Kistler plant Stellenabbau

Automobilindustrie Die Schweizer erzielen 70 Prozent des Umsatzes mit Autoherstellern und -zulieferern. Das hat Folgen für die Standorte.
  • Der Standort von Kistler in Lorch. Aktuell sind hier 178 Mitarbeiter für den Schweizer Konzern tätig. In Urbach sind es weitere 20 Mitarbeiter. Foto: Kistler

Lorch

Noch Anfang des vergangenen Jahres hatte die Kistler-Gruppe den Standort in Urbach ausgebaut, nun hat sich das Blatt gewendet. Das Unternehmen mit Sitz im schweizerischen Winterthur hat einen Sparkurs sowie eine „strategische Neuausrichtung“ angekündigt. Insgesamt will das Unternehmen weltweit 190 Stellen streichen, 90 davon in Deutschland.

Wie viele Arbeitsplätze am Standort in Lorch in Gefahr sind, teilte das Unternehmen auf Anfrage dieser Zeitung nicht mit. Kistler werde „unter Berücksichtigung der rechtlichen Vorgaben frühestens nach Abschluss der Verhandlungen mit den lokalen Betriebsräten genauere Angaben zu den betroffenen Mitarbeitenden machen können“, so ein Statement der Firma. Der Betriebsrat wurde über den drohenden Stellenabbau Anfang Oktober informiert. In Lorch beschäftigt Kistler 178 Mitarbeiter, in Urbach weitere 20.

Nötig wird der Schritt nach Darstellung Kistlers vor allem aufgrund der Lage der Automobilindustrie. Die ist vom weltweiten Abschwung besonders betroffen. Die Krux für Kistler: Die betroffenen Automobilhersteller und -zulieferer sorgen für mehr als 70 Prozent des Umsatzes. Die Corona-Pandemie hat die Lage verschärft. Für Bilanz von Kistler bedeutet das: Ende September lag der Umsatz 23 Prozent unterhalb des Vorjahresniveaus. Laut Vorstandschef Rolf Sonderegger schreibe die Firma zudem aktuell Verluste. Neben der Pandemie ist auch der Strukturwandel hin zur Elektromobilität ein Faktor für die Entwicklung.

Der Standort Lorch bedient als einziger Standort die Bereiche Fügesysteme und Drehmomentsensorik, von der Entwicklung bis zur Produktion. Fügesysteme kommen vor allem bei Montageprozessen zum Einsatz, zum Beispiel in der Getriebe- und Fahrwerkmontage. In Urbach ist ein Zentrum für den Elektromotoren- und Getriebeprüfstandbau beheimatet. Laut des Sprechers seien die Kunden der Standorte vorrangig in der Automobil- und deren Zulieferindustrie zu Hause. Das heißt: Auch am Standort Lorch werden Stellen gestrichen.

Wir kommen nicht umhin, Kündigungen auszusprechen.

Rolf Sonderegger
Vorstandschef Kistler

„Schon im vergangenen Jahr sind die Auftragseingänge in den Kernmärkten Deutschland und China deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben“, sagt Sonderegger. Kistler habe deshalb bereits im Vorjahr ein „umfassendes Transformationsprogramm“ aufgesetzt, welches das Unternehmen neu positionieren soll. Kistler will neue, von der Automobilindustrie unabhängige Märkte erschließen. Gleichzeitig müsse man aber Kosten einsparen. „Die Corona-Pandemie hat die Situation massiv verschärft, sodass wir nun trotz Sparbemühungen, Personalstopp und Kurzarbeit nicht umhinkommen, Kündigungen auszusprechen“, so Sonderegger.

Der Umfang des Stellenabbaus spiegle die regionale Marktsituation wider. „Wir müssen mit einem Rückgang von bis zu 30 Prozent der total produzierten Autos in diesem Jahr rechnen“, sagt Lino Guzzella, Mitglied des Verwaltungsrats. In Deutschland wirke sich die stark zurückgegangene Nachfrage des Hauptabnehmers Automobilbranche auf Produktion und Vertrieb aus, sodass laut Kistler alle deutschen Standorte vom Stellenabbau betroffen sein werden.

„Mit der frühzeitig gestarteten Transformation stellen wir nicht nur das langfristige Überleben, sondern auch das zukünftige Wachstum des Unternehmens sicher“, erklärt Sonderegger. „Auch wenn der durch die Corona-Pandemie verschärfte wirtschaftliche Strukturwandel einschneidende Maßnahmen verlangt, sind wir überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein.“

© Wirtschaft Regional 05.10.2020 20:06
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