Der Stoff zum Träumen

Für die einen ist synthetischer Kraftstoff wichtig und sinnvoll. Andere sehen darin eine teure und unsinnige Erfindung. Eine Studie lässt nun aufhorchen.
Auch wenn sich derzeit Hybrid- und Elektroautos gut verkaufen und immer mehr E-Modelle auf den Markt kommen: Für manche Unternehmenschefs ist der künftige Antrieb unserer Fahrzeuge längst nicht ausgemacht. So glauben etwa Bosch und Porsche, dass neben dem Strom-Antrieb auch der Verbrennungsmotor weiter seinen Platz hat. Statt Benzin und Diesel soll dann aber weitgehend synthetischer Kraftstoff fließen. Dieser sogenannte E-Fuel ist derzeit umstritten, gilt als teuer und ineffizient. Deshalb lässt eine Untersuchung des Beratungsunternehmens Frontier Economics aufhorchen, nachdem mit klimaneutralen Kraftstoffen auf Ökostrombasis angetriebene Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor eine ähnlich gute Energie-Gesamtbilanz aufweisen sollen wie batteriegetriebene. Grundlage sei ein „gesamtheitlicher Effizienzvergleich“, heißt es in der vom Mineralölwirtschaftsverband und Bundesverband mittelständischer Mineralölunternehmen in Auftrag gegebenen Studie. Wird der Auspuff also ewig bleiben?

Wenn es nach der Studie geht: ja. Denn die Effizienz bei direkter Nutzung von Ökostrom in Batterie-Antrieben liege nicht wie bisher angenommen bei 70 Prozent, sondern sei mit 13 Prozent ungefähr so hoch wie die von E-Fuel. Die Effizienz-Zahlen bedeuten, dass nur wenig mehr als ein Zehntel der eingesetzten elektrischen Energie letztlich im Fahrzeug genutzt wird.

„Die Effizienzbetrachtung verändert sich, wenn der Standort der Windräder oder Solaranlage in Deutschland mit einberechnet wird“, sagt Theresa Steinfort von Frontier Economics. Eine Anlage hierzulande liefere nur 40 Prozent der Strommenge einer Anlage in Nordafrika.

E-Fuel wird mittels Strom aus Wasser und Kohlendioxid hergestellt und lässt sich wie Öl über lange Strecken transportieren und lagern. Für batterieelektrische Fahrzeuge sei man dagegen weitgehend auf die erneuerbare Stromerzeugung im Inland angewiesen. Der Transport sei in den Vergleich bereits eingerechnet.

Die Ergebnisse dürften den Verband der Deutschen Automobilindustrie freuen. Für dessen Präsidentin Hildegard Müller ist E-Fuel und Wasserstoff aus nachhaltigen Energiequellen nötig, „um auch bei den Millionen Pkws im Bestand die Klimaziele zu erreichen“. Laut Frontier Economics werde E-Fuel nicht auf die ausgestoßene CO2-Menge angerechnet – die Attraktivität leide. Und Bundesumweltministerin Svenja Schulze sieht E-Fuel im Flugverkehr für unverzichtbar an und will eine feste, ansteigende Quote. Im Seeverkehr und bei Nutz- und Schwerlastfahrzeugen sei der Kraftstoff notwendig – weniger allerdings im Pkw-Bereich.

Porsche dagegen hat angekündigt, größer in die Entwicklung synthetischer Kraftstoffe einzusteigen. Das Problem ist der Preis, der aktuell deutlich über 10 US-Dollar pro Liter liege, aber in zehn Jahren auf 2 Dollar sinken könne. Nötig sei auch mehr Forschung. Für Thomas Koch, Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), setze der Gesetzgeber aber nur auf Batteriefahrzeug – das sei zu einseitig. Das KIT hält einen 60-Prozent-Wirkungsgrad von E-Fuel für möglich.

Ganz anderer Meinung ist Felix Matthes vom Freiburger Öko-Insitut. Er sieht in der Diskussion um den „Wundertreibstoff“ E-Fuel eine „Technologie-Wette“ und „fatales Zeichen, dass auch Verbrennungsmotoren noch eine Zukunft hätten. Bislang gebe es aber noch keine Pilot-Anlage mit großem Ausstoß. Versprochen sei zunächst auch nur eine „Apothekenmenge von 10 000 Litern“. Woher das CO2 für die Produktion von E-Fuel kommen solle, sei zudem offen, es aus der Luft zu nehmen gestalte sich schwierig. Die Nutzung fossilen CO2 zur Erzeugung synthetischer Brenn- oder Kraftstoffe ist nach Meinung des Experten mittel- und langfristig nicht nachhaltig. Ökologisch erledige sich die Diskussion irgendwann von selbst, sagt der Umweltökonom.

An den Berechnungen von Frontier Economics übt Matthes harte Kritik. Diese seien „ein billiger Trick“: „Hier wird alles zusammengeworfen.“ Die ökonomische Effizienz dürfte sich nicht aus technisch-physikalischen und ökonomischen Faktoren zusammensetzen, dies sein „methodischer Voodoo“.
© Südwest Presse 02.11.2020 07:45
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