Lindenfarb erneut insolvent

Schieflage Der Aalener Textilveredler ist zum dritten Mal zahlungsunfähig. Das Unternehmen wurde erst im Januar von einem Investor übernommen. Wie es zur Krise kam.
  • Der Stammsitz von Lindenfarb in Unterkochen. Archiv-Foto: opo

Aalen-Unterkochen

Die Produktion wurde in der vergangenen Woche vorübergehend eingestellt, nun ist klar: Der Aalener Textilveredler Lindenfarb ist zum dritten Mal innerhalb weniger Jahre insolvent. Das Unternehmen hat bereits in der vergangenen Woche beim Amtsgericht Aalen einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung gestellt. Dem gab das Gericht nun statt und bestellte Dr. Tibor Braun von der Kanzlei Illig, Braun, Kirschnek zum vorläufigen Sachwalter.

Von der Insolvenz betroffen sind rund 240 Mitarbeiter. Der Geschäftsbetrieb laufe ungeachtet der Sanierung weiter, heißt es in einer Mitteilung. Die Arbeitnehmer sollen über das Insolvenzgeld abgesichert werden. Allerdings: Ob deren Löhne und Gehälter für drei Monate – wie bei einer Insolvenz üblich – von der Arbeitsagentur erhalten werden, ist noch nicht klar. Bereits bei der vergangenen Insolvenz hatte die Agentur die Auszahlung verweigert, da es sich um die zweite Insolvenz innerhalb kurzer Zeit gehandelt hatte.

Sachwalter Braun soll das Unternehmen gemeinsam mit Detlef Specovius sanieren. Specovius hatte Lindenfarb bereits zweimal aus der Insolvenz heraus an einen Investor verkauft und war zuletzt noch als Sanierungsgeschäftsführer in Unterkochen tätig. Damit falle die übliche Einarbeitungszeit weg und die Sanierung könne unverzüglich angegangen werden, erklärt Specovius’ Kanzlei Schultze & Braun. Ziel sei „eine schnellstmögliche Restrukturierung sowie der Erhalt des Unternehmens und möglichst vieler Arbeitsplätze“. Wie Specovius erklärt, laufen die Gespräche mit den Kunden. Zudem habe sich bereits ein erster Interessent gemeldet.

Hoffnung für die Belegschaft

Lindenfarb war auf einem guten Weg.

Detlef Specovius
Kanzlei Schultze & Braun

Der Aalener Traditionsfirma Lindenfarb wurde wohl vor allem die aktuelle Krise in der Automobilindustrie zum Verhängnis. „Die Lindenfarb war zu Beginn des Jahres nach drei Jahren voller tiefgreifender Restrukturierungsprozesse auf einem guten Weg“, sagt Specovius. Dann schlossen infolge der Covid-19-Pandemie zahlreiche Autohersteller ihre Fabriken. Dies habe das Unternehmen „sehr hart getroffen“, so Specovius. „Lindenfarb hat noch keine ausreichenden Reserven aufbauen können, um diese Phase zu überbrücken.“ Auch die Kunden und der neue Gesellschafter seien nicht in der Lage gewesen, um diese Phase zu überbrücken. Zuletzt hatte die Firma einen Umsatz von 25,5 Millionen Euro erwirtschaftet.

„Schrecklich, dass es so gekommen ist“, findet Katja Kalkreuter, Betriebsratsvorsitzende bei Lindenfarb. Dabei seien die ersten drei Monate des Jahres sehr gut gelaufen. „Es wäre auch weiter gut gegangen, wenn Corona nicht gewesen wäre.“ Besonders ärgerlich: Als Unternehmen, das im vergangenen Jahr bereits in Schieflage war, erhielt Lindenfarb keine Covid-19-Unterstützung über die Förderbank KfW - obwohl die Altlasten nun endlich abgearbeitet waren und nun die Pandemie dafür sorgte, dass die Autobauer keine veredelten Sitzbezüge und ähnliche Produkte mehr orderten. Dennoch möchte sich Katja Kalkreuter, die auch dem Gläubigerausschuss angehört, die Zuversicht für die Kolleginnen und Kollegen nicht nehmen lassen: „Wir kämpfen gemeinsam dafür, dass es weitergeht und hoffen stark, dass auch das Insolvenzgeld diesmal ausbezahlt wird.“ IG-Metall-Gewerkschaftssekretärin Cynthia Schneider, die die Lindenfarb-Belegschaft bereits durch die vergangenen Insolvenzen begleitet hat, verleiht ihrer Hoffnung Ausdruck: „Es ist wichtig, dass Lindenfarb als einziges Unternehmen seiner Branche auf der Ostalb erhalten bleibt.“

Lindenfarb wurde erst Anfang des Jahres von Mattes & Ammann aus Meßstetten übernommen. Das Unternehmen kommt aus der selben Branche und galt bei der Übernahme als „langfristig orientierter, strategischer Investor“, wie Specovius im Januar formulierte. Als zweiten Geschäftsführer bestellte der Investor Ahmad Wali Ali, einen „exzellenten Experten der Branche mit jahrzehntelanger Erfahrung und ein Kenner des Hauses Lindenfarb“, wie es in der Pressemitteilung hieß. Christoph Larsén/Mattes, geschäftsführender Gesellschafter bei Mattes & Ammann sagte bei der Übernahme: „Der Einstieg bei Lindenfarb ist für uns eine Herzensangelegenheit. Es ist ein strategisch wichtiger Schritt, um den Markt im Bereich der Textilveredelung zu stabilisieren. Er war zuletzt durch Überkapazitäten geprägt und hat viele Veredler in Schwierigkeiten gebracht. Mit der Übernahme tragen wir unseren Teil dazu bei, die Situation der Textilveredler zu beruhigen.“

Lindenfarb ist eigenen Angaben zufolge Europas größter Textilveredler. Die meisten Kunden kommen aus der Autoindustrie, für die die Aalener Oberflächenbehandlungen wie Rauen, Scheren, Knautschen, Kalandern, Chintzen und Prägen, wie auch das Färben, Bleichen, Waschen, Reinigen, Beschichten und Hochveredeln von Textilien übernehmen. Auch für die Luft- und Raumfahrt werden technische Textilien gefärbt und veredelt. Für Medizinanwendungen veredelt Lindenfarb textile Implantate, Hilfsmittel für die Wundversorgung, Produkte für Orthopädie, Rehabilitation, Hygiene sowie OP-Ausstattung.

© Wirtschaft Regional 17.06.2020 09:41
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