Der Boom ist nicht vorbei

Experten erwarten trotz Corona-Krise höchstens eine Delle bei Preisen für Wohnungen und Häuser. Die Baubranche verzeichnet sogar ein Auftragsplus.
  • Einfamilienhäuser sind gerade nach den Ausgangsbeschränkungen sehr gefragt. Foto: Bernd Wüstneck/dpa
Teurer, immer teurer. Das galt in den vergangenen Jahren für den Preis von Wohnimmobilien. In den Städten konnte die Nachfrage nach Wohnraum nicht gestillt werden. In der Folge dehnten sich die Speckgürtel um Städte wie Stuttgart aus, was auch dort zu steigenden Immobilienpreisen führte. Jetzt ist aber Corona und die Frage lautet: Geht der Immobilien-Boom weiter, stagniert der Markt oder sinken etwa die Preis für Häuser und Wohnungen?

„Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht“, sagt Reiner Braun. Ein Preiseinbruch wie noch zu Beginn der Pandemie zunächst befürchtet, sei bislang nicht eingetreten, berichtet der Geschäftsführer des Forschungsinstituts Empirica. „Das liegt vor allem an der unglaublichen Milliardenstütze des Staates“, erklärt Braun. „Mieter mit Geldproblemen konnten schnell und unkompliziert Wohngeld beantragen.“ Das habe enorme Mietausfälle verhindert, die ansonsten vor allem Kleinvermieter, häufig Freiberufler, in Bedrängnis gebracht und eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt hätten.

Zinsniveau treibt Preise

Auch Martin Güth, Immobilienexperte der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), ist überrascht über die im zweiten Quartal weiter steigenden Preise. Der Markt zeige sich derzeit recht stabil. „Wohnimmobilien reagieren aber auch meist träge auf wirtschaftliche Entwicklungen“, weiß Güth und rät zur Vorsicht. Der weitere Verlauf der Pandemie und der wirtschaftlichen Lage im Land seien entscheidend.

Braun sieht zudem das anhaltend niedrige Zinsniveau als einen weiteren Preistreiber. „Das liegt daran, dass künftige Mieteinnahmen dann aus heutiger Sicht mehr wert sind.“ Die Entwicklung bei den Baupreisen habe dadurch auch immer Einfluss auf die Mietpreise – auch der Wohnungen und Häuser im Bestand. „Bestandspreise steigen mit den Neubaupreisen mit.“

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Analyse des Gewos-Instituts für Stadt-, Regional- und Wohnforschung und des Portals Immobilienscout24. Demzufolge stiegen die Mieten für Bestandswohnungen im zweiten Quartal auf 7,47 Euro je Quadratmeter im Schnitt, ein Plus von 0,8 Prozent zum ersten Jahresviertel und von 3,6 Prozent zum zweiten Quartal 2019. Auch Eigentumswohnungen wurden teurer: Hier stiegen die Preise auf 2183 Euro je Quadratmeter – gut 1,8 Prozent mehr als im Vorquartal, 8,5 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Auch die Bauwirtschaft Baden-Württemberg verzeichnet bislang keinen Einbruch bei Wohnimmobilien. „Der Auftragseingang lag zuletzt 35 Prozent über dem Vorjahreswert“, sagt Verbandssprecherin Eleni Auer. Bundesweit ging dagegen seit Beginn der Pandemie die Nachfrage nach Wohnungsbaukrediten erstmals seit 2017 zurück, blieb aber deutlich über den Erwartungen, wie aus einer Bundesbank-Umfrage hervorgeht. Gleichzeitig lehnten die 34 befragten Institute mehr Kreditanträge aufgrund gestraffter Vergabemaßstäbe und der verschlechterten Bonität der Antragssteller ab.

Eine Stagnation der Preise ist Güth zufolge derzeit dennoch nicht ausgeschlossen. Er erwartet in den kommenden Monaten am Aktienmarkt, beim Goldpreis und auch bei den Immobilien ein Stück weit eine Korrektur der jetzigen Hochpreise. Ein Rückgang von bis zu fünf Prozent sei bei Letzterem möglich. Braun geht davon aus, dass reine Kapitalmarktimmobilien – meist einfachere Wohnungen, die auf reine Rendite zielen – im Preis leicht nachgeben könnten, hingegen könnten die Preise für Einfamilienhäuser weiter steigen. „Diejenigen, die über das nötige Kapital und einen sicheren Job verfügen, werden nach den Erfahrungen während Corona jetzt kaufen.“ Diesen Schritt hält Braun auch für sinnvoll. „Auch wenn es mittelfristig vielleicht zu einer Preisdelle von bis zu 15 Prozent kommt, ist nicht gesagt, dass ich genau dann zum Zug komme.“

Langfristig könne jedoch jetzt noch keine valide Prognose über die Preisentwicklung getroffen werden, ist auch Braun überzeugt. „Da müssen wir zumindest bis Ostern 2021 warten. Wir wissen derzeit einfach noch nicht was kommt.“ Die Folgen einer möglichen zweiten Welle seien bislang nicht absehbar. „Aber mutmaßlich wird es nicht so schlimm wie zunächst erwartet.“

Vor der Corona-Krise sei am Markt für Wohnimmobilien eine Stagnation zu erkennen gewesen. Bereits 2019 hatte sich die Kluft zwischen neuer Nachfrage und neuem Angebot deutlich reduziert, wie die LBBW feststellte. Ursachen sieht Braun darin, dass Studierende und Berufsanfänger sich Ausweichstädte wie Pforzheim oder Chemnitz gesucht haben. Familien und Durchschnittsverdiener seien dagegen in die Speckgürtel geflüchtet. Gerade diese ländlicheren Bereiche seien jetzt vor allem gefragt, ist LBBW-Experte Güth überzeugt. „Es lassen sich erste Tendenzen erkennen, dass sich die Schere zwischen den Metropolen und dem Umland ein Stück weit schließt.“ Homeoffice-Regelungen und die größere Wertschätzung des Wohnraums seien hier entscheidend. „Die Speckgürtel sind die Gewinner der Situation.“ Zumindest für diejenigen, die dort dann mit Immobilien größere Gewinne erzielen.

Hotspots wie Stuttgart etwa bleiben aber auch weiter Hotspots, betont Braun. Er rechnet zudem mittelfristig mit einer neuen Zuwanderungswelle aus Südeuropa ähnlich wie nach der Finanzkrise, die die Nachfrage nach Wohnraum erneut antreibe.
© Südwest Presse 05.08.2020 07:45
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