Schneller Aufschwung nicht in Sicht

Metall- und Elektroindustrie Markus Kilian von Südwestmetall erwartet punktuelle Entlassungen, aber keinen „Kahlschlag“. Der Verband fordert eine Nullrunde bei den anstehenden Tarifverhandlungen.
  • Markus Kilian, Geschäftsführer von Südwestmetall in Ostwürttemberg, Foto: ham

Aalen

Die Talsohle mag zwar erreicht sein. Bis es zu einer nachhaltigen Erholung der hiesigen Metall- und Elektroindustrie kann es aber bis Ende 2021 dauern. Das ist die aktuelle Einschätzung von Südwestmetall angesichts der Wirtschaftskrise. Markus Kilian, Ostwürttemberg-Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes, hält deshalb punktuelle Stellenstreichungen in der Region für möglich, wenngleich es nicht zum „Kahlschlag“ kommen werde. Für die im Frühjahr wegen der Pandemie vertagten Tarifverhandlungen, die zum Jahresende ansteht, sendet der Arbeitgebervertreter eine klare Botschaft in Richtung IG Metall: „Eine Nullrunde ist das absolute Minimum.“

Die gute Nachricht: Fast alle Kurven zeigen seit Juli wieder leicht nach oben: Auftragseingänge, Produktionsentwicklung, Kapazitätsauslastung und Geschäftserwartungen. Doch sie liegen immer noch weit unter den Vorjahreswerten. Kein Wunder: Alleine im April ist die Produktion in der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie um 40 Prozent, im Fahrzeugbau sogar um 80 Prozent eingebrochen.

Während die Anlagenbauer noch relativ glimpflich durch die Krise kämen, treffe es vor allem die Autozulieferer hart: Im Gegensatz zu den Fahrzeugherstellern, die vom anziehenden China-Geschäft profitierten, seien die Zulieferer eher auf den europäischen Märkten orientiert.

Erfolgreiche „Leuchttürme“ wie Varta und Zeiss änderten nichts an der Gesamtlage: Nur 15 Prozent der Unternehmen erwarteten 2020 ein Nullwachstum oder eine leichte Verbesserung, der Rest gehe von einem Rückgang aus.

„Schwierigkeiten haben schon vor Corona begonnen“

Es hilft nichts, jetzt noch ein Jahr Party zu machen und dann geht das Licht komplett aus.

Markus Kilian
Geschäftsführer

70 Prozent der Unternehmen in der Branche haben Kurzarbeit angemeldet. „Dieses Instrument hat sich bewährt, um Betriebe am Laufen zu halten und Belegschaften zu schützen“, sagt Kilian, der die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes begrüßt. Für Unternehmen sei Kurzarbeit jedoch „kein Nullsummenspiel“, weil Fixkosten weiterhin anfielen und die Arbeitsstunden sich dadurch verteuerten. Einige Unternehmen kämen nicht umhin, „personelle Anpassungen“ vorzunehmen, formuliert Kilian, fügt aber hinzu: „Ich glaube nicht, dass es zu einer Entlassungswelle, einem Kahlschlag, kommt.“ Unternehmen, die zehn Jahre Fachkräftemangel hinter sich hätten, seien gewillt, ihre Belegschaften zu halten.

In der Krise stecke die Metall- und Elektroindustrie schließlich nicht erst seit Corona. Bereits im zweiten Halbjahr 2019 verzeichnete die Branche eine Rezession. Themen, die den Sektor damals vor Herausforderungen stellten – Transformation vom Verbrenner zum Elektroantrieb, Digitalisierung und Automatisierung – habe die Pandemie noch verschärft. Hinzu kämen globale Unsicherheiten durch Brexit und internationale Handelskonflikte.

„Zum anderen hängt uns aber auch noch der Anfang 2018 ausgehandelte Tarifabschluss nach“, sagte Kilian – auch mit Hinblick auf die erneut anstehenden Tarifverhandlungen mit der IG Metall. Diese sollen bereits im März abgeschlossen sein, wurden aber wegen der Coronakrise weitgehend vertragt – man einigte sich lediglich auf einige Not- und Übergangsmaßnahmen.

2018 hatten sich die Parteien unter anderem auf 4,3 Prozent mehr Lohn geeinigt. „2019 ist dann schlechter gelaufen, als wir erwartet hatten“, sagt Kilian. Ein neuer Abschluss dürfe für die Unternehmen auf keinen Fall höhere Kosten bringen, fordert er und wünscht sich unter anderem automatische Entlastungen für Corona-betroffene Unternehmen und entsprechende Ausnahmen vom Flächentarifvertrag. Angesichts hoher Löhne in der Automotive-Industrie sei es „Zeit, innezuhalten“.

„Es hilft nichts, jetzt noch ein Jahr Party zu machen und dann geht das Licht komplett aus“, appellierte Kilian an die Gewerkschaft IG Metall. Aus dieser wiederum waren zuvor bereits Stimmen laut geworden, die ihrerseits den Arbeitgebern vorwarfen, die Krise zu nutzen, um Stellen abzubauen und Arbeitnehmerrechte auszuhöhlen.

© Wirtschaft Regional 11.09.2020 14:38
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