„Müssen besser und schneller werden“

Bildung Dr. Susanne Eisenmann erklärt beim Forum Bildungspartnerschaften, wie das Land Schule und Wirtschaft besser verzahnen will. Ein Forscher hat errechnet, ob ein Studium finanziell lohnt.
  • Kultus- und Bildungsministerin Dr. Susanne Eisenmann in der Aalener Stadthalle. Foto: opo

Aalen

Bildungspartnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen sind seit rund einem Jahrzehnt ein wichtiger Faktor bei der Verzahnung von Bildung und Wirtschaft. Beim inzwischen zehnten Forum Bildungspartnerschaften in Ostwürttemberg beantwortete Volkswirt Dr. Tobias Brändle nicht nur die Frage, welcher Bildungsweg das meiste Einkommen verspricht, auch Dr. Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport war in die Aalener Stadthalle gekommen, um eine Bilanz der Bildungspartnerschaften zu ziehen, zu erklären, wie Schulen und Wirtschaft in Zukunft besser zusammenarbeiten können und was das Land bereit ist, dafür zu tun.

Nachdem Aalens OB Thilo Rentschler einen Überblick über die Investitionen in den Schulstandort Aalen gab und wie IHK-Hauptgeschäftsführerin Michaela Eberle sowie Markus Kilian, Geschäftsführer von Südwestmetall, die Bedeutung der Bildung für die Region hervorhob, kündigte Eisenmann weitere Investitionen in die Schulen im Land an. Im Nachtragshaushalt würden weitere 50 Millionen Euro bereitgestellt, damit Schulen saniert und die digitale Infrastruktur ausgebaut werden kann.

Die Bildungsministerin räumt ein, dass die Schulen im Land vor allem im digitalen Bereich Nachholbedarf haben. „Wir müssen besser und schneller werden“, sagt sie. Die Finanzmittel für rund 300 000 neue Laptops für Schüler stünden bereit, alle Lehrkräfte sollen in diesem Jahr ebenfalls Rechner erhalten. „Wir kommen Schritt für Schritt voran.“ Das gelte ebenso für den Aufbau einer digitalen Lernplattform.

Eisenmann blickt zurück auf die Anfänge der Bildungspartnerschaften während und nach der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009. „Das Ziel war, die Zusammenarbeit zwischen Schulen und der Wirtschaft zu intensivieren.“ Das sei geglückt: 95 Prozent der 1700 allgemeinbildenden Schulen im Land unterhalten Bildungspartnerschaften, an denen 3800 Firmen beteiligt sind. In Ostwürttemberg liegt die Zahl bei 100 Prozent. 400 Firmen engagieren sich in diesen Kooperationen. „Diese Zahlen sprechen für sich.“

Parallel wurden an den Schulen immer mehr Fächer eingeführt und Projekte angestoßen, um die Schüler auf die ökonomische Realität vorzubereiten. Wichtig sei angesichts der aktuellen Wirtschaftslage, diese Partnerschaften weiter auszubauen und weiterzuentwickeln. „Bildungspartnerschaften können dazu beitragen, auf Strukturwandel und Transformationsprozessen in Branchen besser zu reagieren und erfahrbarer zu machen.“ Die ersten Schritte dieser Weiterentwicklung seien getan, neue gemeinsame Projekte, wie der Wettbewerb „Bildungspartnerschaft digital“, angestoßen.

Für die Unternehmen im Land ist die duale Ausbildung der wichtigste Weg, um die Fach- und Führungskräfte von morgen zu rekrutieren. „Die Ausgangslage ist angesichts der steigenden Akademisierung und des demografischen Wandels herausfordernd“, erklärt Dr. Stefan Rössler von der Handwerkskammer Ulm.

Wir kommen Schritt für Schritt voran.

Dr. Susanne Eisenmann
Bildungsministerin

Da traf es sich gut, dass mit Dr. Tobias Brändle ein Volkswirt eingeladen war, der vor einigen Monaten gemeinsam mit seinen Forscherkollegen vom IAB in Tübingen mit einer Studie bundesweit für Aufsehen gesorgt hatte. Deren Tenor: Der monetäre Vorteil eines Arbeitnehmers mit Hochschulabschluss gegenüber einem Techniker oder Meister ist längst nicht so groß wie angenommen. Genauer: Er existiert statistisch erst, wenn der Hochschulabsolvent das Alter von 60 Jahren überschritten hat.

Brändle verglich in seiner Studie nicht, wie andere Forscher, den Stundenlohn, sondern das Lebenseinkommen, heißt: die Summe, die ein Mensch in seinem Arbeitsleben verdient. So haben Auszubildende und Jung-Arbeitnehmer viele Jahre einen klaren Einkommensvorteil gegenüber jenen, die nach dem Abitur eine Hochschule besuchen. „Im Durchschnitt holt der Hochschulabsolvent den vorherigen Azubi erst mit Mitte, Ende 30 ein. In der Hochphase des Lebens mit Hausbau oder Familiengründung verfügt letzterer also über mehr Kapital.“

Bildet sich der einstige Auszubildende weiter und macht den Techniker oder Meister, dauert es gar bis zum 60. Lebensjahr, bis der Hochschulabsolvent dessen Einkommen übertrifft. Der Meister und Techniker erzielt im Schnitt ein Lebenseinkommen von 1,4 Millionen Euro, der Hochschulabsolvent liegt einige zehntausend Euro darüber. Ein früherer Azubi ohne Weiterbildung kommt auf rund eine Million, ein Ungelernter auf etwa 750 000 Euro.

Ebenfalls bemerkenswert sind die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen: Die sogenannte „Gender Pay Gap“ wird durch die Analyse des Lebenseinkommen sogar größer. Hochschulabsolventinnen kommen auf insgesamt rund 1 Million Euro, Technikerinnen/Meisterinnen liegen knapp darunter.

Tobias Brändle warnt nicht nur deshalb davor, das Studium als den Königsweg zu hohem Einkommen zu sehen. Denn: Rund 20 Prozent der Studierende brechen ihr Studium ab, viele bleiben in der Folge ungelernt. Volkswirt Brändle rät deshalb: „In Schulen sollte angesichts dieser Zahlen stärker auf das Risiko eines Studiums hingewiesen werden.“

© Wirtschaft Regional 06.10.2020 19:14
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