„Die Situation ist dramatisch“

Tarifrunde Die IG Metall will vier Prozent mehr Lohn. Die Arbeitgeber in der Region halten die Forderung für illusorisch – und verweisen auf die Belastungen durch Struktur- und Coronakrise.
  • Von links: Florian Maier, Markus Kilian und Dr. Michael Fried. Foto: Oliver Giers

Aalen.

Mit einer schnellen Erholung der Konjunktur in der Metall- und Elektroindustrie ist nicht zu rechnen. „Die Auswirkungen der Covid-Pandemie führen zusammen mit dem massiven Strukturwandel in der Branche zu einer dramatischen Situation für viele Betriebe“, erklärte Dr. Michael Fried, Mitglied der Geschäftsleitung des Präzisionswerkzeugherstellers Mapal sowie Vorsitzender der Südwestmetall-Bezirksgruppe in der Region bei einem Pressegespräch in Aalen. Zusammen mit seinem Südwestmetall-Stellvertreter Florian Maier und Markus Kilian, Geschäftsführer der Bezirksgruppe, appelliert er deshalb an die IG Metall und fordert einen maßvollen Tarifabschluss.

„Klar ist, dass die Unternehmen in dieser Situation keinen weiteren Anstieg der Arbeitskosten verkraften können“, sagt Fried. Maier fügt an: „Die IG Metall muss mit uns vielmehr nach Lösungen suchen, wie wir zu Erleichterungen kommen.“ Der Forderung nach einer vierprozentigen Lohnerhöhung erteilt der Verband ebenso eine Absage wie der Idee einer Vier-Tage-Woche mit teilweisem Lohnausgleich. Beides, so der Tenor, sei nicht zu finanzieren.

Die Corona-Krise hat die Lage bei vielen Firmen zusätzlich verschärft. „Weite Teile der Metall- und Elektroindustrie befanden sich bereits im Jahr 2019 in einer Rezession“, erklärt Kilian. Die Unternehmen seien nun am Limit. Einzelne positive Nachrichten aus den Firmen dürften nicht über die schwierigen Umstände hinwegtäuschen. Die Auftragslage sei im September deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Vor allem in der Automobilwirtschaft, die in Ostwürttemberg stark vertreten ist, leide. Der allgemeine Maschinenbau zehre noch von einem Auftragspolster, doch hier zeichne sich bereits eine Flaute ab. Laut einer Umfrage unter den Südwestmetall-Firmen rechnet die Mehrheit laut Kilian im kommenden Jahr nicht mit einer deutlichen Erholung. „Der Weg aus der Krise wird steinig und lang.“

Einige Firmen in der Region haben als Reaktion bereits Stellen gestrichen, dennoch sagt Kilian: „Gemessen an Auftragssituation und Produktionsentwicklung gehen die Firmen mit der schwierigen Situation sehr verantwortungsvoll um.“ Die Zahl der Beschäftigten in Baden-Württemberg sank etwa im Vergleich zum Vorjahr um 2,4 Prozent, während die Produktion um 20,3 Prozent schrumpfte. Zu diesem Verhältnis hat vor allem das Instrument der Kurzarbeit beigetragen, von dem die Mehrheit der Firmen Gebrauch machen oder machten. „Die Kurzarbeit ist zwar ein probates Mittel, aber nicht die Lösung für die strukturellen Probleme“, erklärt Michael Fried.

Der Weg aus der Krise ist steinig und lang.

Markus Kilian
Südwestmetall Ostwürttemberg

Der Umstieg auf alternative Antriebe koste nicht nur Umsatz, sondern zwinge zusammen mit der fortschreitenden Digitalisierung viele Firmen zu massiven Investitionen, erklärt er. „Die Corona-Krise hat diesen Wandel nochmals beschleunigt.“ Maier ergänzt: „Im Bereich der Digitalisierung müssen wir endlich Geschwindigkeit aufnehmen und in neue Technologien investieren.“ Das gelte auch für die öffentliche Hand, die die digitale Infrastruktur weiter ausbauen müsse. Allerdings fehle vielen Firmen das nötige Kapital, um diese Transformation zu finanzieren. „Da wirkt die Vier-Prozent-Forderung der IG Metall völlig aus der Zeit gefallen. Sie entbehrt jeglicher Grundlage“, mahnt Fried. Der Anteil der Personalkosten an den Ausgaben der Firmen betrage bereits aktuell mehr als 50 Prozent. Er warnt deshalb, dass einige Betriebe die Produktion ins billigere Ausland verlagern könnten.

Kilian verweist auf die aktuelle Ertragslage vieler Firmen: Mehr als ein Drittel der Betriebe rechne laut einer Umfrage in diesem Jahr mit einem Verlust, ein weiteres Viertel mit einem Gewinn, der lediglich weniger als zwei Prozent des Umsatzes entspricht. „Es geht aktuell darum, die Firmen auf eine gesunde Basis zu stellen, damit sie den Wandel gestalten können.“ Aussichtslos ist die Situation aber nicht, wie Fried betont. „Viele Firmen haben in den Zeiten des Wachstums im vergangenen Jahrzehnt die Weichen gestellt und ihre Hausaufgaben gemacht.“

Auch die Beschäftigten hätten an den zurückliegenden, guten Jahren partizipiert, die Löhne seien schneller gestiegen als die Produktivität in dieser Zeit gewachsen. In der Krise erwartet Maier nun, dass die Belegschaften ihrerseits mit dazu betrügen, die Unternehmen zu entlasten. Südwestmetall fordert zumindest eine Nullrunde, um die Kosten neutral zu halten. Zudem müssten Betriebe, die besonders von der Krise betroffen sind, automatisch entlastet werden. Fried: „Der Tarifabschluss muss einen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten und nicht selbst zur Krise werden.“

© Wirtschaft Regional 13.11.2020 16:52
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