Wann der Urlaub zum Risiko wird

Coronakrise Zwar dürfen Unternehmen den Mitarbeitern nicht in ihre private Urlaubspläne hineinreden – Wer in Risikogebiete reist, könnte aber dennoch Probleme bekommen.

  • Nach wie vor gilt für die meisten Länder weltweit eine Reisewarnung. Foto: pixabay

Aalen

Wohin geht’s im Urlaub? In anderen Jahren bedeutete das: die Qual der Wahl. In Corona-Zeiten ist alles anders. Riskieren Arbeitnehmer ihren Job, wenn sie in Risikogebiete reisen? Wie gehen Unternehmen mit Rückkehrern aus Ländern mit hoher Infektionszahl um?

Während das Auswärtige Amt die Reisewarnungen für die meisten europäischen Länder aufgehoben hat, gelten Länder wie die Türkei, Ägypten oder die USA weiter als Risikogebiete. Dennoch: Wer dorthin im Urlaub privat verreisen will, kann es tun: Der Chef besitzt hier kein Weisungsrecht. „Ob und wohin jemand während seines Urlaubs verreist, ist Privatsache“, betont auch Tanja Krisp, Rechtsberaterin bei der Handwerkskammer Ulm.

Zu den Betrieben, in denen besondere Vorsicht waltet, gehören die Kliniken Ostalb. „Unser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden durch Rundbriefe über die Risiken aufgeklärt“, verrät Sylvia Pansow, Personalvorständin der Kliniken in Aalen, Schwäbisch Gmünd und Ellwangen. Verboten wird ein Urlaub im Risikogebiet aber auch hier nicht.

Allgemein weisen Arbeitsrechtler darauf hin: Der Chef muss privaten Urlaub genehmigen, sofern nicht dringende betriebliche Belange oder Urlaubswünsche der Kollegen entgegenstehen. Die persönliche Urlaubsgestaltung fällt im Normalfall nicht unter diese „betrieblichen Belange“.

„Eine Pflicht den Arbeitgeber zu informieren, könnte sich eventuell aus der arbeitsvertraglichen Nebenpflicht ergeben“, führt allerdings Tanja Krisp an, die die Betriebe bei der Handwerkskammer berät: „Der Arbeitgeber hat eben auch eine Fürsorgepflicht und muss gegebenenfalls die anderen Arbeitnehmer vor einer Infektion schützen.“

Für Betriebe wie die Kliniken Ostalb ist es wichtig, auf dem Laufenden zu sein, wer in einem Risikogebiet am Flughafen Schlange gestanden, am Strand gelegen oder Bars besucht hat. „Zum Schutze unserer Patienten und Mitarbeiter besteht ein berechtigtes Interesse von Seiten des Arbeitgebers über diese Information“, betont Pansow.

Wie gehen private Unternehmen mit den Urlaubswünschen ihrer Mitarbeiter um? „Wir raten immer, mit den Mitarbeitern das Gespräch zu suchen und an deren Vernunft zu appellieren, ob die geplante Reise wirklich sein muss“, sagt Tanja Krisp.

Wenn der Mitarbeiter in ein Risikogebiet verreist und erkrankt, hat er keinen Anspruch auf Entgeltfortzahlung.

Tanja Krisp
Handwerkskammer Ulm

Klar ist: Wenn die Baustellen und Betriebe im August Handwerkerferien haben, geht es für viele Arbeitnehmer traditionell zu ihren Familien ins Ausland: „Allerdings haben auch viele Handwerkerinnen und Handwerker ihre Urlaubspläne aufgrund der aktuellen Situation geändert“, weiß Tanja Krisp: „Wichtig ist, dass Arbeitgeber Bescheid weiß und im Vorfeld klären kann, was bei der Rückkehr in den Betrieb beachtet werden muss. So gibt es beispielsweise in manchen Berufen zur Vorsicht die Möglichkeit als ,14-tägige-Quarantäne’ Home-office zu machen.“

Wenn Arbeitnehmer aus einem Risikogebiet wie etwa der Türkei einreisen, greift in Baden-Württemberg ohnehin eine Verordnung des Sozialministeriums, die sogenannte CoronaVO EQ. Die Betroffenen müssen sich beim Ordnungsamt melden und in eine 14-tägige Einreise-Quarantäne begeben: Besuch ist während dieser Periode tabu.

Kliniken Ostalb: Ab zum Betriebsarzt

Von der Quarantäne kann abgesehen werden, wenn sich die Betroffenen direkt vor oder nach der Einreise testen lassen und ein ärztliches Zeugnis vorlegen können, das sie als Corona-negativ ausweist. Die Kliniken Ostalb verfahren hier einheitlich und haben Mitarbeiter gebeten, sich am Werktag nach der Rückkehr beim betriebsärztlichen Dienst der Kliniken zum Covid-19-Abstrich zu melden. „Bis zum Vorliegen des Testergebnisses sind die Mitarbeiter auch hier verpflichtet, in häuslicher Quarantäne zu bleiben und keinen Besuch zu empfangen. Sollte dieser Abstrich negativ sein und anhaltende Symptomfreiheit bestehen, sind jedoch keine weiteren Isolationsmaßnahmen mehr notwendig“, erläutert Personalvorständin Sylvia Pansow.

Ist eine Quarantäne nötig, so spüren das die Mitarbeiter möglicherweise auch im Geldbeutel, wie aus Pansows Erläuterungen hervorgeht: Die Quarantäne werde entweder „auf den Urlaubsanspruch angerechnet oder bei Vorhandensein von einem Arbeitszeitkonto als Stundenabbau gewährt oder als unbezahlte Freistellung. Dies kann der Mitarbeiter individuell entscheiden.“

Und wenn ein Arbeitnehmer nicht zur Arbeit erscheint, weil er im Urlaub eine Quarantäne absitzen muss oder sein Flug verschoben wird? Dann ist er selbst verantwortlich: Der Arbeitnehmer trägt das sogenannte Wegerisiko. Der Arbeitgeber muss den Lohn nicht weiterbezahlen.

Ähnliches gilt laut Tanja Krisp, wenn sich der Mitarbeiter nach dem Urlaub im Risikogebiet wegen Covid-19 krank schreiben lässt. „Wenn der Mitarbeiter in ein Risikogebiet verreist und erkrankt, hat er keinen Anspruch auf Entgeltfortzahlung, wenn der Arbeitgeber die Lohnfortzahlung verweigert, weil den Mitarbeiter ein Verschulden trifft.“

© Wirtschaft Regional 21.07.2020 18:41
1413 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?