Carl Zeiss will 215 Arbeitsplätze abbauen

90 in Oberkochen, 125 in Aalen in unrentablen Bereichen / Belegschaft, Betriebsräte und IG Metall wütend und enttäuscht
  • Zeiss-CEO Dr. Michael Kaschke: „Kündigungen sind möglich!“
  • Roland Hamm
  • Schichtwechsel bei Zeiss Vision Care in Aalen – Stellenabbau droht. (Foto: sk)
Carl Zeiss plant den Abbau von 215 Arbeitsplätzen – 90 in der Planoptik in Oberkochen und 125 bei Vision Care in Aalen. Dort wird die Verwaltung vom Hochhaus „Q1“ in der Gartenstraße ins Brillenglaswerk in der Turnstraße verlegt. Die Betriebsräte und die IG Metall wollen die mit den Plänen verbundenen Schließungen und Verlagerungen nicht akzeptieren und fordern Alternativen.Oberkochen/Aalen. Der geplante Stellenabbau kommt nur auf den ersten Blick überraschend. Bei der Vorlage der Halbjahreszahlen des Geschäftsjahres 2012/13 (30.9.) hatte Vorstandsvorsitzender Dr. Michael Kaschke zwar erklärt, dass Zeiss dank seines zukunftsgerichteten Portfolios auf stabiler wirtschaftlicher Basis stehe, es aber in Einzelbereichen unterschiedliche Entwicklungen und Marktbedingungen gebe. „Wir haben seit April 2011 in Deutschland über 1000 neue Arbeitsplätze geschaffen, davon 750 in Oberkochen“, betonte Kaschke am Mittwoch im Gespräch mit dieser Zeitung. Zeiss werde auch weiterhin in moderne Themen investieren, um dies abzusichern, „müssen wir aber ständig unsere Prozesse und Strukturen den Wettbewerbsgegebenheiten und den durch die Megatrends veränderten Rahmen für die Wertschöpfungs-, Standort- und Netzwerkstrukturen anpassen“. Das gelte auch für die Herstellung von Planoptiken (Prismen), die in der Halbleitertechnik benötigt und in Oberkochen von 90 bei der Carl Zeiss Jena GmbH angestellten Mitarbeitern gefertigt werden. „Bei diesem Bereich verzeichnen wir auch nach der Umsetzung eines Optimierungsprogrammes noch immer ein signifikant negatives Ergebnis und werden ihn deshalb schließen“, erklärte Kaschke. Die Optiken würden künftig von der Zeiss SMT selbst in Oberkochen oder an anderen Standorten, z.B. in China, gefertigt oder extern zugekauft. „Da könnte es Möglichkeiten geben, dass der eine oder andere Mitarbeiter zu SMT wechselt, räumte Kaschke ein. Alle anderen Bereiche der Carl Zeiss Jena GmbH in Oberkochen bleiben erhalten. „Unser Ziel ist es, durch die Anpassung die Wettbewerbsfähigkeit der anderen Produktionsbereiche in Oberkochen und in Jena abzusichern“, sagte Zeiss-Personalchef Franz Donner. Die Carl Zeiss Jena GmbH beschäftigt insgesamt 1300 Mitarbeiter, 760 in Jena, 540 in Oberkochen. In Jena arbeiten weitere 1400 Zeissianer in den Bereichen Mikroskopie und Planetarien sowie bei der Carl Zeiss Meditec AG.
In Aalen soll eine Reihe von Maßnahmen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der Vision Care umgesetzt werden. Nachdem Zeiss zum Geschäftsjahr 2011/12 die Anteile (50 %) der schwedischen Private-Equity-Gesellschaft EQT an der Carl Zeiss Vision GmbH übernommen hat, sei Vision Care „mit einem positiven Ergebnis auf einem guten Weg“, sagte Kaschke. Aber es sei fahrlässig, auf den immensen Kostendruck nicht zu reagieren.Deshalb plane Zeiss, die einfache Tätigkeit des Abgießens von Halbfabrikaten in eigene Unternehmen nach China oder Mexiko zu verlagern. „Zeiss ist das einzige Unternehmen, das solche Tätigkeiten noch in einem Hochlohnland ausübt, sagte Kaschke und verwies darauf, „dass heute unser Wettbewerber Essilor die Schließung seines deutschen Werkes in Rathenow mit 90 Mitarbeitern bekanntgab“. Außerdem würde die Verwaltung von Vision Care (30 Mitarbeiter) von der Garten- in die Turnstraße verlegt – Kaschke: „Die Geschäftsleitung gehört dorthin, wo die Musik spielt.“ Der Vermieter des „Q 1“, der Unternehmer Berndt-Ulrich Scholz, sei informiert, ein Nachmieter werde gesucht. Von beiden Maßnahmen bei Vision Care seien zusammen 125 der knapp 1000 Stellen in Aalen betroffen. Kaschke kündigte gleichzeitig an, dass zur Zukunftssicherung zehn Millionen Euro in den Standort Turnstraße investiert würden – für Forschung und Entwicklung, für die Verbesserung des Services und die Rezeptfertigung für die Optiker.
„Wir wollen in der bei Zeiss bewährten Art die konkreten Verhandlungen mit den Arbeitnehmern zügig aufnehmen, um ohne Verzögerungen in die Umsetzungsplanung gehen zu können“, sagte Franz Donner zum Zeitrahmen.

Roland Hamm: „Andere Lösungen“
Der Aalener IG Metall-Bevollmächtigte Roland Hamm teilte am Mittwoch mit, dass die Betriebsratsgremien und Wirtschaftsausschüsse der Zeiss-Firmen von den Plänen informiert wurden. Die betroffenen Belegschaften seien „wütend und enttäuscht, weil sie angesichts der latenten Bedrohung durch Verlagerung stets extrem flexibel gearbeitet haben, um den Erfolg der Produktion zu gewährleisten“. Hamm und die Betriebsratsvorsitzenden Manfred Wicht (Vision Care) und Christian Peschel (CZ Jena) erklärten, die Verlagerung bzw. Schließung nicht akzeptieren zu wollen. Sie fordern die Überprüfung der zugrundeliegenden wirtschaftlichen Planungen und ein Alternativkonzept und wollen damit das Beratungsunternehmen IMU, Stuttgart, beauftragen. Hamm und die Betriebsräte zweifeln an, dass die Bereiche nicht wirtschaftlich erfolgreich zu führen wären: „Das Management soll seine Hausaufgaben vernünftig machen, statt fantasielos mit Schließung und Verlagerung zu reagieren.“ Wicht und Peschel wiesen nachdrücklich auf die besondere Verantwortung des Stiftungsunternehmens Carl Zeiss für seine Belegschaft hin, die sich auch weiter engagiert und qualifiziert einbringen wolle. Werde nun, trotz der bewiesenen Flexibilität, die Verlagerung bzw. Schließung geplant, stelle dies die bisher konstruktive Haltung dazu grundlegend in Frage. „Die IG Metall wendet sich entschieden gegen den Arbeitsplatzabbau und setzt sich für die Belegschaft ein“, sagte Hamm, „die anhaltend positive wirtschaftliche Entwicklung von Zeiss muss, wenn Schließung und Verlagerung nicht zu verhindern sind, andere Lösungsmodelle statt Stellenabbau ermöglichen. Solange es in anderen Zeiss-Firmen Überstunden und die Ausweitung der Regelarbeitszeit auf 40 Stunden gibt, muss es möglich sein, die Betroffenen bei Zeiss zu halten!“
© Wirtschaft Regional 12.06.2013 22:34
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