Biden sorgt für Hoffnung bei Börsianern

Aktienexperte Herbert Fischer, Vorstand des Wasseralfinger Aktienclubs, nimmt Stellung zur aktuellen Lage an den Finanzmärkten und der Rolle des nächsten US-Präsidenten.
  • Herbert Fischer Foto: WK

Aalen

Herbert Fischer steht dem Wasseralfinger Aktienclub vor. Im Gespräch gibt er seine Einschätzung zur aktuellen Lage preis.

Herr Fischer, die vergangenen Monate an der Börse waren definitiv kein Zuckerschlecken. Während zu Beginn des Jahres die Aktienmärkte neue Höhen erreichten, erfolgte im Frühjahr ein desaströser Einbruch der Märkte. Wie haben Sie die vergangenen Monate erlebt?

Herbert Fischer: Schon seit Jahresbeginn zeigen die Börsen eine Übertreibung. Das Jahr war noch keine sechs Wochen alt, da hatte der amerikanische Nasdaq bereits rund 12 Prozent zugelegt. Moderater starteten DAX und Dow Jones mit je 5 Prozent und 3,5 Prozent ins Jahr. Auf neue Höchststände folgte dann aber die Corona-Pandemie, welche an den Börsen für Verkaufspanik sorgte. In der zweiten Hälfte Februars verloren die großen Indizes deutlich an Wert. DAX und Dow Jones rauschten knapp 40 Prozent in die Tiefe, der Technologieindex Nasdaq ebenfalls rund 30 Prozent. Auch unser WAC-Fonds konnte sich dem Abwärtsstrudel nicht entziehen, der Kursrückgang bezifferte sich auf 25 Prozent vom Höchstkurs im Februar.

Dem Börsencrash im Frühjahr folgte eine regelrechte Erholungsrallye, welche auch als V-förmige Entwicklung betitelt wird. Innerhalb weniger Monate haben sich die Börsen aus dem tiefen Fall erholt. Der DAX rangiert knapp unter, der Dow Jones bereits über den Indexwerten vor der Krise. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Natürlich waren die Schäden und die Gewinnverluste durch das Corona-Virus in den Volkswirtschaften groß. Der DAX wurde noch zusätzlich durch die kriminellen Machenschaften bei der Wirecard AG belastet. Für einen Großteil der Kursverluste war aber der psychologische Faktor verantwortlich - das panikartige Verhalten der Börsianer. Die Ankündigung des Wirtschaftsministers, dass die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte wieder Tritt fassen wird, sorgte dann für einen deutlichen Kursanstieg. Zudem sorgte eine Wachstumsprognose für 2021 von 4,5 Prozent für Rückenwind nach oben. Bereits im Juli hatte der DAX wieder die psychologische Schwelle von 13.000 Punkten erklommen. Bei den anderen Indizes weltweit war es ähnlich.

Besonders unter die Räder gekommen sind die deutschen Automobilbauer BMW, Daimler und Volkswagen. Während die Corona-Krise für schwächere Absatzzahlen sorgt, nimmt vor allem der US-amerikanische Autobauer Tesla die Kunden der traditionsreichen deutschen Autobauer ins Visier. Wie sollten sich Anleger positionieren?

Es war nicht nur die Corona-Krise, die den Automobilbauern geschadet hat. Der Dieselskandal, Strafzahlungen und Umwälzungen in der Antriebstechnik haben die Gewinnseite und Aktienkurse stark belastet. Mit keiner Aktie der drei erwähnten deutschen Autobauer war mittelfristig Geld zu verdienen. Die Anleger sollten noch eine gewisse Nachhaltigkeit bei der Kursentwicklung abwarten. Nach mageren Jahren konnten mutige Anleger mit der Tesla-Aktie in den ersten neun Monaten viel Geld verdienen, auch wenn dies mit seinem sehr volatilen Verlauf einher kam. Um für Anleger noch attraktiver zu erscheinen vollzog Tesla im September einen Aktiensplit sowie den groß propagierten Battery Day. Beide Maßnahmen haben aber bis jetzt noch nicht den erhofften Erfolg gebracht. Seit Ende August hat die Aktie rund 12 Prozent verloren. Im Kurswert rasant gestiegene Aktien enthalten häufig das Risiko starker Kursrückschläge. Ein Papier für risikofreudige Anleger.

Der von Ihnen und einem Kollegen gemanagte WAC-Fonds 1 hat sich wie der Gesamtmarkt spürbar vom Frühjahrs-Beben erholt. Haben Sie die niedrigen Kurse genutzt, um neue Fonds-Positionen aufzubauen?

Aufgrund unserer zurückhaltenden, moderaten Anlagepolitik mit einem breit gestreuten Depot waren wir von Kursverlusten nicht so stark betroffen wie der DAX. Bezogen auf den Anfangskurs von 2020 lag unser Kursrückgang bei -19,8 Prozent. Die verfügbaren Finanzmittel haben wir für Neuinvestitionen genutzt und sind nahezu voll investiert. Im Juli war unser Investmentfonds wieder im Plusbereich und Mitte Oktober mit einem Plus von 7,4 Prozent nahe am historischen Kurshöchststand. Die Gefahr einer zweiten Pandemiewelle reduziert wieder etwas das Kursniveau, wir befinden uns aber noch im Plusbereich.

Trotz der Covid-19-Krise haben einige Unternehmen den Schritt an die Börse gewagt. Unter den Börsenfrischlingen sind unter anderem die Tübinger Impfstoff-Firma Curevac, der Wohnmobil-Hersteller Knaus Tabbert sowie der Energie-Ableger Siemens Energy. Welchen Börsenneuling haben Sie auf dem Wunschzettel?

Siemens Energy haben wir auf unserer Watchlist. Bei Knaus Tabbert haben Altaktionäre richtig abgesahnt, für das Unternehmen ergab der Börsengang jedoch nur einen Zufluss von rund 20 Millionen Euro. Die Kurse von Pharma-Titeln sind stark abhängig vom Zulassungserfolg oder Misserfolg neuer Medikamente. Curevac verzeichnet seit Mitte August einen Kursverlust von 35 Prozent. Wir haben rechtzeitig die BioNTech-Aktie gekauft.

Nach aktuellen Infektionszahlen befinden wir uns der zweiten Welle der Corona-Krise. Mit Blick auf den verlustreichen Frühling dieses Jahres, sollten Anleger mit einem weiteren Crash rechnen?

Mit einem Crash nicht, aber mit einem stark volatilen Kursverlauf. Mutige Anleger können Zukäufe mit kleineren Tranchen versuchen. Den Übrigen empfehle ich einen guten Investmentfonds.

Nach einem unvergleichlichen Wahl-Krimi in den USA haben sich die Amerikaner für Joe Biden als neuen Präsidenten entschieden. Wie stehen die Karten für die Börsianer, wenn der Demokrat im Januar das Ruder in Weißen Haus übernimmt?

Mit dem neuen Präsidenten besteht die Hoffnung auf eine Abkehr vom Handelskrieg und der Politik der Strafzölle. Das wäre positiv für die Börse.

Wie jedes Jahr wollen wir von Ihnen wissen, wo sehen Sie den DAX am 31. Dezember dieses Jahres?

Zu befürchten ist, dass der alte Präsident bis Jahresende Störmanöver veranstalten wird, das erschwert eine Prognose. Positiv sind die aktuellen Nachrichten aus der Impfstoffentwicklung. Ein Jahresendergebnis beim DAX kann ich mir bei 13 800 Punkten vorstellen.

© Wirtschaft Regional 16.11.2020 17:11
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