Bulle & Bär

Das Pulver trocken halten

  • über die Auswirkungen des Abschwungs auf die Börse Matthias Brendel Foto: swp
Es ist nicht leicht , das Unbekannte auszuloten. Wer die Tiefe eines dunklen Lochs erkunden möchte, kann einen Stein hineinwerfen. Falls der Aufschlag nicht zu hören ist, sollte man besser nicht hinuntersteigen. Die Tiefe einer Wirtschaftskrise zu erkennen, ist nicht so einfach, es sind zu viele Faktoren im Spiel.

Der wirtschaftliche Abschwung in Großbritannien ist der schlimmste nicht seit dem Zweiten Weltkrieg, sondern seit – 1710. Das ist schwer zu fassen. Aber was folgt daraus? Die britische Wirtschaft ist eine andere als die vor 300 Jahren.

Zu den harten Zahlen kommt das schwer vorherzusagende Verhalten der Anleger in der Krise. Die Aktien der Lufthansa etwa, die vor einigen Wochen mit etwa 7 Euro ihren Tiefpunkt erlebten, lagen jetzt gerade knapp 60 Prozent darüber, bei 11 Euro. Und das, obwohl seitdem der Staat einsteigen musste und die Airline haufenweise Flugzeuge außer Dienst gestellt hat. Dividende wird es so bald nicht geben. Macht offenbar nichts.

Noch toller lief es beim Autovermieter Hertz: der hatte in den USA eine Bankrott-Erklärung abgegeben – darauf stiegen die Kurse noch einmal an. Hertz wollte zeitweilig sogar neue Aktien auf den Markt werfen, bis die US-Börsenaufsicht dazwischen funkte. Aktienbesitzer gehen bei einer Firmenpleite fast regelmäßig leer aus.

Die Investoren, und darunter befinden sich in den USA zurzeit besonders viele Kleinanleger, können sich massenhaft unvernünftig verhalten und damit Kurse unsinnig beeinflussen. Hinzu kommt die Erfahrung der Banken und anderer großer Investoren, dass die Notenbanken sie schon nicht im Stich lassen werden.

Diese Gemengelage bildet eine richtig üble Mischung, die für die nahe Zukunft zwischen Zusammenbruch und irren Gewinnen so ziemlich alles bieten kann. Anleger, die vernünftig sind und ihr Geld nicht aufs Spiel setzen wollen, sollten in diesen Zeiten ihr Pulver trocken halten.

Unser Autor Matthias Brendel, Jahrgang 1960, ist investigativer Finanzjournalist für „Spiegel“, „Focus“ und andere. Er schildert seine Beobachtungen zum Finanzmarkt exklusiv für die Leserinnen und Leser der SÜDWEST PRESSE. Seine Kolumne erscheint einmal monatlich.
© Südwest Presse 27.06.2020 07:45
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