Hensoldt will an die Börse

Rüstungselektronik Der Konzern soll dank weltweit steigender Rüstungsausgaben kräftig wachsen und sieht den Gang an die Börse als „neues Kapitel“. Was das für den Standort Oberkochen bedeutet.
  • Wachstum auch in der Corona-Krise: Der Sensorspezialist Hensoldt schafft deutschlandweit 400 neue Arbeitsplätze. Hier der Standort in Ulm. Foto: Hensoldt

Oberkochen/Taufkirchen

Thomas Müller ist von dem Schritt vollkommen überzeugt. „Unsere Sensorik wird in Zukunft entscheidend sein im Markt der Verteidigungselektronik“, erklärt der Vorstandschef des Rüstungselektronikhersteller Hensoldt mit Sitz in Taufkirchen bei München und Standort in Oberkochen. Allein im vergangenen Jahr habe das Marktvolumen rund 102 Milliarden Euro betragen, das für Hensoldt relevante Segment lag bei rund 46 Milliarden Euro. Um sechs Prozent pro Jahr soll dieser Bereich bis zum Jahr 2024 wachsen. Das Unternehmen will mit diesem Rückenwind nun an die Börse. „Wir freuen uns auf diesen Weg“, sagt Müller. „Mit dem Erlös werden wir Produktportfolio und Vertriebsnetz erweitern, unsere Bilanz stärken und unser profitables Wachstum weiter ausbauen“, erklärt der Vorstandschef.

Seit der Ausgliederung aus dem EADS-Konzern im Jahr 2017 und der anschließenden Übernahme durch den amerikanischen Investor KKR ist die Gruppe massiv gewachsen. Mit insgesamt 5500 Mitarbeitern stellt Hensoldt Sensoren, optoelektronische Systeme, Systeme für elektronische Kampfführung und Avionik her. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei rund 1,1 Milliarden Euro, der operative Gewinn bei 216 Millionen Euro. Dank eines aktuellen Auftragsbestands von 3,5 Milliarden Euro rechnet der Vorstand um Müller mit einer stabilen Entwicklung.

Hensoldt erhielt vor kurzem etwa den Zuschlag für die Entwicklung eines neuen Radarsystems für die kommende Generation des Eurofighters, Gesamtvolumen: rund 1,4 Milliarden Euro. „Dieser Auftrag stellt für uns eine neue Dimension dar“, so Müller. „Unsere Strategie, in Forschung und Entwicklung zu investieren, zahlt sich aus.“ 2019 flossen bei Hensoldt rund 86 Millionen Euro in diesen Bereich, was acht Prozent des Umsatzes entspricht.

Ein weiterer Grund für den Optimismus: Die Rüstungsausgaben steigen weltweit, parallel wird der verbaute Anteil an Elektronik in Panzern, Flugzeugen oder Schiffen immer größer. Vor rund 30 Jahren entfielen zum Beispiel in den deutschen Leopard-Panzern rund ein Viertel der Kosten auf die Elektronik, Sensoren und Co., bei der aktuellen Generation sollen es 45 Prozent, bei der kommenden gar mehr als 50 Prozent sein, rechnet Müller vor.

Er sieht das Unternehmen mit Kunden in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Südafrika – wo Technik von Hensoldt bedrohte Tierarten wie Nashörner oder Seeschnecken vor Wilderern schützt – glänzend aufgestellt.

Dieser Auftrag stellt für uns eine neue Dimension dar.

Thomas Müller
Vorstandschef Hensoldt

Von dieser Entwicklung profitiert der Standort in Oberkochen. In den vergangenen zwei Jahren hat der Konzern hier 100 Mitarbeiter eingestellt, 40 kamen 2020 hinzu. Die Corona-Pandemie habe auf den Geschäftsverlauf keine Auswirkungen. „Hensoldt bleibt in der Corona-Krise auf Wachstumskurs“, bekräftigt Personalvorstand Peter Fieser. „Wir arbeiten im Hightech-Bereich der Sensorik in einem stark wachsenden, sehr langfristig angelegten Geschäft.“ Deutschlandweit werde man dank des Eurofighter-Auftrags rund 400 neue Stellen schaffen.

Am Standort in Oberkochen entwickelt und produziert das Unternehmen mit inzwischen rund 600 Mitarbeitern optische und optronische Geräte sowie hochpräzise Laser für zivile und militärische Anwendungen. Dazu gehöre Hochleistungsoptik für industrielle kommerzielle Lösungen wie etwa Messtechnik für die Chipherstellung mit extrem ultraviolettem Licht, Präzisionsspiegel für die Erdbeobachtung und Kryomechanismen für Satelliten oder Optiken für Infrarot-Anwendungen im Weltraum, wie eine Sprecherin erklärt. „Unsere Wärmebildtechnologie findet Anwendung in Überwachungssystemen für Grenzräume und zum Schutz kritischer Infrastruktur sowie von Feldlagern der Bundeswehr.“ Die Kameras im kurz-, mittel- und langwelligen Infrarotspektrum werden an fliegenden Plattformen wie Helikoptern verschiedener Polizeikräfte und Flugzeugen, in Periskopen und Optronikmastsystemen für U-Boote sowie in Fahrersichtsystemen für gepanzerte Fahrzeuge eingesetzt.

Nicht nur die Zahl der Mitarbeiter wächst, das Unternehmen hat die Reinraumproduktion am Standort ausgebaut. „Wir verdoppeln unsere monatlich ausgelieferte Stückzahl an Messtechnik für einen zivilen Kunden und benötigen dafür mehr Fläche“, erklärt die Unternehmenssprecherin.

Mit dem Börsengang will Hensoldt nicht nur seinen Wachstumskurs fortsetzen, ebenso wird natürlich Investor KKR davon profitieren. 2017 zahlte die amerikanische Beteiligungsgesellschaft etwas mehr als eine Milliarde Euro für das Unternehmen, inzwischen wird dessen Wert von Analysten auf bis zu drei Milliarden Euro geschätzt – trotz einer, auch wegen der Übernahme von KKR gestiegenen, Nettoverschuldung von 762 Millionen Euro.

© Wirtschaft Regional 08.09.2020 11:42
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