Maschinenbau

Das Ende der Rekordjagd

Einst jagte die Branche zu immer neuen Umsatzhochs. Dann machte der Technologiewandel zu schaffen und jetzt bremst auch noch Corona.
  • Der Spezialist für Lackier-Roboter Dürr aus Bietigheim-Bissingen hat angekündigt, 600 Stellen zu streichen. Die meisten automobilnahen Maschinenbauer leiden unter der Corona-Krise. Foto: Marijan Murat/dpa
Und jetzt auch noch Corona. Als hätte der deutsche Maschinenbau mit dem Brexit, Handelskonflikten und der Transformation zur E-Mobilität nicht schon genug Herausforderungen zu meistern. Jetzt also auch noch eine Pandemie. Der Auftragseingang im ersten Halbjahr 2020 hat in Baden-Württemberg und bundesweit 16 Prozent unter dem des Vorjahres gelegen. Dabei fiel das zweite Quartal deutlich schlechter aus als das erste. Besonders die Nachfrage aus dem Ausland brach ein.

Doch das Bild ist nicht einheitlich. Während die Uhlmann Group, die sich auf Pharma-Verpackungen spezialisiert hat, den höchsten Umsatz der Unternehmensgeschichte meldet, knirscht es in anderen Bereichen gewaltig. „Viele Maschinenbauer die im Bereich Nahrungsmittel, Abfüllung und Verpackung zu tun haben, hatten im ersten Halbjahr einen relativ stabilen Auftragseingang“, berichtet Dietrich Birk, Geschäftsführer des VDMA in Baden-Württemberg. Aber: „Die automotivenahen Bereiche sind beim Auftragseingang deutlich im Minus.“ Die Maschinenbauer, die von der Automobilindustrie abhängig sind, sind in Baden-Württemberg stark konzentriert.

Die Hiobsbotschaften häufen sich: Dürr (Bietigheim-Bissingen) will rund 600 Stellen abbauen und erwartet ein Minus zum Jahresende. Beim Laserspezialisten Trumpf (Ditzingen) geht der Umsatz um 8 Prozent zurück, der Auftragseingang lag 11 Prozent unter dem des Vorjahres.

Auch den Pressenhersteller Schuler (Göppingen) hat die Auswirkungen der Corona-Pandemie erwischt. Auch wenn im Moment in der Produktion noch genug zu tun ist: „Der Rückgang im Auftragseingang wird uns nächstes Jahr sehr schmerzen“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Domenico Iacovelli.

Genaue Zahlen will er nicht nennen. Aber bereits jetzt versucht der Pressenspezialist, die Liquidität zu sichern: Etwa 20 Prozent der Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, einige waren es auch schon vor Beginn der Pandemie – allerdings niemand in der Produktion, darauf legt Iacovelli Wert. Noch sei genug Arbeit da.Dass für solche Fälle die maximal mögliche Bezugsdauer von Kurzarbeitergeld auf 21 Monate erhöht wurde, sei ein Segen.

Auch der VDMA sieht das so. Er versucht derzeit, die Politik dazu zu bewegen, auch den Firmen eine längere Bezugsdauer zu ermöglichen, die erst mit Beginn der Corona-Krise Kurzarbeit angemeldet haben.

Dabei gaben sich die meisten Maschinenbauer in der jüngsten Blitzumfrage unter 650 Mitgliedsfirmen des VDMA ziemlich optimistisch: 30 Prozent erwarten bereits für kommendes Jahr eine Rückkehr auf das Niveau von 2019, weitere 47 Prozent bis 2022 und 12 Prozent bis 2023. Nur knapp 10 Prozent rechnen damit zu einem späteren Zeitpunkt oder nie. Der Optimismus wird getragen von den Märkten in China, die bereits wieder anziehen, und von einem steigenden Auftragseingang in der Industrie: Im Juni war dieser bundesweit etwa 28 Prozent höher als im Mai.

Auch Iacovelli blickt optimistisch in die Zukunft: „Der Maschinenbau hat definitiv eine Zukunft in Deutschland. Aber es wird nicht die gleiche Zukunft sein wie vor der Krise.“

Der Vorstandsvorsitzende kann sich vorstellen, dass der Bezug von Maschinen aus dem Ausland abnimmt. Zwar könne man dabei etwa 10 bis 20 Prozent im Vergleich zu deutschen Herstellern sparen, allerdings sei auch das Risiko größer. Wie man zur Hochzeit der Pandemie im März habe feststellen können, sind weitläufige Lieferketten verwundbarer.

Generell wünscht er den hiesigen Maschinenbauern mehr Agilität: „Ich bin überzeugt, dass wir alle zu lange an Strukturen festgehalten haben“, sagt Iacovelli. Auch der starke Fokus auf den Verbrenner werde jetzt für viele zum Verhängnis. „Aber das Problem war schon vorher da, das können wir nicht auf Corona schieben.“

Schuler steckt schon seit einiger Zeit im Umbau, schrieb darum auch im vergangenen Geschäftsjahr rote Zahlen. Jetzt zahle sich aus, dass man bereits auf dem Weg sei, sagt Iacovelli. Trotzdem schließt er im Gespräch weitere Einschnitte nicht aus. Sein Ziel, im März ausgegeben, zum Jahresende eine schwarze Null zu schreiben, bekräftigt der gebürtige Schweizer. Nannte er es damals aber noch „zu wenig ambitioniert“, hält er das Ziel heute für „schwerer zu erreichen“.
© Südwest Presse 08.08.2020 07:45
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