Scharfe Sicht ohne Tunnelblick

Vor 100 Jahren revolutionierte Carl Zeiss mit dem ersten Präzisions-Brillenglas das Sehen: ein historischer Rückblick
  • Qualitätsprüfung bei Brillengläsern 2012 und 1926 bei Carl Zeiss: Eine Mitarbeiterin (li.) prüft heute unter spezieller Beleuchtung. So sahen die Arbeitsplätze beim Prüfen und Verpacken von Brillengläsern (re.) 1926 aus. (Fotos: Objektiv 50; CZ)
Die scharfe Sicht durch das gesamte Brillenglas ist selbstverständlich – seit genau einem Jahrhundert. Das uneingeschränkte Sehen feiert quasi am 1. April sein 100-jähriges Jubiläum. Bis vor 100 Jahren bot das Brillenglas nur in seiner Mitte den richtigen Durchblick. Richtung Brillenglasrand wurde es unscharf. Am 1. April 1912 setzte Carl Zeiss mit dem ersten Präzisionsbrillenglas „Punktal“ neue Standards.
Oberkochen/Aalen. damals wurde die Basis in Technologie und Fertigung für alle modernen Ein- und Mehrstärkengläser gelegt. Es entstand eine neue Lebensqualität für Brillenträger. Deutlich wird die Entwicklung an einem plastischen Beispiel: Ein Brillenträger vor 100 Jahren stand an einer Weggabelung und sah zwar den Baum in der Mitte, aber nicht die Wege links und rechts. Die zunehmende Unschärfe in Richtung Brillenglasrand verursachte den sogenannten Tunnelblick. Richtig gesehen werden konnte nur „geradeaus“ durch die sogenannte „optische Mitte“ des Brillenglases. Wollten Dinge abseits der Mitte erkannt werden, musste der Kopf gedreht werden.
Mit der Entwicklung von „Punktal“ setzte Carl Zeiss diesem Tunnelblick ein Ende. 1912 gelang es den Carl Zeiss-Mitarbeitern Allvard Gullstrand – schwedischer Augenarzt, der ein Jahr zuvor den Nobelpreis für Medizin erhalten hatte –, und Moritz von Rohr, studierter Mathematiker, Brillengläser so zu berechnen, dass die korrigierende Wirkung über die gesamte Fläche des Brillenglases gleich blieb. Das Präzisionsbrillenglas bildete auf seiner gesamten Fläche „punktgenau“ und damit scharf ab. Neben der verbesserten Sicht bereitete „Punktal“ so auch den Weg der Brille als modisches Accessoire.
Bis zur Erfindung des modernen Brillenglases hatten sich deren Hersteller bemüht, die Fläche der unscharfen Bereiche und damit die Brillengläser klein zu halten. Die ausgedehnte Flächennutzung von „Punktal“ bot komplett neue Möglichkeiten für das Design von Brillengläsern und deren Fassungen.
Die Nachfrage nach den neuartigen Brillengläsern war enorm. Um sie bedienen zu können, bereitete Carl Zeiss für deren Fertigung ganz neue Wege.
Was Henry Ford zeitgleich für die Autoindustrie erreichte, schaffte Carl Zeiss für die Augenoptik-Industrie: die Massenproduktion von Brillengläsern. Vor „Punktal“ unterschieden sich die Brillengläser nur in ihrer Stärke: Bei möglichen Dioptrien von +10 bis -10 in 0,5-Schritten gerechnet, ergaben sich 41 Typen. Obwohl die Fertigung der neuen Gläser für jeden Glastyp eine eigene Schleifform herstellen musste, und die gesamte Logistik von Hand funktionierte, wurde die individuelle Anpassung der Brillengläser ans Auge berücksichtigt. Das Sortiment der Zeiss-Gläser zählte bereits in seinen Anfängen über 5000 verschiedene individuelle Brillenglastypen. Umsetzen konnten diese neuen Anforderungen nur fachlich qualifizierte Optiker, so dass sich mit der Markteinführung der Berufsstand des Augenoptikers erst herausbildete und bis heute weiterentwickelte.
100 Jahre nach der Einführung von „Punktal“, einer bis heute registrierten Marke, sind die Individualisierungsmöglichkeiten durch das Einbeziehen der persönlichen Sehparameter, verschiedener Materialien und Beschichtungen, umgesetzt mit der Freiformtechnologie, unendlich groß. Nach 100 Jahren resümierend kann ohne Zweifel davon gesprochen werden, dass die Neuerung für die Augenoptik eine Revolution und für das Unternehmen Carl Zeiss der Beginn seiner Erfolgsgeschichte war. Mit der „Punktal“- Einführung wurde nämlich am 1. April 1912 auch die Abteilung „Opto“ gegründet. sk

Meilensteine der Augenoptik

1935 Carl Zeiss erfindet die Entspiegelung von Gläsern und fertigt 1959 erste entspiegelte Brillengläser.
2000 Markteinführung von „Gradal Individual“, des ersten Gleitsichtglases, das für jeden Brillenträger maßgefertigt wird.
2005 Der Markt für Brillengläser wird neu geordnet: Carl Zeiss hat seinen Augenoptikbereich mit dem 1960 gegründeten amerikanischen Brillenglashersteller Sola zusammengelegt – Carl Zeiss Vision entstand. Neun Jahre zuvor, 1996, hatte Sola das Traditionsunternehmen AO (American Optical), das bereits 1833 entstanden war und ab 1883 Brillengläser produziert hatte, bereits übernommen.
2006 Neuheit „Gradal Individual FrameFit“ passt sich an Fassungen an.
2007 Weltneuheit „i.Scription“: Die Korrektion von Sehfehlern wird dank dem innovativen Messgerät „i.Profiler“ wesentlich verbessert. sk

Standort Aalen und Carl Zeiss Vision

Aalen ist der größte Standort für die Produktion individuell berechneter Brillengläser und aus dem Fertigungsprozess nicht wegzudenken. Insgesamt verlassen pro Tag rund 22 000 Brillengläser das Werk. Davon werden rund 10 000 Brillengläser mittels Freiformtechnologie hergestellt.
Heute arbeiten bei Carl Zeiss Vision in Aalen rund 1060 Mitarbeiter. Das Werk Aalen ist einer der bedeutendsten High-Tech-Fertigungsstandorte weltweit und beheimatet wichtige Bereiche wie Forschung und Entwicklung sowie das globale Produktmanagement.
Carl Zeiss Vision heute Rund 10 500 Mitarbeiter sind weltweit in über 50 Ländern beschäftigt. 250 000 Bestellungen pro Tag werden bearbeitet. 65 Rezeptschleifereien werden unterhalten. sk
© Wirtschaft Regional 30.03.2012 16:39
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