Pandemie bremst Zeiss-Rekordjagd

Bilanz Trotz Unsicherheiten investiert der Konzern massiv in Forschung und Entwicklung. Das erste Halbjahr lief noch rund, doch der Rezession kann sich selbst Zeiss nicht entziehen – mit einer Ausnahme.
  • Dank Innovationen wie dem Kinevo-System für die Chirurgie will Zeiss wachsen. Foto: Zeiss/Ralph Baiker

Oberkochen

Der Zeiss-Konzern bleibt in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres 2019/20 zwar auf Wachstumskurs, der größte Arbeitgeber der Region spürt aber die massiven Auswirkungen der Corona-Pandemie. Im ersten Halbjahr ist der Umsatz um sechs Prozent auf 3,213 Milliarden Euro und das operative Ergebnis um zwölf Prozent auf 455 Millionen Euro gestiegen, im zweiten Zeiss-Quartal hat sich die aufkommende globale Rezession bemerkbar gemacht.

So ist etwa der Umsatz in China im Februar um rund die Hälfte eingebrochen – nachdem das Unternehmen im Dezember noch bei einem Umsatzplus von 20 Prozent stand. „Die Pandemie wird uns noch einige Quartale beschäftigen“, sagt der neue Vorstandsvorsitzende Dr. Karl Lamprecht. Er rechnet für das komplette Geschäftsjahr mit einem Rückgang von Umsatz und Gewinn. In den vergangenen zehn Jahren war Zeiss ununterbrochen gewachsen.

Ein Bereich des Konzerns kann sich jedoch von der allgemeinen Entwicklung abkoppeln: Die Chipfertigungsparte SMT liegt weiter auf Rekordkurs. Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz um 18 Prozent auf 904 Millionen Euro. „Die SMT spürt keine nennenswerten Auswirkungen“, so Lamprecht. Die Chiphersteller, die mit den Komponenten aus Oberkochen die neuste Generation von Prozessoren fertigen, „denken sehr langfristig und stehen in Konkurrenz zueinander“. Hinzu komme, dass viele Unternehmen ihren Sitz in Südkorea und Taiwan haben, beides Länder, die nur gering von der Pandemie betroffen sind. Die von Zeiss entwickelte EUV-Technologie kommt aktuell auch bei der Fertigung von Speichermodulen zum Einsatz, erklärt Lamprecht. Beides treibt den Umsatz der SMT nach oben – und die Zahl der Mitarbeiter.

Um rund vier Prozent ist die Zahl der Beschäftigten an den Standorten Oberkochen und Aalen innerhalb des vergangenen Jahres gestiegen, um 370 auf nun 8700 Beschäftigte. Weltweit arbeiten rund 32 000 Menschen für Zeiss. Dieses Wachstum dürfte sich wegen der Pandemie verlangsamen. Rund 2900 Mitarbeiter sind aktuell an den Standorten in der Region in Kurzarbeit, vor allem die Brillenglasfertigung in Aalen leidet unter der massiv gesunkenen Nachfrage nach Brillen in Europa. In Oberkochen nutzt Zeiss einen Teil der freien Ressourcen in anderen Bereichen, etwa um die Mehrarbeit bei SMT zu bewältigen. Einen Stellenabbau strebt der Vorstandschef nicht an. Zwar übe man Zurückhaltung bei Neueinstellungen, aber: „Wir gehen davon aus, dass sich an der Mitarbeiterzahl in diesem Jahr nichts ändern wird.“ Bei Bedarf werde man weiter Ressourcen umschichten.

Die Pandemie wird uns noch einige Quartale beschäftigen.

Dr. Karl Lamprecht
Vorstandsvorsitzender Zeiss AG

Trotz Kurzarbeit und Pandemie investiert Zeiss so viel wie nie zuvor. Fast 400 Millionen Euro flossen im ersten Halbjahr in Forschung und Entwicklung. „Unsere Innovationsstärke ist ein wichtiger Erfolgsfaktor“, erklärt Finanzvorstand Dr. Christian Müller die im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 76 Millionen gestiegenen Ausgaben. 215 Millionen Euro flossen in Sachanlagen wie das neue Technologiezentrum in Karlsruhe. „Mit der Übernahme der Saxonia Systems in Dresden bauen wir systematisch unsere Software-Kompetenz aus“, so Müller. „Unsere globale Investitionsstrategie, die Investitionen in Innovationen und Digitalisierung sowie den weiteren Ausbau unserer modernen Infrastruktur beinhaltet, ist die Grundlage für weiteres Wachstum.“

Das neue Vorstandsduo ist sicher, dass Zeiss nach der Pandemie wieder auf den Wachstumskurs zurückkehren wird. „Wir bedienen die Megatrends und verfügen über ein innovatives Portfolio: Zeiss ist stark aufgestellt“, betont Lamprecht. Bereits vor einem Jahr hatte der Konzern zudem ein sogenanntes Resilienzprogramm aufgelegt, um die Widerstandsfähigkeit zu steigern und für etwaige Krisen gewappnet zu sein. „Diese Planungen und Erfahrungen kommen uns jetzt zu Gute.“

Während Zeiss in der Medizintechniksparte im ersten Halbjahr noch ein Umsatzplus erzielt hat, fallen die Ergebnisse in den Sparten industrielle Messtechnik sowie im Konsumentenbereich bescheidener aus. Ohne die Übernahme der GOM wäre der Umsatz der Messtechnik um sieben Prozent gesunken, mit ihr liegt das Plus bei rund fünf Prozent. „In der Autoindustrie kam es zu Verschiebungen von Projekten mit Herstellern wie Zulieferern“, so Lamprecht. Die strukturelle Transformation der Branche werde durch Corona beschleunigt. Allerdings sei Zeiss in allen Zukunftsmärkten vertreten und wegen der aktiven Übernahmestrategie gut gerüstet. Bei den „Consumer Products“ spürt die Vision Care die Coronabedingte Flaute. Hier geht Lamprecht allerdings von einer schnellen Erholung nach der Pandemie aus. „Durch die Investitionen in die Digitalisierung sind wir in diesem Bereich optimistisch“, erklärt der Vorstandschef, der am 1. April Michael Kaschke abgelöst hat.

Einen grundlegenden Wechsel der erfolgreichen Strategie strebt er nicht an. „Wir werden in Zukunft die digitalen Themen aber noch aggressiver angehen“, sagt Lamprecht und fügt an: „Ich bin ein sehr umsetzungsgetriebener Unternehmer.“

© Wirtschaft Regional 19.05.2020 14:32
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