Der Aalener OB und die IHK

Personalie Thilo Rentschler will neuer Hauptgeschäftsführer der IHK werden. Wer ihn wählen soll, welche Funktion ihn dort erwartet – und warum er nicht der erste OB an der Spitze einer IHK ist.

  • War bis 2016 Hauptgeschäftsführer: Klaus Moser Archivfoto: Hochschule Aalen/ Viktoria Kesper
  • Verließ die Kammer Ende Januar vor Ablauf ihres Vertrags: Michaela Eberle Foto: IHK
  • Die IHK Ostwürttemberg in Heidenheim. (Foto: IHK)

Heidenheim

Michaela Eberle hat die IHK Ende Januar bereits verlassen, ihr Nachfolger als Hauptgeschäftsführer ist Thorsten Drescher – allerdings nur interimsweise. Die Industrie- und Handelskammer in Heidenheim hat nämlich die so gerne zitierte „große Lösung“ gefunden: Das Präsidium wird der Vollversammlung kommende Woche den derzeitigen Aalener Oberbürgermeister Thilo Rentschler als neuen Hauptgeschäftsführer vorschlagen. Bewerber gab es für den Posten einige, doch Rentschler wird nun der einzige Kandidat.

Der Posten. Rentschlers Vorgängerin Michaela Eberle verließ die Kammer als Nachfolger des in den Ruhestand gewechselten Klaus Moser noch vor Ablauf ihres 2016 unterzeichneten Fünf-Jahres-Vertrags in beiderseitigem Einvernehmen, um sich neuen Aufgaben zu widmen, wie es im vergangenen Jahr geheißen hatte. Die Bewerbungsfrist für den Posten des Hauptgeschäftsführers war Ende Januar abgelaufen. Rentschler wird kommende Woche vom Präsidium, das derzeit aus Markus Maier als Präsidenten sowie Ulrich Betzold, Rudi Feil, Dr. Matthias Metz, Bernd Richter, Dr. Jörg S. Rieger sowie Brigitte Wagenblast als Mitglieder besteht, der Vollversammlung vorgeschlagen. „Die hervorragenden regionalen Kenntnisse Rentschlers, seine auch über die Grenzen der Region hinausreichende Vernetzung in Wirtschaft, Politik und allen gesellschaftlichen Bereichen“ haben Rentschler nach Aussage von IHK-Präsident Markus Maier „in besonderer Weise für dieses Amt prädestiniert“.

Als Hauptgeschäftsführer wird Rentschler als Chef des operativen Führungsgremiums der Kammer agieren, das insgesamt aus sechs Geschäftsführern besteht. Häufig diskutiert wird in den Medien die Vergütung der IHK-Chefs, zuletzt etwa in Stuttgart, wo die dortige elfköpfige Geschäftsführung insgesamt mehr als 1,6 Millionen Euro an Gehältern pro Jahr bezieht. Auf der Ostalb gibt man sich bescheidener: Hier lagen die Bezüge zuletzt laut offiziellen Angaben bei insgesamt jährlich 633 000 Euro.

Rentschler ist nicht der erste Oberbürgermeister in Baden-Württemberg, der an die Spitze einer IHK rückt. Vor ihm wechselte etwa der Grünenpolitiker Dieter Salomon, seines Zeichens nach 16 Jahren Regierungszeit abgewählter OB in Freiburg, zur IHK Südlicher Oberrhein.

Rentschler ist in besonderer Weise für dieses Amt prädestiniert.

Markus Maier
IHK-Präsident

Die Vollversammlung. Diese besteht aus ehrenamtlichen 51 Mitgliedern und soll Rentschler wählen. Die Vollversammlung wird ihrerseits von den Mitgliedsunternehmen der Kammer gewählt und ist das oberste Beschlussorgan der Kammer. Die Versammlung wird wiederum von den Ausschüssen beraten und wählt aus ihren Reihen das Präsidium und den Präsidenten. Sie entscheidet über den wirtschaftspolitischen Kurs der IHK, deren Leistungsangebot sowie über Mitgliedsbeiträge und Gebühren. Gewählt wird die Vollversammlung in Ostwürttemberg für den Zeitraum von fünf Jahren, die aktuelle Periode dauert noch bis Ende dieses Jahres.

Die Kammer. Wer dazu gehört? Um es ganz technisch auszudrücken: „Zur Industrie- und Handelskammer gehören, sofern sie zur Gewerbesteuer veranlagt sind, natürliche Personen, Handelsgesellschaften, andere Personenmehrheiten und juristische Personen des privaten und des öffentlichen Rechts, welche im Bezirk der Industrie- und Handelskammer eine Betriebsstätte unterhalten“, so steht es Paragraf 2 Abs. 1 des IHK-Gesetzes. Die Zugehörigkeit ist gesetzlich vorgeschrieben, weil eine IHK das Interesse aller Gewerbetreibenden vertreten soll. Die Kammer soll die wirtschaftlichen Interessen gegenüber Land und Bund vertreten sowie als Dienstleister für die Firmen agieren. Sie nimmt etwa in der Berufsbildung die Zwischen- und Abschlussprüfungen vor, erlässt Prüfungsordnungen, errichtet Prüfungsausschüsse, soll wichtiger Akteur in der Berufsausbildung sein und Stellung zu Gesetzentwürfen, Planungsvorhaben und Regelungen nehmen. Nicht zuletzt spielen Technologietransfer, Standort-, Innovations- sowie Clusterpolitik eine wichtige Rolle.

Die Rebellen. Die erste IHK (oder einer ihrer vielen Vorläufer) wurde 1665 in Hamburg gegründet, die Kammer in Heidenheim existiert seit 1867. Kritiker gibt es auch. Sie richten sich vor allem gegen „Zwangsmitgliedschaft“ und fordern mehr Transparenz. In Stuttgart etwa war die Unruhe in der Vergangenheit groß, die sogenannten IHK-Rebellen (die inzwischen sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag haben) bildeten hier die sogenannte Kaktus-Initiative, die bei der Vollversammlungswahl 2016 sogar 32 der 100 Sitze erringen sollte. Auf der Ostalb ist die Lage ruhiger, hier meldet sich vor allem der Hüttlinger Unternehmer Rainer Horlacher als Mitglied der Vollversammlung häufiger kritisch zu Wort.

© Wirtschaft Regional 04.02.2021 15:38
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