Strukturwandel und Transformation im Südwesten

„Wer sollte den Umbruch besser hinkriegen als wir?“

Der Wandel zum digitalen Zeitalter bringt schmerzhafte Einschnitte für den Südwesten, sagt Rainer Neske. Und doch ist der LBBW-Chef zuversichtlich. Von Ulrich Becker und Alexander Bögelein
  • LBBW- Vorstandschef Rainer Neske. Foto: LBBW
  • Rainer Neske rechnet von Herbst an mit mehr Firmenpleiten. Foto: LBBW
Er steht an der Spitze der größten deutschen Landesbank. Die gehört zu den führenden Unternehmensfinanzierern in Deutschland. Das macht LBBW-Chef Rainer Neske zum einflussreichsten Bänker im Südwesten. Der studierte Informatiker hat tiefe Einblicke in die Wirtschaftsstruktur, auf Stärken und Schwächen von Unternehmen. Der Wandel bringe schmerzhafte Anpassungen, „aber er macht Baden-Württemberg zukunftsfest“, sagt Neske.

Wie verändert die Corona-Pandemie den Standort Baden-Württemberg?

Es geht fast überall wieder aufwärts – aber wir sind natürlich sehr, sehr weit vom Vorkrisenniveau entfernt. Die Entwicklung ist noch dazu von Branche zu Branche und von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Wer vorher Schwierigkeiten hatte, hat nun große Schwierigkeiten. Wer dagegen früh Transformationsprozesse angestoßen hat, kommt schneller aus der Krise.

Was sind die wichtigsten Einflüsse?

Entscheidend ist, wie sich die drei großen Exportregionen Asien/China, Europa und Amerika entwickeln. Zusätzlich sind da noch alle die Themen, die vor Corona existierten: die Transformation der Automobilindustrie ins Zeitalter der E-Mobilität, die Digitalisierung und die Tatsache, dass sich die weltweiten Wertschöpfungsketten deutlich verändern werden. Das macht eine Durchschnittsbetrachtung, wie sich die Wirtschaft in der Zukunft entwickelt, sehr schwierig.

Wie beurteilen Sie die Aussichten?

Baden-Württemberg wird am Ende gut aus der Krise kommen. Schon vor Corona haben sich die Unternehmen den grundsätzlichen Herausforderungen gestellt. Wir gehören bei E-Mobilität und Digitalisierung zwar nicht zu den Pionieren, aber die Unternehmen setzen die Themen mittlerweile sehr konsequent um. Auch sollte man nicht die Fähigkeiten der Ingenieure im Südwesten unterschätzen. Die sind einzigartig.

Was stimmt Sie noch optimistisch?

Deutschland und Baden-Württemberg haben in der Corona-Krise die richtigen Maßnahmen ergriffen. Deutschland ist in der Relation zu anderen Ländern deutlich besser aus der Krise herauskommen. Wir sind zwar nach hinten gefallen, aber viel weniger als beispielsweise die USA. Wer hätte das je gedacht!

Woran liegt das?

Das hat im Wesentlichen drei Gründe. Wir haben ein funktionierendes, demokratisches System, in dem Bund und Länder Führungsverantwortung übernommen haben. Zweitens war die solide Haushaltsführung der Bundesregierung und der Landesregierung Baden-Württemberg die Voraussetzung dafür, dass wir über ein sehr leistungsfähiges System schnell Finanzhilfen zu den Unternehmen gebracht haben.

Und der dritte?

Das ist unsere Mentalität. Das Corona-Virus hat unsere Gesellschaft wachgerüttelt. Wir haben alles in Frage gestellt, haben bürokratische Hemmnisse über Bord geworfen. Wir haben erlebt: Wenn wir Themen mit einem breiten gesellschaftlichen Konsens angehen, entwickeln wir in Deutschland eine unglaubliche Kraft.

Was folgt daraus?

Ich sehe nicht viele Länder, die die Corona-Krise so als Katalysator von Veränderungen begriffen haben und sich den Herausforderungen so konsequent stellen wie Deutschland.

Baden-Württemberg ist ein Autoland, an der Branche hängen 450 000 Stellen. Wie viele werden bis 2025 wegfallen?

Das kann Ihnen heute keiner seriös beantworten. Aber die Zahl wird deutlich abnehmen.

Was ist mit Ihrer Zuversicht?

Ich bin auf einer grundsätzlichen Ebene optimistisch. Aber es wird zunächst auch zu schmerzhaften Anpassungen und Arbeitsplatzverlusten kommen. Doch mit dem unvermeidlichen Strukturwandel sichern wir langfristig unseren Wohlstand.

Was ist die Rolle der Politik?

Sie muss mit Augenmaß agieren, auch bei den Ausgaben. Die Corona-Hilfsprogramme haben die Staatsquote nach oben getrieben. Die höheren Schulden können nur mit Steuern finanziert werden. Doch benötigen die Unternehmen in diesem Umbruch Entlastung auch steuerlicher Art. Denn sie müssen in der Lage sein, den Transformationsprozess zu finanzieren.

Wie zukunftsfest sind die Firmen in Baden-Württemberg?

Einige Branchen und Unternehmen sind auf dem richtigen Weg. Wenn sie die Technologieentwicklung im Maschinenbau betrachten, dann können Sie in der Breite sagen, dass die Branche gut positioniert ist. Auch die Branchen Pharma, Energie und IT entwickeln sich positiv. In der Autoindustrie und vor allem bei den Zulieferern steht aber ein dramatischer Wandel an.

Sind die Firmen dafür gerüstet?

In den vergangenen zehn sehr guten Jahren haben die Unternehmen ihre Kapitaldecke deutlich gestärkt. Aufgrund der Niedrigzinsen sind auch die Unternehmensfinanzierungen so günstig wie nie zuvor. Ich würde daher die Frage umdrehen: Wer sollte diesen Umbruch besser hinkriegen, als die sehr gut finanzierten deutschen Unternehmen?

Zu Corona kommt der Strukturwandel hinzu.

Das kann dazu führen, dass einige Unternehmen den Wandel nicht überleben werden. Aber wir müssen auch das schöpferische Potenzial aus diesem Wandel sehen. Als man von Pferdedroschken auf Autos gewechselt ist, gab es irgendwann keine Droschkenhersteller mehr. Dafür entstand eine prosperierende Automobilindustrie.

Sind Zulieferer des Antriebsstrangs die Droschken-Hersteller von heute?

Das könnte sein. Doch die Umstellung kommt ja nicht über Nacht. Das sind unvermeidliche Anpassungsprozesse, die viele Unternehmen auch erfolgreich gestalten werden. Wir sind hierzulande sehr gut darin, die Maßnahmen sozial und über die Zeit abzufedern. Das ist wichtig, damit die Veränderung für die Menschen begreifbar und beherrschbar bleibt.

Schlägt sich dieser Wandel schon in der Bilanz der LBBW nieder?

Wir sehen im Moment noch keine strukturierten Ausfälle – noch nicht.

Für welchen Zeitraum erwarten Sie eine Zunahme der Pleiten?

Viele Ökonomen erwarten eine Welle in diesem Herbst. Aus meiner Sicht wird uns das Thema das kommende Jahr über begleiten.

Was heißt das fürs Kreditgeschäft?

Wir haben uns seit 2017 intensiv mit unserem Kreditportfolio auseinandergesetzt. Die Megatrends Nachhaltigkeit oder Digitalisierung haben wir damals antizipiert. Zudem ist vor Corona ein sehr langer, positiver Konjunkturzyklus zu Ende gegangen. Wir haben uns daher entschieden, dass wir bei unseren Krediten im Automobilbereich nicht mehr wachsen wollen und dass wir innerhalb des Portfolios umschichten.

Was bedeutet das konkret?

Wir investieren nun stärker in Pharma, IT und Energie. Nichtsdestotrotz wird der Autosektor eine wichtige Branche für uns bleiben.

Bei der Bilanzvorlage im März waren sie noch zuversichtlich, dass Sie 2020 erneut ein Ergebnis im mittleren dreistelligen Millionenbereich erreichen.

Corona hat die Welt komplett verändert. Wir gehen nun von einer deutlich verschlechterten Lage aus. Die macht sich bei der LBBW noch nicht so sehr an Zahlen fest. Unser Kundengeschäft mit Fördermitteln, Krediten, Wertpapieren und Absicherungen war noch nie so intensiv. Aber wir müssen eine höhere Risikovorsorge treffen. Die LBBW ist dafür gut aufgestellt und hat eine sehr gute Kapitalquote.

Apropos Risikovorsorge: Wie bewerten Sie den Fall Wirecard?

Das ist ein unfassbarer Betrug. Dass so etwas in einem solchen Ausmaß in Deutschland passieren kann, hätte ich nicht für möglich gehalten. Das ist ein gewaltiger Schaden für die Aktionäre, die an das Geschäftsmodell, die Testate der Wirtschaftsprüfer und die Darstellung des Unternehmens geglaubt haben. Und es ist auch ein Schaden für die Banken, die diese Art von digitalen Geschäftsmodellen begleitet haben. Wenn ein Vorstand und die Kontrollinstanzen in- und außerhalb des Unternehmens einen so gigantischen Betrug nicht aufdecken, wenn die Testate nicht mehr werthaltig sind, fällt die grundlegende Voraussetzung weg, die sie als kreditgebende Bank oder als Aktionär benötigen.

Die LBBW ist Teil eines Wirecard-Kreditkonsortiums. Stimmt es, dass 200 Millionen Euro auf die LBBW entfallen?

Wir waren eine von zahlreichen kreditgebenden Banken. Auch uns ist ein hoher Schaden entstanden. Aber wir sind robust genug, das wegzustecken. Wenn wir unsere Halbjahreszahlen im August vorlegen, werden Sie den Einfluss auf unser Ergebnis sehen.

Wie groß ist der Imageschaden für die LBBW?

Das ist zunächst ein Imageschaden für den gesamten Finanzplatz Deutschland. Und ja: Als Betrogener sehen sie nie gut aus. Im Rückblick sind alle Opfer krimineller Machenschaften geworden.
© Südwest Presse 01.08.2020 07:45
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