Corona-Schock statt Aufbruchsgeist

Weiterbildung In der Pandemiekrise müssen An- und Ungelernte häufig umsatteln – Fachkräfte dagegen scheuen jetzt die Veränderung – schrecken junge Leute vor der Ausbildung zurück?
  • Haben die Aus- und Weiterbildung bei der IHK Ostwürttemberg im Blick (von links): Hauptgeschäftsführerin Michaela Eberle, Bernd Schrimpf (Leiter IHK-Bildungszentrum), Cornelia Kirchmayr (Geschäftsfeldleiterin Weiterbildung) und André Louis (Geschäftsbereichsleiter Ausbildung). Foto: ham

Aalen/Heidenheim

Die Coronakrise trifft den Arbeitsmarkt: Kurzarbeit ist an der Tagesordnung, manche Unternehmen entlassen Beschäftigte, ganze Branchen bangen um ihre Geschäftsmodelle. Der IHK-Fachkräftemonitor spricht sogar von einem krisenbedingten Fachkräfteüberschuss (separater Artikel). Ist der eigene Job noch zukunftssicher oder sind Neuorientierung und Weiterbildung angebracht? Verschiedene Gruppen von Arbeitnehmern gehen mit dieser Frage höchst unterschiedlich um, wie die Nachfrage bei Experten der IHK Ostwürttemberg ergeben hat.

„Markant ist, dass der Qualifizierungsdruck für Ungelernte und Angelernte steigt“, sagt Bernd Schrimpf, Leiter des IHK-Bildungszentrums in Aalen. Oft sind diese Personen befristet angestellt oder über Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. In den Boom-Jahren vor Ausbruch der Krise waren die Aussichten auf dauerhafte Jobs mit gutem Verdienst – zumal im Schichtbetrieb – einmalig. Das hat sich schlagartig geändert.

Das IHK-Bildungszentrum bietet neben der überbetrieblichen Ausbildung auch technische Weiterbildung an. Eine Umschulung zum Industriemechaniker kann hier ebenso absolviert werden wie eine Teilqualifikation im Metall- und Elektrotechnikbereich. Ungelernte Kräfte, die bereits Berufserfahrung besitzen, können einzelne, fehlende Qualifizierungsmodule nachholen und so zu Berufsabschlüssen gelangen. Finanziert werden diese Angebote meist über Bildungsgutscheine der Agentur für Arbeit.

Zurückhaltung bei der Weiterbildung

Ganz anders stellt sich die Lage bei den Arbeitnehmern dar, die bereits als Fachkräfte in den Unternehmen Ostwürttembergs tätig sind. Cornelia Kirchmayr, Leiterin der IHK-Weiterbildung, führt aus: „Wir stellen in der Coronakrise einen sehr zögerlichen Umgang mit der Weiterbildung fest.“ Zwar – das bestätigten ihr auch andere Weiterbildungsträger – sei der Beratungsbedarf hoch. Den Entschluss, sich zusätzlich zur täglichen Arbeit noch weiterzuqualifizieren, fassen aber jetzt gerade wenige: schon gar nicht, wenn das bedeutet, früher vom Arbeitsplatz aufzustehen, weil ein Lehrgang ansteht. „Es wird in der Krise noch mehr an dem festgehalten, was man schon hat“, betont Kirchmayr.

Mancher Meister begibt sich nun zurück ans Fließband, nur, um im Unternehmen zu bleiben. Hauptsache drin. „In Krisenzeiten ist die eigene Sicherheit wichtig“, sagt Kirchmayr. Und doch sei dieses Verhalten eigentlich falsch. Weiterbildung, findet sie, sollte immer antizyklisch stattfinden. Gerade in schwierigen Zeiten gelte es, weiterzugehen. Das beherzigten die wenigen.

Es gibt wohl eine gewisse Schockstarre.

André Louis
IHK Ostwürttemberg

Dabei ist es absehbar, dass Fachkräfte bald wieder händeringend gesucht werden: Der IHK-Fachkräftemonitor prophezeit bereits für 2023 wieder einen Fachkräftemangel. Kirchmayr: „Auch Arbeitgeber honorieren das: Ist jemand bereit, Freizeit zu opfern, um sich zu qualifizieren?“

Bei den IHK-Lehrgängen gehe der Trend seit Jahren weg von der speziellen, hin zur allgemeinen Qualifikation: Wer sich früher als Bankfachwirt spezialisierte, bevorzugt heute eher eine Generalisten-Weiterbildung zum Wirtschaftsfachwirt. Neben diesen umfangreichen Lehrgängen bietet die IHK sowohl kleinere Lehrgänge, die mit einem Zertifikat abschließen – etwa als Datenschutzbeauftragte – als auch einfache Tagesseminare zu Themenbereichen wie „Der beste Eindruck am Telefon“.

Wohin die Reise geht, ist klar: „Transformation, Innovation, Digitalisierung“, beschreibt es IHK-Hauptgeschäftsführerin Michaela Eberle, die lebenslanges Lernen als unerlässlich erachtet. Ein Rezept für beruflichen Aufstieg, Jobsicherheit und besseren Verdienst.

Was machen die jungen Leute?

Zurückhaltend sind zurzeit aber nicht nur die Fachkräfte, sondern auch die jungen Leute: Die IHK verzeichnet einen sehr geringen Andrang auf Lehrstellen. Am 1. September beginnt das Ausbildungsjahr – auch ein späterer Einstieg ist noch möglich. „Es gibt wohl eine gewisse Schockstarre“, sagt André Louis, der bei der IHK Ostwürttemberg für Ausbildung verantwortlich ist. Denn auch die weiterführenden Schulen verzeichneten keinen Anstieg der Schüler.

Was machen dann die Jugendlichen, die gerade ihren Schulabschluss in der Tasche haben? Warten viele ein Jahr ab? Haben sie in der Krise Angst? Zumindest die Furcht kann ihnen Louis nehmen: „Nichts ist sicherer als die Ausbildung.“ Selbst. wenn ein Betrieb durch die Coronakrise in Schieflage gerate, so seien die jungen Leute während ihrer dreijährigen Ausbildungszeit auf vielfache Weise abgesichert.

© Wirtschaft Regional 28.08.2020 15:22
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