Biete Betrieb, suche Nachfolger

Übergabe Auch für florierende Unternehmen ist es manchmal schwierig, einen Übernehmer zu finden. Woran es oft scheitert und wo es auf der Ostalb geklappt hat.

  • Sind nach Aalen gezogen, um die Metallschleiferei F. Scholz zu übernehmen: Iris Schickhaus und Thomas Müller. Foto: privat
  • Hermann und Ingrid Maier schließen ihren Raumgestaltungsbetrieb – sie fanden keinen Nachfolger. Foto: ham

Aalen

Sechs Jahre lang haben Hermann und Ingrid Maier einen Nachfolger für ihren Raumgestaltungsbetrieb in Wasseralfingen gesucht – vergeblich. Zum Jahresende schließt das renommierte Haus mit 72-jähriger Tradition. Das Ladengeschäft in der Schwarzwaldstraße ist bereits zu. In anderen Betrieben wie der Aalener Metallschleiferei F. Scholz hat die Übergabe geklappt. Dennoch: Inhabergeführte Unternehmen haben es immer schwerer, externe Nachfolger zu finden.

Hermann und Ingrid Maier räumen auf, kümmern sich noch um die Abarbeitung von Aufträgen, telefonieren mit Kunden. Bald geht nach Ingrid Maier auch ihr Mann in den Ruhestand. Beide haben dann mehr Zeit für die drei Enkel, Reisen, Radfahren und ehrenamtliches Engagement.

Dichtgemacht haben sie nicht, weil die Geschäfte schlecht liefen, schon gar nicht wegen der Coronakrise. Im Gegenteil: Nun kümmerten sich die Menschen um ihr Heim und suchten den Fachbetrieb gezielt auf. Teppichböden verlegen, Beschattungsanlagen montieren, Möbel polstern: Alle Dienstleistungen rund um Boden, Fenster, Wand, Sonnenschutz und Polster, für die der Betrieb weithin geschätzt wird, werden angenommen.

Das Unternehmerehepaar hört schlicht aus Altersgründen auf. Beide sind 65 Jahre alt. Die beiden Kinder haben sich bereits vor 20 Jahren nach der Schule entschieden, einen anderen beruflichen Weg einzuschlagen. „Drängen wollten wir sie ganz sicher nicht“, sagt Ingrid Maier.

Die Maiers suchten also beizeiten nach externen Nachfolgern – in der Handwerkerbörse, in Unternehmensportalen der Banken, per Eigeninitiative und Unternehmensberater. Ohne Ergebnis. Niemand war bereit, den Betrieb mit zehn Mitarbeitern, Ladengeschäft und Werkstatt zu übernehmen. Viele Berufseinsteiger, glaubt Hermann Maier, fangen eben lieber klein an.

Anders lief es bei Thomas Müller und Iris Schickhaus aus Düsseldorf, die vor einem Jahr die Metallschleiferei F. Scholz in Aalen übernommen haben. Beide sind seit 20 Jahren im Bereich Oberflächenbeschichtung tätig. Die Hoffnung, ihren Arbeitgeberbetrieb zu übernehmen, erfüllte sich nicht. Also suchten sie über Portale wie die bundesweite Nexxt-Börse. Hilfestellung gab unter anderem die Handwerkskammer Ulm bei der Besichtigung von Betrieben.

Die Zahl der Betriebsinhaber über 60 steigt jährlich.

Roman Gottschalk
Handwerkskammer Ulm

In Aalen passte alles. Der Eigentümer ging in Rente, die Ausrichtung stimmte, das wirtschaftliche Umfeld auf der Ostalb mit vielen potenziellen Firmenkunden auch. Das Unternehmen bietet Schleifen, Polieren, Elektropolieren unter anderem für die Bereiche Schwimmbadtechnik, Pharmazie und Oldtimer an.

580 Handwerksbetriebe stehen zur Übergabe an

Insgesamt stehen im Ostalbkreis 580 Handwerksbetriebe altersbedingt zur Übergabe an, im Kreis Heidenheim sind es 226. Roman Gottschalk vom Zentrum für Betriebsnachfolge (ZEN) der Handwerkskammer Ulm bemerkt eine stetige Zunahme: „Die Zahl der Betriebsinhaber über 60 steigt jährlich.“ Zusätzlich könnten nun auch die Pandemieauswirkungen eine Rolle spielen, dass Inhaber früher abgeben wollen.

Ob die Betriebsübergabe klappe, sei dabei unabhängig vom Gewerk, meint Gottschalk. Wichtig: Ist der Betrieb attraktiv genug für Übernehmer? Stolpersteine seien unter anderem zu wenig Zeit – mit fünf Jahren müsse man rechnen – und ein zu hoher Kaufpreis. Manche ließen den Betrieb auslaufen, verkleinerten ihn – und machten ihn somit unattraktiv. Andere können nicht loslassen. Andererseits müssten auch die Übernahmebewerber auf Seriosität und Eignung geprüft werden.

Das Zentrum für Betriebsnachfolge (ZEN) der Handwerkskammer Ulm unterstützt sowohl Übergeber als auch Übernahmewillige – von der Eintragung in die regionale Betriebsbörse, der Erstellung eines Nachfolgeplanes bis zum Finden eines passenden Verkaufspreises.

© Wirtschaft Regional 04.11.2020 09:09
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