So elektrisch wird die mobile Zukunft

Forum Elektromobilität Deutschland investiert Milliarden in die Elektromobilität, Autobauer wie Mercedes Benz ebenso. Wie die Stuttgarter die mobile Zukunft sehen – und welche Probleme noch warten.
  • Von links: Peter Schwiercz, Dr. Andreas Zielonka, Charlotte Helzle, Michael Weiss, Peter Ernst und Hans-Peter Weber bei der Podiumsdiskussion. Fotos: rs
  • Michael Weiss.
  • Ausstellung im CCS. Foto: tom

Schwäbisch Gmünd

Wann geht es denn jetzt endlich richtig los mit der Elektromobilität in Deutschland? Nicht nur mit dieser Frage setzte sich das achte Gmünder Forum Elektromobilität auseinander, das die Stadt, die Stadtwerke und die IHK Ostwürttemberg im CCS organisiert hatten. So war es folgerichtig, dass sich ein Referent – Steffen Bilger, parlamentarischer Staatssekretär in Berlin – mit der Infrastruktur und den Rahmenbedingungen beschäftigte. Der andere, Michael Weiss von Mercedes Benz, hatte die Autos im Blick. Die Podiumsdiskussion erinnerte daran, dass die E-Mobilität allein die Klimakrise nicht lösen wird – und dass der Mobilitätswandel Zeit braucht.

Bilger betonte in seinem (wegen vorsorglicher Quarantäne digitalen) Referat daran, dass die Regierung für Technologieoffenheit stehe, neben der Elektromobilität Antriebe wie die Brennstoffzelle fördere. Die Mobilität der Zukunft betreffe nicht nur Autos, sondern auch Lkw, Züge, Schifffahrt und den Flugverkehr. Hier setzt Bilger auf den Wasserstoff, der vor allem für den Schwerlastverkehr wie die Schifffahrt geeignet sei. „In der Elektromobilität wiederum kommt stark es auf die First Mover an“, sagte Bilger, jene, die den ersten Schritt machen. Die Regierung unterstütze nicht nur mit Kaufprämien, sondern fördere mit weiteren Milliardeninvestitionen, um das selbst gesteckte Ziel von bis zu zehn Millionen E-Autos bis zum Jahr 2030 zu erreichen. „Allein für den Ausbau der Ladeinfrastruktur stehen vier Milliarden Euro bereit.“ Den ebenfalls wichtigen Bereich der privaten Ladeinfrastruktur unterstütze man etwa mit günstigen Kredite.

Dass es ausreichend Elektroautos geben wird, dafür sorgt Michael Weiss. Der Senior Manager eDrive & eTesting bei Mercedes Benz, stellte nicht nur die ehrgeizigen Ziele seines Unternehmens in diesem Bereich vor. Für Mercedes gehe es nicht nur um die Elektrifizierung der Flotte, sondern um die Revolutionierung der Fertigung. Bis 2022 will Mercedes an seinen Standorten CO2-neutral produzieren, bis 2030 sollen die Hälfte der verkauften Fahrzeuge einen elektrischen oder Hybrid-Antrieb besitzen, 2039 will man komplett CO2-neutral sein. „Wir fahren eine dreigleisige Antriebsstrategie“, so Weiss. Es sei wichtig, die Technologien und Strategien den Märkten anzupassen. Nicht überall auf der Welt seien politischer Wille oder Infrastruktur so ausgeprägt wie in Deutschland, China oder den USA. Klar sei: „Die Ausgaben für die Verbrennerfertigung werden drastisch sinken.“ Bis 2025 um 40, bis 2030 sogar um 70 Prozent. Alles ist also bereitet, allein: „Die Kunden zögern noch.“ Für diese Übergangszeit gebe es Hybridantriebe.

Bei Mercedes denkt man weiter. Weiss gab Einblicke in die Elektrozukunft von Mercedes. Auf drei modularen und skalierbaren Plattformen will man Kompakt-, Mittel- und Oberklasse mit Autos versorgen. Den Anfang macht die Oberklasse. Für den EQS verspricht Weiss nicht nur spektakuläre Fahrleistungen, sondern Reichweiten von bis zu 700 Kilometern und Schnellladefunktionen. Aber: noch beschränkt sich das auf die Luxusklasse.

In der Elektromobilität kommt es auf die First Mover an.

Steffen Bilger
Staatssekretär Verkehrsministerium

In der von Peter Schwiercz moderierten Podiumsdiskussionen rückte der Blick auf die Zukunftsmobilität im Ganzen. Charlotte Helzle, Geschäftsführerin von Hema Electronic, erklärte, wie ihre Firma an den Antrieben der Zukunft mitarbeite und vertrat die Sicht der Unternehmer auf mobile Zukunftskonzepte. Ein ambitioniertes Projekt treibt das Forschungsinstitut Fem in Gmünd voran. Die Wissenschaftler um Institutsleiter Dr. Andreas Zielonka entwickeln ein wasserstoffbetriebenes Fahrrad. Hans-Peter Weber, ehemaliger Chef der VR-Bank Ostalb, stellte die Arbeit von AA-Mobil vor, einer Initiative der Stadt Aalen, die erforscht, wie die Mobilität der Zukunft aussieht.

Denn die Elektromobilität, das machte deren Anhänger Peter Ernst, Geschäftsführer der Stadtwerke klar, könne kurzfristig nicht die CO2-Probleme lösen. Würde man etwa alle 40 000 Autos in Gmünd bei einer durchschnittlichen Laufleistung von rund 10 000 Kilometern pro Jahr auf Elektroantrieb umstellen, käme man jährlich auf den Verbrauch von 400 Millionen Kilowattstunden. „Um die nötige Infrastruktur zu schaffen müssten alleine die Stadtwerke 120 Millionen Euro investieren“, rechnet Ernst vor, der für Realismus in der Debatte warb.

Der Weg zur E-Mobilität ist kein Spurt, eher ein Marathon.

© Wirtschaft Regional 15.10.2020 21:59
180 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?