Zeiss wird auf der Ostalb weiter wachsen

Vorstandsvorsitzender Dr. Michael Kaschke im aktuellen Interview zu den Gründen des geplanten Stellenabbaus
  • Zeiss-CEO Dr. Michael Kaschke: „Kündigungen sind möglich!“
Carl Zeiss beabsichtigt, wie berichtet, in Oberkochen 90 Arbeitsplätze in der Planoptik und in Aalen 125 Stellen der Vision Care (Brillenglasfertigung) abzubauen. Gegen diese Pläne laufen Mitarbeiter, Betriebsräte und die IG Metall Sturm. Winfried Hofele sprach mit Zeiss-Chef Dr. Michael Kaschke über die Hintergründe.Herr Dr. Kaschke, viele Menschen in der Region sind über den geplanten Stellenabbau bei Carl Zeiss überrascht. Wie begründen Sie diese Maßnahmen?
Kaschke: Bei den betroffenen Bereichen handelt es sich um Fertigungsstrukturen, die trotz großer Anstrengungen von Management und Belegschaft in den letzten Jahren heute leider nicht mehr wettbewerbsfähig und profitabel in Deutschland betrieben werden können. Es handelt sich also nicht um kurzfristige konjunkturelle, sondern um seit längerem existierende strukturelle Probleme, die wir hier angehen. Beim Zusammenschluss der beiden Aalener Standorte der Vision Care handelt es sich um eine für alle nachzuvollziehende, sinnvolle und auch notwendige Maßnahme zur Effizienzsteigerung, der auch im Unternehmen kaum widersprochen wird.
Können betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden und besteht die Möglichkeit, dass betroffene Mitarbeiter in andere Zeiss-Unternehmen wechseln?
Kaschke: Wir können betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen. Aber wir haben bei Zeiss einen etablierten Prozess, wie wir zunächst gemeinsam mit IG Metall und Arbeitnehmervertretern alle anderen sich bietenden Möglichkeiten ausschöpfen. Diese Gespräche sind jetzt von uns gestartet worden.
Bei Vision Care gibt es ja eine spezielle Situation. Schon vor der Bildung der Carl Zeiss Vision GmbH gab es Auseinandersetzungen um die Zahl der Stellen. Seit zwei Jahren ist Vision wieder voll bei Zeiss. Wie ist es im Moment um die wirtschaftliche Lage des Unternehmensbereichs bestellt?
Kaschke: Zunächst: Vision Care ist mit mehr als 1000 Beschäftigten, die fast vollständig in Aalen angesiedelt sind, nach wie vor der größte Brillenglashersteller in Deutschland. Diese Branche steht insgesamt unter enormen Kostendruck, was sich auch darin zeigt, dass in dieser Woche unser größter Wettbewerber, der Marktführer Essilor, die Schließung eines kompletten Werkes in Rathenow mit 150 Mitarbeitern bekannt gab. Wie ich bei unserer Pressekonferenz im Mai darstellte, sind wir angesichts dieser Markt- und Wettbewerbssituation sehr froh, dass Vision Care die Ertragswende dank großer Anstrengungen aller Mitarbeiter geschafft hat und gute positive Erträge zum Konzernergebnis beisteuert.
Zeiss gilt als bevorzugter Arbeitgeber mit einem hervorragenden Image. Fürchten Sie, dass dieser Ruf durch die Stellenabbaupläne beschädigt wird?
Kaschke: Nein. Es wäre unverantwortlich und langfristig dem Image von Zeiss abträglich, wenn wir die Augen vor notwendigen Strukturmaßnahmen verschließen würden. Dieser Fehler ist ja einige Dekaden zurück bei Zeiss gemacht worden; das soll sich nicht wiederholen.
IG Metall und Betriebsräte sind „wütend und enttäuscht“. Die Mitarbeiter hätten angesichts der latenten Bedrohung durch Verlagerung stets extrem flexibel gearbeitet, um den Erfolg der Produktion zu gewährleisten. Wie stehen Sie dazu?
Kaschke: Wir können die erste Reaktion der Mitarbeiter verstehen. Aber ich weise darauf hin, dass wir die Verantwortung dafür tragen, dass das Unternehmen in all seinen Strukturen und Einheiten gesund und zukunftssicher aufgestellt ist. Und das ist nicht nur eine Frage der internen Anstrengungen und Aktivitäten, sondern zu großem Teil auch durch Markt und Wettbewerb vorgegeben.
Betriebsrat und IG Metall wollen Alternativen und bezweifeln, dass die beiden Bereiche nicht wirtschaftlich erfolgreich zu führen wären. Das Beratungsinstitut IMU soll eingeschaltet werden. Gibt es für Sie da eine Zusammenarbeit?
Kaschke: Wir sind überzeugt, dass IMU zu keiner wesentlich anderen Einschätzung kommen wird. Wir haben diese Entscheidung im Vorstand mit den verantwortlichen Bereichsleitungen sehr intensiv beraten und sie auch erst getroffen, nachdem lange Alternativen evaluiert und auch probiert wurden.
Die Betriebsräte Manfred Wicht und Christian Peschel verwiesen auf die besondere Verantwortung des Stiftungsunternehmens Carl Zeiss für seine Belegschaft.
Kaschke: Wir nehmen mit der Zielrichtung aber auch in der Art und Weise, wie wir vorgehen, unsere Verantwortung für das Stiftungsunternehmen Carl Zeiss sehr genau wahr.
Kann ein Zusammenhang zwischen Überstunden in anderen Bereichen und dem Stellenabbau hergestellt werden?
Kaschke: Das wird Gegenstand der Verhandlungen sein.
Was geschieht, wenn IG Metall und Betriebsräte dem Stellenabbau nicht zuzustimmen?
Kaschke: Ich bin sicher, dass unsere Argumente stichhaltig sind. Ansonsten setze ich darauf, dass bei Zeiss immer auch schwierige Themen auf der Basis eines sachlichen und objektiven Dialogs gelöst werden.
Welchen Zeitplan setzen Sie für die Umsetzung?
Kaschke: Niemand ist gedient, ist, wenn man notwendige Maßnahmen unnötig hinauszögert. Deswegen möchten wir die Verhandlungen und Diskussion zügig zum Abschluss bringen, damit für alle potentiell betroffenen Mitarbeiter Klarheit geschaffen wird.
Gibt es weitere „Baustellen“ bei Zeiss?
Kaschke: Wie Sie wissen, wird der Begriff Baustelle bei uns auf der Ostalb anders belegt. Nämlich mit dem größten Investitionsprogramm der Geschichte von Zeiss, mit dem in den letzten zwei Jahren über 750 neue Arbeitsplätze geschaffen worden sind. Aber natürlich wird es auch in Zukunft bei allem Wachstum immer wieder Bereiche und Strukturen geben, die auf ihre Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit hin überprüft werden müssen.
Sparen Sie jetzt auch bei den gerade genannten Zukunftsinvestitionen?
Kaschke:Nein. Es wäre fatal, wenn wir Investitionen oder Zukäufe von Zukunftstechnologien unterlassen würden, nur weil es in einigen wenigen Bereichen nicht mehr möglich ist, wettbewerbsfähig in Deutschland zu arbeiten. Wir setzen unser Programm planmäßig um. Damit wird auch der Standort Ostwürttemberg weiter wachsen.
© Wirtschaft Regional 13.06.2013 20:14
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