Alte Liebe, neues Geschäft

Fans von Märklin und Co. entdecken in Pandemiezeiten ihr Hobby wieder. Die Branche wächst rasant. Auch Jüngere begeistern sich dafür.
  • Die Modelleisenbahn-Hersteller können sich nicht beklagen: Die Auftragsbücher sind prall gefüllt. Foto: Daniel Karmann/dpa
Bundesinnenminister Horst Seehofer hat eine, der Sänger Rod Stewart nennt eine große Anlage sein Eigen. Im Miniaturwunderland in Hamburg schauen in Corona-freier Zeit jährlich mehr als eine Million Besucher zahllosen Modelleisenbahnen bei ihren Fahrten durch liebevoll gestaltete Landschaften zu und auch in den heimischen Wohnzimmern stehen wieder immer häufiger Modelleisenbahnen. Die originalgetreuen kleinen Nachbauten großer Züge sind derzeit ebenso gefragt wie das passende Zubehör und Landschaftsbauten.

Dem Göppinger Modelleisenbahnbauer Märklin verschaffte dieser Trend zum Jahresende einen regelrechten Auftragsboom. Im Vergleich zum Vorjahr fiel der Auftragsbestand Ende 2020 um 40 Prozent höher aus, sagt Florian Sieber, geschäftsführender Gesellschafter des Märklin-Inhabers Simba Dickie Group. „Die Aufträge aus dem vergangenen Jahr müssen jetzt produziert werden“, sagt Sieber. „Und die Nachfrage ist weiter ungebrochen hoch.“ Dadurch komme es immer noch zu langen Lieferzeiten von bis zu acht Tagen.

Gleise sind gefragt

Ähnlich wie das Unternehmen mit Sitz in Göppingen konnten auch andere Hersteller aus der Branche wie etwa Piko aus dem thüringischen Sonneberg Zuwächse verzeichnen. „Das Geschäft ist sehr stark gewachsen“, berichtet Geschäftsführer René F. Wilfer. Um knapp 15 Prozent hat der Umsatz im vergangenen Jahr zugelegt. Hierzulande seien vor allem Gleise, aber auch Gartenbahnen sehr gefragt gewesen. „Die Leute hatten Zeit und konnten ihren Hobbys aufgrund der Beschränkungen nicht nachgehen“, sagt Wilfer. Die freie Zeit und das Budget seien dann eben auch in Modelleisenbahn investiert worden, häufig auch von Wiedereinsteigern.

Diese Entwicklung kann auch Horst Neidhard bestätigen. „Bei unserem Kundendienst fragen viele nach, ob Gleise, die sie auf dem Dachboden gefunden haben, mit neuen Modellen kompatibel sind.“ Zudem seien Einsteigersets gefragt, berichtet der geschäftsführende Gesellschafter der Gebrüder Faller GmbH, die sich auf Modelleisenbahn-Zubehör spezialisiert hat.

Das Unternehmen produziert mehr als 80 Prozent am Firmensitz in Gütenbach im Schwarzwald. Das sei dem Betrieb während der Pandemie zugute gekommen, da keine Abhängigkeit zu Standorten im Ausland bestehe. Auch im derzeitigen Lockdown halte die Nachfrage an, die über den eigenen Onlinevertrieb, aber auch über die der Fachhändler bedient werden könne.

Das wachsende Interesse an Modelleisenbahnen habe bereits schon vor der Corona-Pandemie angezogen, sagt Neidhard, der auch Sprecher der Gruppe „Wir Modellbahner“ des Deutschen Verbands der Spielwarenindustrie (DVSI) ist. Bereits seit acht Jahren stiegen die Zahlen.

Diesen Trend erkennt auch Verbandschef Ulrich Brobeil. „Vor allem jüngere Familien haben das Thema für sich entdeckt. Die Modelleisenbahn ist ein Spielplatz der Generationen.“ Die Hersteller hätten es in den vergangenen Jahren geschafft, dieses Hobby „stärker zu emotionalisieren. Inzwischen sitzt nicht mehr nur der Opa bei seiner Modelleisenbahn im Keller.“ Mit einer Sympathieoffensive und etwa Erklär-Videos auf Youtube für Profis und Einsteiger sei es den Unternehmen gelungen, gerade die Gruppe der 25- bis 34-Jährigen für ihre Produkte zu begeistern.

Die Pandemie habe dem Ganzen einen weiteren Schub gegeben. „Corona-Zeit ist Modelleisenbahn-Zeit“, sagt auch Steffen Kahnt, Geschäftsführer des Handelsverbands Spielwaren. Der Hersteller Busch aus Viernheim verzeichnet dagegen aufgrund des Lockdowns einen Umsatzrückgang, sagt Richard Storch, Assistent der Geschäftsleitung. Die zuvor hohe Nachfrage habe aber zu leeren Lagern geführt. Die müssten jetzt gefüllt werden.

Auf das laufende Jahr blicken die Hersteller meist positiv. „Wir könnten ein Umsatzplus von bis zu 30 erreichen“, wagt Neidhard eine Prognose. Bis dahin gebe es aber noch viele Unsicherheiten. Auch Märklin-Chef Sieber blickt optimistisch auf das Jahr 2021. Am Märklin-Standort Györ solle die Belegschaft um 5 Prozent aufgestockt werden. Für das Geschäftsjahr 2020/2021 werde aktuell geplant, „leicht“ über die Umsatzzahlen des Vorjahres von 112 Millionen Euro zu kommen.
© Südwest Presse 23.01.2021 07:45
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