Strenesse ist am Ende

Modebranche Das Nördlinger Unternehmen stellt den Betrieb ein. Die Coronakrise ist der Auslöser – und doch nur Schlusspunkt eines jahrelangen Niedergangs.
  • Der Hauptsitz von Strenesse in Nördlingen. Foto: Bernhard Hampp

Nördlingen

Einst galt das Unternehmen als Aushängeschild der deutschen Modebranche, selbst die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat der Nördlinger Modespezialist Strenesse eingekleidet. Bald ist diese Ära zu Ende. Nach jahrelangem Kampf ums Überleben stellt die Firma Ende des Jahres den Betrieb ein.

Als Grund führt das Unternehmen die Auswirkungen der Corona-Pandemie an. Die hat den ohnehin darbenden Umsatz in den wenigen noch verbliebenen Shops sowie im Online-Shop weiter zurückgehen lassen. Betroffen von dem Aus sind rund 20 Mitarbeiter am Stammsitz in Nördlingen sowie rund 40 weitere Beschäftigte in den Shops in Frankfurt, Köln und Hamburg. Vor knapp vier Jahren beschäftigte die Firma allein in Nördlingen noch rund 200 Menschen.

Wegen der Corona-Pandemie musste das Unternehmen die verbliebenen Filialen zeitweise schließen, der Online-Verkauf konnte die Verluste nicht kompensieren, wie der Betriebsratsvorsitzende Rainer Dirrheimer im Gespräch mit dem Bayrischen Rundfunk erklärte.

Die Coronakrise traf Strenesse in der Tat zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die Nördlinger hatten vor einem Jahr zum zweiten Mal Insolvenz innerhalb weniger Jahre angemeldet. Erst kurz vor Ausbruch der Pandemie wurde der zugehörige Insolvenzplan verabschiedet, die Restrukturierung schien abgeschlossen. Nun also doch das Ende.

Das Unternehmen wurde 1949 unter dem Namen Wohlfahrt & Co. von der Familie Strehle gegründet und konzentrierte sich zunächst auf die Produktion von Damenkostümen und -mänteln. Ende der 1950er-Jahre erweiterte die Firma ihr Sortiment um weitere Damenmode, die Glanzzeit erlebte Strenesse (ein Kunstwort aus Strehle und dem französischen Wort für Jugend, „Jeunesse“) dann in den 1990er-Jahren. Um die Jahrtausendwende lag der Umsatz bei mehr als 120 Millionen Euro.

Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001, dessen Folgen das sehr exportorientierte Unternehmen spürte, sanken die Umsätze. Strenesse rutschte teils in die roten Zahlen. Dennoch war das Unternehmen in ganz Deutschland bekannt, zwischenzeitlich Ausrüster der deutschen Fußballnationalmannschaft: So sorgte Bundestrainer Joachim Löw mit seinem Glückspulli aus Strenesse-Produktion bundesweit für Schlagzeilen. Im Jahr 2012 begann zunächst die Suche nach einem Investor, 2013 wurde eine Unternehmensanleihe platziert – laut Presseberichten um Bankenkredite und Darlehen zu bedienen.

Im Jahr 2014 beantragte Strenesse schließlich Insolvenz in Eigenverwaltung. Mehrere Querelen begleiteten das mehrjährige Verfahren, an dessen Ende die niederländische MAEG-Holding das Unternehmen übernehmen wollte – dann aber die Zahlung verweigerte. So kam die Schweizer Treuhandgesellschaft H2P AG zum Zug. Aber auch unter deren Ägide gelang dem Unternehmen der nachhaltige Turnaround nicht, 2019 folgte die erneute Insolvenz, Ende 2020 nun also das endgültige Aus.

Strenesse reiht sich ein in die Reihe seit Jahren kriselnder deutscher Modemarken. Die Umsätze wachsen nach Jahren der forschen Expansion nicht mehr wie gewohnt, wie etwa beim Würzburger Unternehmen S.Oliver. Tom Tailor aus Hamburg wurde vor wenigen Wochen nach Jahren der Probleme an einen chinesischen Mischkonzern verkauft, die Düsseldorfer Esprit musste gar Insolvenz anmelden. Zum Verhängnis wurde vielen Firmen die rasche und teure Expansion. In Zeiten der wachsenden Umsätze hatten die Unternehmen kostenintensive Filialen aufgebaut, die ihrerseits zunächst von Marken wie H&M und hernach von Modeketten wie Primark und Konsorten unter Druck gerieten.

© Wirtschaft Regional 23.07.2020 13:55
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