Bei Bosch AS spitzt sich die Lage zu

Stellenabbau Der Protest gegen die geplanten Einsparungen in Gmünd wird lauter. Während die Arbeitnehmer stockende Verhandlungen beklagen, will Bosch bis Ende des Monats ein Ergebnis erzielen.

  • Protest gegen die Bosch-AS-Sparpläne am Montag im Werk Schießtal – coronabedingt mit leeren Stühlen statt tausenden Beschäftigten. Foto: Tom

Schwäbisch Gmünd

Mit 1000 leeren Stühlen haben die Beschäftigten von Bosch AS gemeinsam mit Betriebsrat und IG Metall am Montag gegen den drohenden Stellenabbau am Standort Schwäbisch Gmünd protestiert und die stockenden Verhandlungen mit der Geschäftsführung kritisiert. „Es tut sich nichts“, sagt Roland Hamm von der IG Metall. Die angekündigten geplanten Einsparungen sowie die Streichung von insgesamt 2100 Stellen bis zum Jahr 2026 seien „eine Katastrophe für die Region“. Zuvor hatten Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter in einer Betriebsversammlung über den aktuellen Stand der Verhandlungen informiert.

Das Unternehmen selbst bewertet den Stand der Verhandlungen optimistischer. Nach inzwischen 15 Verhandlungsrunden sieht Stefan Grosch, Mitglied der Geschäftsführung und Arbeitsdirektor bei Bosch AS, „deutliche Fortschritte“. Die Geschäftsführung sei „auf wesentliche Forderungen der Arbeitnehmervertreter eingegangen“, erklärt Grosch. „Dazu gehören Themen wie die Beschäftigungszahl bis 2026, ein möglichst sozialverträglicher Stellenabbau, die Zukunft nach 2026, das Einsetzen eines gemeinsamen Zukunftsbeirats, eine Qualifizierungsoffensive.“ Die Verhandlungen bezeichnet Grosch als „konstruktiv“. Man werde nun in Arbeitsgruppen weiterarbeiten. „Unser Ziel ist, bis Ende Juni ein gemeinsames Eckpunktepapier fertigzustellen.“

Aus Sicht von Grosch und Bosch drängt die Zeit. „Wir fahren hohe Verluste ein. Wir müssen mit den Corona-Effekten umgehen. Wir müssen jetzt in die Umsetzung unseres Zielbildes kommen.“ Bosch wolle Sicherheit und Transparenz für alle am Standort schaffen. Allerdings sei die Marktsituation schwierig, was die Verhandlungen sehr komplex mache. „Unser Ziel ist eine Einigung bis Ende Juni“, sagte eine Unternehmenssprecherin bereits am vergangenen Freitag. „Wir wollen für die Mitarbeiter Orientierung und Klarheit schaffen.“

Die Arbeitnehmervertreter betonen wiederum, dass sich Bosch auch in der 15. Auflage der Verhandlungen am vergangenen Mittwoch kaum bewegt habe. „Unser Forderungskatalog besteht aus vier Säulen: Beschäftigungssicherung, Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen, neue Produkte sowie Qualifizierungsmaßnahmen“, sagt Betriebsratschef Alessandro Lieb. „Uns geht es darum, dass der Standort eine Perspektive hat.“ Die Arbeitnehmervertreter fürchten in Folge der Verlagerung von Produktion und Teilen der Entwicklung nach Ungarn das langfristige Aus für den Standort.

Wir fahren hohe Verluste ein.

Stefan Grosch
Geschäftsführung Bosch AS

Uneinigkeit herrscht offenbar zudem darüber, wie die Folgen der Corona-Pandemie bewältigt werden sollen. „Wir erwarten für 2020 Stückzahlrückgänge von 20 bis 25 Prozent – und das ist eher ein optimistisches Szenario. Bis 2023 sehen wir aktuell keine Erholung“, erklärt Grosch. Man habe in den Verhandlungen die strukturellen Herausforderungen und die durch Corona verursachten konjunkturellen Effekte getrennt. „Einen zusätzlichen Corona-bedingten Stellenabbau wollen wir vermeiden.“ Im Gegenzug sollen aber die Arbeitnehmer anderweitige Einsparungen akzeptieren.

Laut Roland Hamm müssten die Beschäftigten, wenn es nach Bosch AS geht, alleine in diesem Jahr auf 88 Millionen Euro verzichten, bis zum Jahr 2023 auf insgesamt rund 200 Millionen Euro – zusätzlich zu den bestehenden Sparplänen. Er kritisiert wie auch Andrea Sicker, erste Bevollmächtigte der IG Metall, diese Pläne: „Es kann nicht sein, dass die Arbeitnehmer die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise alleine ausbaden müssen.“ Gleiches gelte für die Folgen der aktuellen Strukturkrise in der Autoindustrie. „Jahrelang haben die Hersteller und deren Zulieferer sehr gut an Diesel- und Benzin-Fahrzeugen verdient, aber den Strukturwandel verschlafen – dafür können die Beschäftigten nichts“, so Sicker. Sie fordert einen „Paradigmenwechsel in der Industrie“.

IG Metall und Betriebsrat planen in den kommenden Wochen weitere Protestaktionen. So sollen etwa von den drei Bosch-AS-Fabriken in Gmünd - Schießtal, Gügling sowie Lorcher Straße - drei Autokonvois starten, um sich anschließend zu einem gemeinsamen Protest im Gmünder Autokino zu treffen. Ein Datum dafür steht noch nicht fest. Auch die 16. Verhandlungsrunde ist noch nicht terminiert, könnte aber bereits in der kommenden Woche anstehen.

© Wirtschaft Regional 15.06.2020 16:25
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