftigung Mitte der fünfziger Jahre', heißt es in einer Mittelung des Statistischen Landesamtes.

Allein in den ersten drei Monaten des Jahres fielen 12 900 Stellen weg. Damit hat sich nach Angaben Statistiker das Tempo des Stellenabbaus mit 1,1 Prozent weiter verstärkt. Im ersten Quartal 2005 hatte der Rückgang lediglich 0,6 Prozent betragen.Zu den Personalverlusten kam es im ersten Quartal 2006 hauptsächlich beim Fahrzeugbau mit 5300 Stellen sowie beim Papier-, Verlags- und Druckgewerbe mit 2200 Stellen.

Der durchschnittliche Monatsverdienst lag im ersten Quartal in der Südwestindustrie bei etwa 3350 EUR pro Beschäftigtem. Insgesamt wurden 12 Mrd. EUR Löhnen und Gehältern ausgezahlt. Die auf den Umsatz bezogene Lohnquote sei damit gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 1,7 Prozent zurückgegangen.

Mit einer Trendwende ist trotz bester Konjunkturaussichten im Land nicht zu rechen. Zu diesem Ergebnis kommt die jüngste Konjunkturumfrage der Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK). Zwar hätten sich die Beschäftigungspläne der Unternehmen geringfügig verbessert, aber die Zahl der Unternehmen, die zusätzliches Personal einstellen wollen, sei kaum höher als die der Betriebe, die Stellen abbauen wollen.

Stimmungshoch

Dessen ungeachtet befindet sich die Wirtschaft im Südwesten 'in einem Stimmungshoch wie seit sechs Jahren nicht mehr', sagte BWIHK-Präsident Till Casper. Lage und Erwartungen der Unternehmen für die kommenden zwölf Monate hätten sich im Vergleich zum Jahresbeginn nochmals verbessert. Vor allem die Elektrotechnik, der industrienahe Großhandel und der Fahrzeugbau profitierten von Umsatzgewinnen. An der Umfrage hatten sich mehr als 4100 Unternehmen aller Branchen beteiligt.

Mehr als 37 Prozent der baden-württembergischen Unternehmen beurteilen nach der Umfrage ihre aktuelle Geschäftslage gut. Das sind 3 Prozent mehr als zu Beginn dieses Jahres. Bei der Geschäftsentwicklung erwarten fast 44 Prozent der Betriebe eine Verbesserung. Das sei ein Anstieg um 5 Prozentpunkte gegenüber dem Jahresbeginn. Der Optimismus basiere auf der zunehmend besseren Auftragslage.

Im Maschinenbau erwarten mehr als die Hälfte der Unternehmen für die nächsten 12 Monate eine bessere Geschäftsentwicklung. Nur etwa 7 Prozent seien pessimistisch. Im Fahrzeugbau seien mehr als 40 Prozent optimistisch, knapp 10 Prozent pessimistisch. Die Bauwirtschaft registriert eine stark verbesserte Auftragslage. Erstmals seit Jahren sind mit 31 Prozent wieder wesentlich mehr Betriebe zuversichtlich als pessimistisch.

Deutlich mehr als die Hälfte der Exportbetriebe rechneten in den nächsten 12 Monaten mit zunehmenden, nur 6 Prozent mit abnehmenden Auslandsgeschäften. Auch die Binnennachfrage legte bei steigender Investitionsbereitschaft zu. 33 Prozent der im Inland investierenden Unternehmen, 3 Prozent mehr als zu Jahresbeginn, planen mehr Inlandsinvestitionen.
© Südwest Presse 16.05.2006 07:45
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