TEXTILINDUSTRIE / Streit zwischen China und dem Westen ist abgewendet, die Verbraucher profitieren weltweit davon

Der Strukturwandel, bei dem Deutschland eine gute Figur macht

  • Besucher besichtigen eine Webfabrik in Schanghai. FOTO: AP
Die weltweite Textilindustrie ist so etwas wie der Vorreiter der Globalisierung. Der Handelskrieg zwischen China und den Industrien des Westens ist zwar noch einmal abgewendet worden. Doch der Strukturwandel geht weiter. Und Deutschland macht hier eine gute Figur.Der Handelskrieg ist noch einmal abgewendet, die beiden Kontrahenden - hier die EU und die USA, dort die Chinesen - haben den Konflikt aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Die konkurrenzlos günstigen Textilimporte aus Fernost haben die Probleme der Globalisierung in das Bewusstsein gerückt, während die Vorteile, von denen die Verbraucher der Industrieländer profitieren, fast selbstverständlich zur Kenntnis genommen werden.

Schon vor 30 Jahren verständigte sich die Welthandelsorganisation darauf, die Märkte zu öffnen und damit Entwicklungsländern zu ermöglichen, ihre günstiger produzierten Produkte im Westen anzubieten. Und seit zehn Jahren war bekannt, dass von 2005 an alle Quoten auf importierte Textilien fallen werden. Darauf eingestellt haben sich nicht alle - wohl aber die Deutschen. Denn spätestens mit dem Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001, stand fest, dass die textile Weltmacht aus Fernost den Markt dominieren wird.

Genau so ist es gekommen. Hart getroffen hat dies vor allem die südeuropäischen Länder. Sie profitierten bislang noch davon, dass sie ihre Hemden und Hosen nicht nur vergleichsweise günstig, sondern auch in bester Qualität herstellten. Genau dies macht aber jetzt die neue Qualität der chinesischen Herausforderung aus. Das Reich der Mitte ist ja nicht der kostengünstigste Hersteller. Seine Nachbarn - Kambodscha, Vietnam, Thailand oder Bangladesch - sind bis zu 30 Prozent billiger. Doch die Produktion Chinas genügt höchsten westlichen Ansprüchen.

Die von China dominierte Globalisierung der Textilproduktion kennt deshalb zwei ganz unterschiedliche Verlierer: die Textilhersteller in den genannten armen Ländern und die europäischen sowie US-amerikanischen Hersteller von Massenware. Sie werden sich auf Dauer nicht halten können, darin sind sich die Experten einig. Die Gewinner sind übrigens weltweit verteilt, es sind die Verbraucher, die kostengünstige Ware bekommen.

Der Strukturwandel in der weltweiten Textil- und Bekleidungsindustrie hat auch einen technischen Aspekt: Innovation. Wenn die Chinesen bei modischer Massenfertigung konkurrenzlos günstig und qualitativ gleichwertig produzieren, verbleiben den Europäern und Amerikanern nur zwei Alternativen: Verlagerung ihrer Produktion nach Fernost, um wenigstens einen Teil der eigenen Fertigung zu halten; oder das Ausweichen auf neue Produkte. Genau dies macht den Strukturwandel aus, den Deutschland vergleichsweise gut bewältigt hat.

Laut Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie lassen die Deutschen inzwischen 95 Prozent ihrer Waren im Ausland fertigen, vor allem in Osteuropa und in der Türkei - und immer mehr eben auch in China. In Deutschland verblieben mehr oder weniger nur Entwicklung, Design, Musterfertigung, Verwaltung, Vertrieb.

Und daneben die Innovation. Nicht nur Carl F. Moll, Präsident des Verbandes Südwesttextil, ist überzeugt, dass nur durch technischen Fortschritt die Branche hierzulande überleben kann. Textil - das ist ja mehr als nur die Verarbeitung von Naturfasern zu Bekleidungsstücken. Immer wichtiger werden die technischen Textilien - Stoffe also, wie sie beispielsweise für die Autoindustrie benötigt werden.

Technische Textilien wichtig

In Deutschland hergestellte Textilien gehen heute nur noch zu 30 Prozent in den Bereich Bekleidung; weitere 30 Prozent in Produkte für Haus und Heim; 40 Prozent aber macht bereits eine Produktsparte aus, in der die Chinesen und Inder noch keine ernsthafte Konkurrenz sind: technische Textilien. Und ihr Anteil wird weiter steigen.

Abgesehen davon, dass auch in der Bekleidung neue Anwendungen entwickelt werden, die meist nur mit synthetischen Fasern möglich sind. Formbeständig, komfortabel, schweiß- und geruchresistent, schmutzabweisend, atmungsaktiv und anderes mehr sollen sie sein.

Deshalb kommt auch der baden-württembergische Verbandschef zu einem abwägenden Urteil. China, sagt Moll, beinhalte auch Chancen. Die lassen sich statistisch belegen. Die Exporte der Textilbranche nach China haben sich von 2000 bis 2003 mehr als verdoppelt.

Die auf Druck einiger europäischer Staaten wieder eingeführte Mengenbeschränkung von Textilien wird nicht von langer Dauer sein. Von 2008 an werden die Handelshemmnisse ganz fallen. Dann, so die Schätzung der Experten, wird der Anteil Chinas an der weltweiten Textilproduktion von bislang 25 Prozent schnell auf 50 Prozent steigen. Die Strukturanpassung wird sich also noch verstärken - und damit die Vorteile der Verbraucher auch.
© Südwest Presse 11.11.2005 07:45
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