Was nach dem Kick kommen kann

Karriere, Krise, Job verloren: Der Ingenieur Andreas M. fiel in ein tiefes Loch. Sein alter Arbeitgeber half ihm aber beim Neustart – mit einer Outplacementberatung.
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  • Gerke Rainer, Outplacement-Beratung, Personalmanagement, Ulm. Foto: Volkmar Koenneke
Das ist kein gutes Zeichen, dachte sich Andreas M. Sein Chef war auf einmal weg – ohne sich verabschiedet haben zu haben. Als der 50-jährige Diplom-Ingenieur bei der Geschäftsleitung nachfragte, wurde er zunächst vertröstet, wenig später kam per Outlook die Einladung zu einem Gespräch am Nachmittag – ohne den Anlass zu nennen. Andreas M. schwante nichts Gutes. Der Geschäftsführer, mit dem er sich duzte, eröffnete ihm: „Andreas, Du musst Dir einen neuen Job suchen.“

„Als ich zurück ins Büro ging, war ich total verballert und habe mich nur gefragt: Was soll das, was mache ich hier?“ Die Stimmung in seiner Abteilung war ohnehin schon am Boden. Bei seinem Arbeitgeber, einem Autozulieferer zwischen Stuttgart und dem Bodensee, hatte es schon seit 2017 immer wieder gekriselt. Erst gab es rasche Wechsel im Management, dann kam ein Sanierungsberater ins Haus, dann wurde seine Abteilung aufgelöst.

Für den Familienvater zerbrach eine Welt. In den 26 Jahren im Beruf war es stets nach oben gegangenen. Mehr als zehn Jahre hatte er für den Autozulieferer gearbeitet und sich dort bis zum Projektleiter und Chef eines achtköpfigen Teams hochgearbeitet.

Die Erkenntnis, dass die Loyalität eines Mitarbeiters nichts mehr zählt, sei bitter gewesen, erinnert er sich. Zudem bedrohte der Rauswurf auch das private Glück – allen voran die Finanzierung des Eigenheims.

Andreas M. fiel in ein Loch. „Menschen, die ihren Job verlieren, durchleben verschiedene Seelenzustände, ein Auf und Ab der Emotionen“, sagt der Personalberater Rainer Gerke aus Ulm. Wichtig sei es, nach Besorgnis, Angst, Schock, Wut und depressiven Stimmungen die Situation zu akzeptieren, sie aufzuarbeiten und sich für eine neue Position zu öffnen.

Dieses Gefühlskarussell kennt Andreas M. nur zu gut. Er hatte Glück im Unglück. Mit Hilfe eines Rechtsanwalts verhandelte er seinen Aufhebungsvertrag, die Höhe der Abfindung und sieben Monate Freistellung. „Der Personalchef bot mir zudem die Unterstützung durch einen Outplacementberater an.“

Dass Unternehmen ausscheidenden Mitarbeitern professionelle Hilfe anbieten, sich beruflich neu zu orientieren, ist „auf alle Fälle ein Zeichen des Respekts“, sagt Kai Haake, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater. Bundesweit bieten 180 Unternehmen solche Unterstützung an; sie erwirtschafteten zuletzt einen Jahresumsatz von 89 Millionen Euro. Haake rechnet mit Blick auf die aktuelle Wirtschaftskrise mit mehr derartigen Aufträgen in diesem Jahr. Gerke ist einer von bundesweit 620 Outplacement-Beratern. Andreas M. googelte den Experten aus Ulm, der viele Jahre die Personalabteilungen großer Unternehmen geführt hat.

„Entscheidend ist, dass die Chemie zwischen Berater und Teilnehmer passt“, sagt Gerke. Denn die Aufarbeitung einer solchen Situation berühre sehr persönliche Themen. Am Anfang müsse man die Teilnehmer aus der Situation herausholen, ihr Selbstvertrauen aufbauen und sie wieder arbeitsfähig machen, damit sie mit künftigen Arbeitgebern auf Augenhöhe sprechen. Dabei geht es um das Fremd- und Eigenbild, um persönliche Werte, Wünsche, Ziele, Stärken, aber auch eine kritische Reflexion eigener Schwächen: Was muss mein Gegenüber tun oder sagen, damit ich ungehalten werde, genervt bin oder in den Angriff übergehe.

Gerke hinterfragt die aufgeschriebene Selbsteinschätzung und erarbeitet mit seinen Klienten, wie ein Wunsch-Arbeitgeber aussehen soll. „Für mich war es eine gute Hinführung auf meine Bewerbungen, meine besonderen Erfolge herauszuarbeiten und warum ich das geschafft habe“, erzählt Andreas M.

Zum Vorgehen für eine Neuorientierung gebe es kein fertiges Rezept, sagt Gerke. Der Weg hänge von den Teilnehmern ab, deren individueller Situation und auch von der Anzahl der Beratungsstunden. Mit Andreas M. begann der Outplacement-Berater den Markt zu sondieren, potenzielle Arbeitgeber zu finden, die an dessen Fähigkeiten Interesse haben könnten, und eine professionelle Bewerbung aufzusetzen.

„70 Prozent der Bewerbungen sind graue Masse. Davon muss man sich abheben“, sagt Gerke. Viele Bewerber dächten nicht an die Sicht des Unternehmens. Die interessiere: Wer da draußen kann mir diesen Job erfüllen? „Der Abgleich der Anforderungen ist Sache des Bewerbers.“ Für Andreas M. nicht einfach. „Mein großer Fehler war: Ich habe nie geschaut, wie meine Fähigkeiten am Markt gefragt sind.“

Corona nährte die Zweifel

Das Coaching half ihm dabei. Fast jede seiner acht Bewerbungen führte zu einem Vorstellungsgespräch. Auch die verliefen nicht schlecht. Seine zielstrebige und ehrliche Art kam gut an. Dann lähmte Corona die Wirtschaft. Jede weitere Woche ohne Zusage säte neue Zweifel. Das Auslaufen des Arbeitsvertrags und der Beginn der Arbeitslosigkeit waren herbe Dämpfer. Obendrein sei der Stellenmarkt für produktionsnahe Ingenieur-Jobs und Dienstleistungen wie leergefegt gewesen.

Auch dank der mentalen Unterstützung Gerkes verlor Andreas M., nicht den Mut. Er überlegte, welche Fähigkeiten von Betrieben nach Corona gefragt sind, absolvierte drei Weiterbildungen, unter anderem in Lean Management und dem Projektwerkzeug Scrum. Dann – Monate später – kam der Anruf zum entscheidenden Vorstellungsgespräch. Seine Bewerbung sei immer noch ganz oben auf dem Stapel gelegen, erzählte ihm der Personalchef eines mittelständischen Fahrzeug-Zulieferers.

Seit wenigen Wochen betreut Andreas M. dort nun Großkunden und ist glücklich: „Trotz Corona wieder eine Aufgabe zu haben, die Spaß macht, ist ein großartiges Gefühl.“
© Südwest Presse 23.01.2021 07:45
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