Auf Herz und Nieren durchgecheckt

Gesundheitswesen auf dem Prüfstand: AOK-Vorstandschef Dr. Christopher Hermann streift wichtige Gesundheitsthemen
  • Christopher Hermann spricht Klartext in der Gesundheitspolitik: „Das Land muss die Krankenhausplanung übernehmen.“ (Foto: Oliver Bayer)
Einen besseren Zeitpunkt hätte Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, für einen Besuch in der Region nicht wählen können. Zeitgleich mit der Eröffnung der Frauenklinik am Ostalbklinikum in Aalen, wenige Stunden nach Bekanntwerden der Kompromisse in den Berliner Koalitionsverhandlungen sowie zwei Tage nach der gesundheitspolitischen Veranstaltung „AOK im Dialog“ mit Prof. Bert Rürup in Stuttgart hat sich der Krankenkassen-Manager dezidiert zu Entwicklungen im Gesundheitswesen geäußert.
Aalen. Dass bei den Koalitionsverhandlungen zur Gesundheitspolitik die Gestaltung der Beiträge der Versicherten und die Zusatzbeiträge der Kassen „nichts anderes als Formelkompromisse herauskommen würden, bei denen beide Koalitionäre etwas von ihren Vorstellungen durchsetzen konnten“, sei ihm klar gewesen, sagte Christopher Hermann im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Kehrtwende in Sachen Zusatzbeitrag, bei der die sozial ungerechte Kopfpauschale einer einkommensabhängigen Erhebung weichen soll, sei erfreulich, sagte er. „Die entscheidende Frage, wer den Aufschlag macht und das Beschlossene als Gesundheitsminister umsetzt, ist jedoch noch unklar“, erklärte er.
Zur derzeit vieldiskutierten Finanzsituation im Krankenhausbereich hielt der AOK-Vorstandsvorsitzende eigene Lösungsansätze parat. „Wir haben größere Reserven zur Einsparung, als einige Experten kalkulieren. Dabei geht es der AOK nicht primär um die Ausgabenreduzierung, sondern um den sinnvolleren Einsatz der vorhandenen Mittel“, sagte er. Auch Krankenhäuser votierten – wenn auch häufig unter vorgehaltener Hand – für eine strukturiertere Zuweisung von Fällen. Hermann: „Die Trennung von ambulanter und stationärer Behandlung muss durch vernünftige und effiziente Versorgungsketten zwischen Ärzten, Fachärzten und stärker spezialisierten Kliniken aufgehoben werden. Wir als Kasse brauchen die Option, Direktverträge mit Krankenhäusern abzuschließen“, sagte er.
Deshalb sei auch die qualitätsabhängige Vergütung von Krankenhausleistungen, wie sie in den Koalitionsverhandlungen angedacht werde, ein richtiger Baustein. Alte Häuser zu erneuern,wie dies in Ostwürttemberg gemacht wurde, sei zwar richtig. Dennoch dürfe es dabei nicht zu einem technischen Wettrüsten und dem Aufbau von Doppelstrukturen kommen, die einen Wettbewerb der Kliniken in der Raumschaft auslöse. Das ist in einzelnen Disziplinen – Stichwort Frauenklinik – auch in Ostwürttemberg bereits der Fall. Josef Bühler, Geschäftsführer der hiesigen AOK-Bezirksdirektion, bemerkte dazu, dass die Region als Ganzes „von oben betrachtet werden und hier eine optimale Versorgungssituation bereitgestellt“ werden müsse. Bühler: „Mit den in den vergangenen Jahren geschaffenen Strukturen müssen wir mindestens zehn Jahre leben.“ Regionalpolitisch seien andere Verhältnisse nicht herzustellen, er sei dennoch dankbar dafür, dass eine Diskussion in der Region wieder angestoßen sei. Aber: „Das Land müsste die Planung der Krankenhausstrukturen übernehmen“, mahnte Hermann an.
Dem AOK-Chef im Land ist wichtig, aus dem durch gesetzliche Leitplanken vorgegebenem Korridor das Bestmögliche fürs Gesundheitssystem und die Versicherten herauszuholen. Ein Fokus sei der Erhalt der hausärztlichen Versorgung im ländlichen Raum. „Hausärzte sollten gemeinsam Zentren bilden können, für die die AOK als Partnerzusammen mit anderen Organisationen zur Verfügung stehen könnte. Dafür müssten die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden. Solche Zentren kommen Teilzeit-Ärzten entgegen. Viele Frauen lassen sich nicht als Hausärztin nieder, weil sie zeitlich reduziert arbeiten möchten und dafür nicht bis zu 300 000 Euro in die eigene Praxis investieren wollen“, sagte Hermann.

„Wir brauchen mehr Direktverträge und qualitätsabhängige Vergütungen im Krankenhaus-Sektor.“ Christopher Hermann

Die AOK möchte weiterhin ein Vorreiter im Gesundheitswesen sein. Neben hoher Servicequalität sollen innovative Angebote wie Selektivverträge mit Haus- und Fachärzten oder Reha-Einrichtungen, aber auch Angebote im Präventionsbereich weiter verfolgt werden. Neuestes Produkt sind Kurse zur AOK-Aktion „Lebe Balance“ (siehe Info).
Das Einsparpotenzial durch Arzneirabattverträge bei Generika kennt Christopher Hermann als bundesweiter Verhandlungsführer im AOK-System besonders gut. „Derzeit läuft die zwölfte Ausschreibung für 118 Wirkstoffe mit einem Verordnungsvolumen von 2 Milliarden Euro. „Wir haben einen wirklichen Wettbewerb entfacht. Rund 70 Pharmaunternehmen – darunter auch mittelständische Newcomer – haben Angebote abgegeben. Erhält eine neue Firma den Zuschlag, kann dies trotz der acht Regionallose der Türöffner für den Arzneimittelmarkt sein“, sagte Hermann. Allein für die AOK Baden-Württemberg ergeben sich derzeit pro Jahr Einsparungen von 180 Millionen Euro, die „wir für zweckvollere Aufgaben im Gesundheitswesen verwenden und in die bessere Versorgung unserer Versicherten investieren“, sagte Christopher Hermann.
Die interne AOK-Struktur mit 14 Direktionen habe sich sechs Jahre nach ihrem Vollzug bewährt. „Die AOK arbeitet effizienter, ohne ihre Regionalität verloren zu haben. Es wurden Teams geschaffen, die jederzeit funktionsfähig und erreichbar sind“, sagte Hermann. In der Region waren drei Direktionen zusammengelegt worden, was teilweise zu Konflikten geführt hatte. Die Größenordnung der nun vorhandenen Einheiten stimme aber. „Es besteht an der Struktur kein Änderungsbedarf“, meinte Christopher Hermann.

„Lebe Balance“ – eine Zwischenbilanz in der Region

Die AOK-Aktion „Lebe Balance“, die von Schwäbische Post und Gmünder Tagespost begleitet wird, kann als erfolgreich bezeichnet werden. Landesweit seien über 500 Kurse etabliert worden, 150 000 Menschen interessieren sich für die Elemente, die zu einem ausgeglichenen Leben in Beruf und Familie führen und psychische Erkrankungen verhindern sollen. „In Ostwürttemberg bieten wir 22 Kurse mit 250 Teilnehmern an. Die Auslastungen liegen bei über 90 Prozent, teilweise existieren Wartelisten“, sagte AOK-Pressesprecher Oliver Bayer.

Von Firmenseite ist ebenfalls ein großes Interesse an dem Präventionsprojekt festzustellen. „Die vielen Personalverantwortlichen, die bei der Auftaktveranstaltung dabei waren, halten das Angebot für notwendig. AOK-Chef Josef Bühler: „2014 wird das Programm innerhalb des Betrieblichen Gesundheitsmanagements bei Firmen anlaufen. Größere Betriebe sind an internen Veranstaltungen für ihre Mitarbeiter interessiert.“
© Wirtschaft Regional 22.11.2013 16:35
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