„Es gibt Hotels, die auf der Kippe stehen“

Corona-Pandemie Dehoga-Kreisvorsitzender Dagobert Hämmerer erläutert im Interview, warum die Ostalb-Hotels trotz massiver Umsatzeinbußen von immer noch knapp 55 Prozent nicht zum billigen Jakob werden dürfen.
  • Dagobert Hämmerer, Dehoga-Kreisvorsitzender Ostalb und Inhaber des Hotels Schweizer Hof in Böbingen. Archivfoto: privat

Böbingen

Absagen von Messen und Großveranstaltungen. Firmen, die ihre Mitarbeiter ins Homeoffice schicken, Konferenzen, die ins Internet verlegt werden: Coronabedingt fehlen den Hotels nicht nur Urlaubsübernachtungen, sondern vor allem auch Tagungskunden und Geschäftsreisende. Trotz der finanziellen Hilfen von Bund und Land stehen auch hier im Ostalbkreis einige Unternehmen am Rande ihrer wirtschaftlichen Belastbarkeit. Redakteurin Ulrike Wilpert hat sich mit Dagobert Hämmerer, dem Vorsitzenden des Dehoga-Kreisverbands, über die aktuelle Situation in der Hotelbranche unterhalten.

Herr Hämmerer, wie hoch sind die coronabedingten Umsatzeinbußen in der Hotellerie auf der Ostalb?

Dagobert Hämmerer: Mit der weitgehenden Schließung der Betriebe im März ist der Umsatz massiv eingebrochen.

Was heißt das in Zahlen?

Im April lag die Bettenauslastung der Hotels im Ostalbkreis mit 9500 Übernachtungen bei gerade einmal 10 Prozent. Gemessen am Vorjahr ist das ein Umsatzeinbruch von knapp 80 Prozent.

Wie ist die weitere Tendenz?

Im Mai hat sich die Zahl der Übernachtungen leicht erhöht auf 14 600. Damit hatten wir eine Bettenauslastung von 12,6 Prozent. Im Juni dann hat sich der Einbruch erstmals ein wenig erholt, mit insgesamt 23 700 Übernachtungen und einer Auslastung von 19 Prozent. Der Umsatzeinbruch lag bei knapp 55 Prozent.

Gibt es einen Unterschied zwischen der Situation der Hotels in den Städten und jenen auf dem Land?

Ja, die Stadthotellerie hat stärker zu kämpfen. Während des Lockdown waren alle Betriebe stark betroffen. Die Stadthotellerie hat im Sommer aber immer eine schwierige Zeit, weil kaum Geschäftsreiseverkehr stattfindet. Der Ausgleich durch den Städte- und Veranstaltungstourismus fällt jetzt auch weg, weil die meisten Veranstaltungen, die üblicherweise auch überregionale Gäste anziehen, coronabedingt abgesagt sind.

Und die Hotellerie auf dem Land?

Die profitiert derzeit zumindest dort, wo Tourismus und Urlaubsreisen stattfinden.

Wer aus Landkreisen mit hohem Infektionsgeschehen einreist, darf in Baden-Württemberg nicht mehr in Beherbergungsbetrieben übernachten. Das regelt das sogenannte Beherbergungsverbot. Wie lässt sich das umsetzen?

Das ist ein immenser Aufwand. Für unseren Schweizer Hof notiere ich mir stets aktualisiert die Risikogebiete. Und muss dem Gast dann unter Umständen sagen: Tut mir leid, wir können Sie nicht nehmen.

Und wenn derzeit Urlauber auf der Durchreise von Kroatien oder von Belgien einen Übernachtungsstopp in einem Ostalb-Hotel einlegen wollen?

Wenn der Gast aus einer dortigen Risikoregion kommt, müssen wir sagen: Es tut uns leid.

Heißt: Gerade in der Situation der gewaltigen Umsatzeinbrüche muss man potenzielle Gäste wegschicken?

Es gibt da sicher einige schwarze Schafe, die sagen: Ich will auf die 60 Euro Übernachtungseinnahmen nicht verzichten. Aber das sind dann die, die unser gutes Gewerbe in Verruf bringen.

Einige Hotels versuchen es jetzt mit ordentlichen Preisreduzierungen.

Das ist der falsche Weg. Wir können ja nicht zum billigen Jakob werden. Die Corona-Bedingungen sind doch genauso einzuhalten, ob ich jetzt 30 oder 60 Euro nehme. Von der einen Seite bekommst Du Hilfen vom Staat, und auf der anderen Seite willst Du die Zimmer günstiger abgeben? Das passt doch nicht. Der Dehoga appelliert darum an die gesamte Branche, sich jetzt nicht unter Wert zu verkaufen.

Wie schlecht oder gut greift das aktuell ausgeweitete Nothilfeprogramm der Bundesregierung?

Die Programme sind grundsätzlich begrüßenswert. In Baden-Württemberg ist vor allem das spezielle Programm Stabilisierungshilfe für das Gastgewerbe ein sehr wichtiger Baustein.

Wie stark ist es von den Betrieben angenommen worden?

Die Stabilisierungshilfe ist von bisher fast 20 Prozent der Betriebe beantragt worden. Weitere 60 Prozent planen laut unserer Umfrage noch eine Antragstellung im Herbst, weil in den nächsten Monaten die Sorge um die Liquidität größer werden wird.

Kann der Hotelbetreiber selbst die Stabilisierungshilfe beantragen?

Den Antrag muss der Steuerberater stellen. Er muss den Nachweis liefern, wie stark die Umsatzzahlen des entsprechenden Betriebs in den vergangenen Monaten eingebrochen sind.

Und wie beurteilen Sie Überbrückungshilfe, Kurzarbeitergeld und die Mehrwertsteuersenkung um 3 Prozent?

Das bundesweite Programm Überbrückungshilfe ist eine gute Alternative beziehungsweise Ergänzung. Positiv ist auch die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes, weil die wirtschaftlich schwierige Phase im Herbst erwartet wird. Und die Senkung der Mehrwertsteuer ist sozusagen ein kleines Konjunkturprogramm für die Betriebe. Zumindest dort, wo Gäste kommen und Umsätze erzielt werden.

Gibt es im Ostalbkreis Hotels, die coronabedingt vor der Schließung stehen?

Sagen wir so: Es gibt Hotels, deren Existenz auf der Kippe steht. Eine Dehoga-Umfrage hat ergeben, dass in Baden-Württemberg mehr als jeder zweite gastgewerbliche Betrieb wegen der Corona-Krise um seine Existenz fürchtet. 2382 gastgewerbliche Betriebe im Land hatten zwischen dem 3. und 10 August an der Umfrage teilgenommen. Fünf Prozent der teilnehmenden Betriebe waren zu dem Zeitpunkt nach wie vor geschlossen.

Corona wird noch eine Zeit lang bleiben. Wie sehen Sie die Perspektiven für die regionale Hotellerie?

Die Liquiditätssicherung ist wichtig, Hilfsprogramme und Unterstützungen sind notwendig. Wir werden nach dem Sommer auch sicher noch die Ausweitung beziehungsweise die Verlängerung der Programme fordern. Die Überbrückungshilfe wurde ja gerade bundesweit bis Jahresende verlängert.

Übernachtungszahlen: Laut Auskunft des Landratsamts Ostalb haben sich die Übernachtungszahlen im Ostalbkreis im Zeitraum von Januar bis Juni dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum halbiert. Selbst im Juni 2020 waren es nur 38 049 Übernachtungen (2019: 83 862). Ähnlich geschrumpft sind die Übernachtungszahlen der Auslandsgäste: Zwischen Januar und Juni 2020 waren es 55 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum; im Juni 2020 waren es 3003, im Juni 2019 waren es 10 980.

© Wirtschaft Regional 01.09.2020 11:32
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