Mehr Kredite und viele Krisensparer

Die Kunden bringen trotz Corona-Krise weiterhin ihr Geld zur Bank. Gleichzeitig wird Kapital benötigt. Die Institute können auf Reserven aus den vergangenen Jahren zurückgreifen.
  • Der Präsident des Sparkassenverbandes, Peter Schneider, fordert mit Blick auf den Wirecard-Skandal Aufsicht für alle. Foto: Marijan Murat/dpa
  • Foto: Aktien sind weiter beliebt
In der Corona-Pandemie spielen die Sparkassen ihre Stärken aus. Dies sagte der Präsident des Sparkassenverbandes Baden-Württemberg Peter Schneider zur Bilanz des ersten Halbjahres. Sowohl die Nachfrage nach Krediten als auch die Einlagen stiegen deutlich. Wegen Corona waren Geschäfte und Restaurants geschlossen, die Kunden gaben weniger aus und legten mehr Geld als üblich zurück. Das Wertpapiergeschäft erhöhte sich in den sechs Monaten um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 12,3 Milliarden Euro. Gleichzeitig stieg von Unternehmen und Selbstständigen die Nachfrage nach Krediten. Die Zusagen für neue Darlehen erreichten mit 15,1 Milliarden Euro einen Rekordwert; Immobilienkredite standen weiter im Fokus.

In vielen tausend Gesprächen haben die Sparkassen seit März Lösungen für finanzielle Engpässe gesucht und etwa 4300 Förderkredite bei Kreditanstalt für Wiederaufbau und L-Bank beantragt. Schneider: „Wir haben viele Berater hier vor Ort. Bei manchen Direktbanken landen kreditsuchende Kunden aus Baden-Württemberg dagegen in einem indischen Call-Center. Viel Spaß bei der Finanzierung, kann ich nur sagen.“

Seit Beginn der Krise haben in Baden-Württemberg 51 000 Privat- und Firmenkunden ihre Kreditraten bei den Sparkassen für mindestens drei Monate ausgesetzt und stundeten 1,14 Milliarden Euro. Das Institut stelle sich auf wirtschaftlich schwere Zeiten ein. „Die Risikovorsorge für mögliche Kreditausfälle wird in diesem Jahr deutlich steigen, und auch 2021 rechnen wir mit einem schwierigen Jahr für viele Sparkassenkunden.“ Die Zahl der Insolvenzen liege jedoch unter der des Vorjahreshalbjahrs, sagte Schneider. Wie dies nach Ablauf des Insolvenzschutzes weitergehe, könne er aber nicht sagen. „Meine emotionale Einschätzung ist, dass da zunächst nicht viel kommt.“ Erst in den Jahren 2022/23 werde sich zeigen, wer durchhalte.

Gleichwohl erwarten die Sparkassen ein deutlich niedrigeres Ergebnis als in den vergangenen Jahren. Der Zinsüberschuss könnte um rund 130 Millionen Euro sinken. „Die größte Veränderung ergibt sich bei der Risikovorsorge für mögliche ausfallende Kredite“, sagte der Sparkassen-Präsident. Diese steige vermutlich von 127 Millionen auf 400 Millionen Euro. „Wir hatten bis 2018 acht Jahre lang so gut wie keine Bildung und Auflösung von Kreditvorsorge. Das war außergewöhnlich.“ Dank der guten Betriebsergebnisse der vergangenen Jahre werden die Sparkassen aber diese Krise bewältigen und die Kreditversorgung sicherstellen: „Wir haben ordentliche Kreditqualitäten und sind eigenkapitalstark.“

Die Krise sei laut Schneider eine herausfordernde Zeit gewesen. Aber: „Es ist erfreulich, dass neben der Politik auch die Aufsicht rasch reagiert hat, insbesondere mit Erleichterungen bei Eigenkapital- und Liquiditätsanforderungen.“ Die EU-Kommission habe gemeinsam mit dem Europäischen Parlament und Rat die EU-Bankenverordnung an einigen Punkten korrigiert.

Zum Wirecard-Skandal sagte Schneider, dass „alle Unternehmen und alle Selbstständigen, die mit Finanzdienstleistungen zu tun haben, unter die Aufsicht der Bafin gehören“. Es könne nicht sein, dass „manche gehypte Fintechs unkontrolliert im Sandkasten spielen“ könnten. Wirtschaftsprüfer sollten auch haften, wenn kein Vorsatz vorliege. Allerdings müssten sich auch die Sparkassen fragen, warum sie das kriminelle Treiben nicht bemerkt oder entsprechende Presseberichte ernst genommen hätte.
© Südwest Presse 30.07.2020 07:45
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