BIOTECHNOLOGIE / Gute Aussichten für junge Unternehmen

Gestärkt aus der Krise

Weitere Börsengänge in diesem Jahr erwartet
  • Ein Ingenieur der Biotech-Firma Attomol (Lipten/Brandenburg) prüft an Hand von Farbproben, ob bestimmte chemische Prozesse stattgefunden haben. FOTO: dpa
Die deutsche Biotechnologie-Branche ist für Investoren mittlerweile interessanter als die Konkurrenz in Großbritannien. Nach einer Phase der Konsolidierung in den vergangenen Jahren stufen Experten die Aussichten der jungen deutschen Biotech-Firmen als sehr gut ein.Die deutsche Bio-technologiebranche hat ihre Krise überwunden und ist mittlerweile für Investoren so interessant, dass sie mehr Kapital anzieht als die Konkurrenz in Großbritannien. 'Die deutschen Unternehmen sind gestärkt aus der Krise hervorgegangen, das Vertrauen in die Branche ist zurückgekehrt', sagte Julia Schüler, Leiterin des Projekt-Teams für den neuesten Biotechnologie-Report der Unternehmensberatung Ernst & Young. Dieser untersucht vergleichsweise junge und kleine Unternehmen, nicht aber Pharmariesen wie Boehringer Ingelheim und Roche, die in Sachen Biotechnologie tonangebend in Deutschland sind.

Hauptgrund für die deutlich bessere Lage sind Fortschritte in der Forschung und die Aussicht für erste Marktzulassungen von Medikamenten in den nächsten zwei bis drei Jahren. Fast zwei Drittel der Unternehmen wollen aufgrund der guten Lage in diesem Jahr neue Arbeitsplätze schaffen, nachdem im vergangenen Jahr noch gut 140 von knapp 9700 weggefallen sind.

Allerdings ist auch hier die Entwicklung günstiger, als die Zahlen auf den ersten Blick aussagen. Der Abbau der Arbeitsplätze ist vor allem auf Übernahmen und Fusionen und nicht mehr auf Insolvenzen zurückzuführen. 2005 mussten nur elf der 380 Firmen den Geschäftsbetrieb aufgeben, ein Jahr zuvor waren es noch 29. Insgesamt schrumpfte die Zahl der Biotech-Firmen 2005 um fünf auf 375. Diese Unternehmen steigerten ihren Umsatz um 8 Mio. EUR auf 832 Mio. EUR , die Ausgaben für Forschung und Entwicklung lagen bei 790 Mio. EUR. Allerdings erhöhten sich auch die Verluste um 6 Prozent auf 568 Mio. EUR. Andererseits kletterte der Anteil der Firmen, die profitabel arbeiten, von 27 auf 30 Prozent.

'Es bilden sich mehr und größere Einheiten, die auch die Finanzkraft haben, um auf Dauer im Wettbewerb zu bestehen', sagt Schüler. Die Unternehmen profitieren aber auch vom wachsenden Vertrauen der Geldgeber. Insgesamt wurden 2005 knapp 490 Mio. EUR an frischem Kapital aufgetrieben, 15 Prozent mehr als 2004. Beim Risikokapital-Zufluss gab es sogar ein Plus von 38 Prozent auf 326 Mio. EUR. Damit investierten die Wagniskapitalgeber erstmals mehr Geld in die deutsche Biotech-Branche als in die britische.

Allerdings setzen sie zugleich mehr auf reifere Firmen, so dass es junge Biotech-Unternehmen schwer haben. Drei Firmen - Jerini, Paion und Evotec - konnten 2005 über die Börse insgesamt 124 Mio. EUR einsammeln.

Mittlerweile hat die Branche in Deutschland nach Angaben von Ernst & Young rund 290 Wirkstoffe für die Medikamentenentwicklung ausfindig gemacht, 122 von 285 befinden sich bereits in der wichtigen klinischen Prüfung. 'Der echte Durchbruch mit Marktzulassungen steht erst noch bevor, ist aber in den nächsten zwei bis drei Jahren abzusehen', sagt Schüler.

Die Aussichten für die Branche seien gut, der 2004 noch vorhandene Pessimismus habe sich schon 2005 mehr und mehr in Zuversicht gewandelt. Weitere Börsengänge, noch bessere Finanzierungsmöglichkeiten und ein allgemeiner Aufwärtstrend würden das Bild in diesem Jahr prägen.
© Südwest Presse 06.04.2006 07:45
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