Fem-Institut geht in die Offensive

Entwicklung Auch an den Gmündern geht die Coronakrise nicht spurlos vorbei. Die Forscher setzen auf Innovation – und entwickeln unter anderem den Prototypen eines Wasserstofffahrrads.
  • Teil der Forschungsoffensive: Legierungsentwicklung für die Additive Fertigung. Foto: Fem

Schwäbisch Gmünd

Zum ersten Mal in der bald einhundertjährigen Geschichte des Gmünder Forschungsinstituts Fem fand die Mitgliederversammlung vor den Bildschirmen statt. Ein Novum auch für den Institutsleiter Dr. Andreas Zielonka: „Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an die neue Kommunikationsform gewöhnt hat. Aber es fehlt natürlich das persönliche Gespräch in der Kaffeepause, der direkte Austausch mit den Partnern aus Industrie und Forschung.“ Im Juni fiel erstmals die zweitägige Fem-Sommerakademie aus. „Die aktuelle Krise geht eben auch an uns nicht völlig spurlos vorüber“, so Zielonka.

Frühzeitig hatte das Institut auf die Pandemie reagiert, eine Eintrübung der Auftragslage ließ sich dadurch aber nicht verhindern. Als wirtschaftsnahes Forschungsinstitut sei man selbstverständlich nicht unabhängig von der Entwicklung in den Betrieben, so Zielonka. Schrumpfe deren Auftragsvolumen, dann sinke das Budget für Auftragsforschung und Dienstleistungen, erklärt der Institutsleiter. „Wenn ein Standbein schwächelt, muss das andere gestärkt werden. Wir haben darum viel Zeit und Energie in neue Forschungsprojekte investiert, und der Aufwand hat sich gelohnt“, freut sich Zielonka. Zahlreiche neue Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund drei Millionen Euro sind in den letzten Wochen bewilligt worden, weitere Projekte werden derzeit begutachtet. Das sei zweifellos sehr gut für das Institut und seine 90 Mitarbeiter; noch größer aber sei die Bedeutung dieser Projekte für den Technologietransfer in die Wirtschaft auf wichtigen Zukunftsfeldern wie Energietechnik, Digitalisierung und Recycling.

In zwei von der Deutschen Bundesstiftung für Umwelt geförderten Projekten arbeitet die Abteilung Analytik bis Ende 2021 an Methoden zur Rückgewinnung von wertvollen Neodym-Magneten aus Elektroantrieben, die bislang im Altgeräteschrott weitgehend verloren gehen, sowie an der photovoltaikbetriebenen Herstellung von Trinkwasser durch Meerwasserentsalzung. „Trinkwasserknappheit ist heute schon ein Problem und wird sich in Zukunft verschärfen“, so der Abteilungsleiter Dr. Martin Aschenbrenner, der das Projekt betreut: „Wir hoffen, gemeinsam mit unserem Industriepartner eine marktfähige Lösung entwickeln zu können.“

Auf dem Gebiet der additiven Fertigung bzw. des selektiven Laserschmelzens (SLM) von metallischen Werkstoffen leistet das Fem seit fast zehn Jahren einen kontinuierlichen Beitrag zum Zukunftsthema digitalisierte Fertigungsverfahren. In zwei vom Bundesministerium für Wirtschaft im Rahmen der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) unterstützten Vorhaben geht es zum einen darum, das Verfahren des Laserschmelzens noch gründlicher und genauer zu verstehen. Grundlegende Fragen und Probleme der Verarbeitbarkeit verschiedener Materialien werden untersucht.

Wenn ein Standbein schwächelt, muss das andere gestärkt werden.

Andreas Zielonka
Leiter des Fem

Im zweiten Projekt wird die Produktion von medizinischen Knochenimplantaten aus biokompatiblen Zinklegierungen und von Prototypen für den Zinkdruckguss erforscht. Zum Einsatz kommen die Anfang Juli installierte, leistungsfähigere SLM-Anlage und der Atomizer, mit dem es möglich ist, Metallpulver aus eigenen, individuellen Legierungen herzustellen.

Zwei weitere, vom Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) geförderte Projekte, haben schließlich das Thema „urbane Mobilität“ im Fokus, genauer gesagt: die Entwicklung des Prototyps eines Wasserstofffahrrads. Ziel des Projekts, an dem Partner aus der Forschung, der Fahrradindustrie sowie der ehemalige Radsportprofi, mehrfache Deutsche Meister und Weltmeister im Cyclocross, Mike Kluge, beteiligt sind, ist die Entwicklung eines wiederverwertbaren Wasserstoffdrucktanks und eines leichten, sehr leistungsstarken und robusten Brennstoffzellenmoduls.

Tank und Brennstoffzelle werden so konstruiert, dass sie in einen Fahrradrahmen integriert werden, aber auch in Scootern oder Kleintransportern zum Einsatz kommen können. Der Vorteil im Vergleich zu Lithium-Ionen-Akkus: Deutlich weniger Gewicht, sehr schnelle Ladezeiten und hohe Reichweiten bei konstant hoher Leistung. „Es gibt eine ganze Reihe kniffliger Probleme zu lösen, aber wir sind sehr zuversichtlich, dass uns ein großer Schritt in die richtige Richtung gelingen wird“, betont Dr. Andreas Zielonka. „Uns ist es wichtig, mit dem Projekt zu zeigen, dass Wasserstoff einen wesentlichen Beitrag zur Speicherung und Nutzung regenerativ erzeugter Energie leisten kann.“

© Wirtschaft Regional 22.07.2020 11:33
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