DÄNEMARK / Kauf-Fest der Verbraucher stützt die Wirtschaft

Jagd auf den letzten Arbeitslosen

  • Die dänischen Unternehmen suchen händeringend nach Arbeitskräften. Unser Bild zeigt einen Blick in die Svaneke Bonbonfabrik. Archivfoto
In einer beneidenswerten Verfassung befindet sich der dänische Staat. Die Wirtschaft boomt, die Steuereinnahmen sprudeln und die Arbeitslosenquote beträgt lediglich 5 Prozent. Die Verbraucher sind ausgesprochen optimistisch und sorgen für ein wahres Kauf-Fest.Ganzseitig hat Dänemarks größte Zeitung 'Jyllands-Posten' ihren Lesern per Schlagzeile und Karikatur akuten Arbeitskräftemangel als das derzeit eigentlich einzige echte Wirtschaftsproblem im boomenden Königreich präsentiert. 'Die Jagd auf den letzten Arbeitslosen' sei schon im Gange, hieß es zum Wochenauftakt in der Schlagzeile über dem Bild eines gähnend leeren und selbst arbeitslos gewordenen Arbeitsamtes.

'Der massive Privatverbrauch in der zweiten Hälfte 2005 hat unsere Prognosen ziemlich über den Haufen geworfen', freut sich Chefökonom Steen Bocian von Danske Bank. Um 4,4 Prozent wuchs die dänische Wirtschaft nach den Angaben des größten Geldinstituts im Land. Finanzminister Thor Pedersen rechnet auch in diesem Jahr wieder mit einem Plus von umgerechnet 4 Mrd. EUR in der Staatskasse - und das nach vier Jahren ohne Steuererhöhungen.

Nach einem beispiellosen 'Kauffest' der seit Jahre notorisch optimistischen Verbraucher zu Weihnachten konnte der rechtsliberale Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen zusammenfassend in seiner Neujahrsansprache den schlichten Satz vom Manuskript oder wahlweise dem Tele-Prompter ablesen: 'Ja, es läuft gut in Dänemark.' Der von ihm beim Amtsantritt Anfang 2002 verkündete 'Steuerstopp', ein prinzipielles Verbot von Steuererhöhungen', habe jeder dänischen Durchschnittsfamilie ein jährliches Plus von 10 000 Kronen (1350 EUR) in die Haushaltskasse gebracht. Gleichzeitig habe man mit gut 5 Prozent die niedrigsten Arbeitslosenquote seit 1979 erreicht.

Tatsächlich hat nicht zuletzt der stark durch Kredite finanzierte Anstieg des Privatkonsums die dänische Konjunktur mit einem Wirtschaftswachstum von wahrscheinlich 2,8 Prozent im letzten Jahr in Schwung gehalten. Die Immobilienpreise haben sich in den vergangenen 15 Jahren vor allem in und um Kopenhagen fast verdreifacht. Auch für die Nutznießer dieser dramatischen Vermögenszuwächse ohne Arbeitsleistung hat Rasmussen nur Beruhigendes zu vermelden: 'Hauseigentümer müssen nicht mehr Steuern befürchten, wenn der Wert ihres Wohnraumes zunimmt.'

Ebenfalls beneidenswert weitgehende Unabhängigkeit der Volkswirtschaft von den Energiepreisen dank des eigenes Nordseegases und kommerziell erfolgreiche Unternehmen in industriellen Nischenbereichen passen ins derzeitige Erfolgsbild. Für zusätzlichen Optimismus sorgt der sich bei der einstigen Konjunkturlokomotive Deutschland abzeichnende Aufschwung. 'Es gibt hier noch Unsicherheit, aber insgesamt herrscht bei uns doch Optimismus Richtung Deutschland vor', meint Bankökonom Bocian. Der deutsche Markt ist mit einem Anteil von 20 Prozent aller dänischen Warenexporte mehr als nur eine Randfrage für die eigene Konjunktur.

Umso mehr wird in Kopenhagen davor gewarnt, dass 'Flaschenhals- Probleme' am Arbeitsmarkt die seit den 90er Jahren praktisch ohne Pause kräftig nach oben drängenden Boom-Kurven zum Einknicken bringen könnten. Rasmussen will mit der Abschaffung von attraktiven Vorruhestandsmodellen und der erneuten Anhebung des Rentenalters von derzeit 65 Jahren langfristig gegenhalten. Er hat dies auch in seiner Neujahrsansprache als kleinen 'Wermutstropfen' unter all den sonstigen Freudenbotschaften angekündigt.
© Südwest Presse 20.04.2006 07:45
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