Bosch AS: Fronten weiter verhärtet

Stellenabbau Auch die 13. Verhandlungsrunde um den geplanten Stellenabbau brachte keine Lösung. Eine Einigung ist in weiter Ferne. Was Gewerkschaft und Betriebsrat nun von Bosch AS fordern.

  • Bereits in den vergangenen Jahren hat Bosch AS Stellen in Gmünd abgebaut. Bei der Übernahme durch den Konzern 2015 waren es noch fast 6000 Mitarbeiter, heuer 4600, in sechs Jahren sollen es noch 2500 sein. Archiv-Foto: Bosch AS

Schwäbisch Gmünd

Von einer Einigung im Konflikt um den geplanten Stellenabbau bei Bosch Automotive Steering sind Arbeitnehmervertreter und Geschäftsführung noch immer weit entfernt. Das erklärten Betriebsrat und IG Metall am Montag – und reagierten damit auf eine Mitteilung der Geschäftsführung, die am Wochenende ihrerseits kommuniziert hatte, dass es bei der jüngsten Verhandlung eine „Annäherung in einigen Punkten“ gegeben habe.

„Wir haben am Freitag erneut klare Signale gesendet, dass die Beschäftigungs- und Standortsicherung für uns klare Priorität haben“, erklärte Betriebsratschef Alessandro Lieb. Betriebsrat und IG Metall fordern den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen, die Stärkung der Innovationskraft des Standorts sowie ein Bekenntnis zur Produktion in Schwäbisch Gmünd. Letztere will Bosch AS bekanntlich nach und nach an den ungarischen Standort Maklar verlagern – unter anderem deshalb sollen bis 2026 mindestens rund 2100 der aktuell noch 4600 Stellen in Gmünd gestrichen werden.

„Die Synergien zwischen Produktion und Entwicklung waren zu ZF-Zeiten ein zentrales Qualitätsmerkmal des Gmünder Standorts und sind es noch heute“, so Lieb. Er fürchtet, dass der Status des Leitwerks im Bosch-Verbund ohne eine eigene Fertigung verloren gehen könnte. Roland Hamm, Bevollmächtigter der IG Metall, sieht das ähnlich: „In der Vergangenheit war die Verlagerung der Produktion ins Ausland häufig der Anfang vom Ende für viele Standorte“, erläutert Hamm. Die Forschung und Entwicklung sei in der Folge meist ebenfalls ins Ausland abgewandert. Betriebsrat und Gewerkschaft fürchten, dass der geplante Stellenabbau langfristig das Aus für den Bosch-Standort Schwäbisch Gmünd bedeuten könnte. „Ohne Zukunftsperspektive sehen wir das Risiko, dass die geplante Streichung nicht das Ende der Fahnenstange bedeutet, sondern die Entwicklung nach 2026 nicht aufzuhalten ist“, betont Hamm.

„Der Arbeitgeber ist in elementaren Aspekten nach wie vor nicht kompromissbereit“, sagt Lieb mit Hinblick auf die nunmehr 13. Verhandlungsrunde am vergangenen Freitag. Die Geschäftsführung müsse verstehen, dass der Standort „substanzielle Perspektiven“ brauche. Hamm: „Es ist erschreckend, dass die Arbeitgebervertreter in keinster Weise auf uns zugehen und sich in den Verhandlungen nicht einen Millimeter auf uns zu bewegen.“ Betriebsrat und Gewerkschaft hätten sich konstruktiv und zielführend verhalten – und Lösungsvorschläge erarbeitet, die auch die betriebswirtschaftlichen Zwänge berücksichtigten.

Es geht nicht nur um die Mitarbeiter – es geht um die Stadt und die ganze Region.

Alessandro Lieb
Betriebsratschef Bosch AS

Auch der drohende Corona-Schock – Bosch will vor dem Hintergrund der Pandemie weitere Einsparungen durchsetzen, ein verschärfter Stellenabbau wird befürchtet – ist weiter nicht vom Tisch. „Richtig ist, dass uns die Arbeitgebervertreter angeboten haben, die finanziellen Auswirkungen mit Arbeitnehmerbeiträgen zu kompensieren“, erklärt Hamm. Bosch AS wolle von den Beschäftigten eine finanzielle Beteiligung von 88 Millionen Euro, um die Folgen der Pandemie abzufedern. „Das geht nicht ohne Eingriff in bestehende Tarifverträge“, so Hamm. Er verwies auf das sogenannte Pforzheimer Abkommen, wonach der Arbeitgeber detailliert nachweisen müsse, wie hoch der tatsächliche Schaden ist.

Trotz der verfahrenen Lage sind die Arbeitnehmervertreter bereit, die Verhandlungen fortzuführen, stellen aber eine Bedingung: „Wir sind kompromissbereit, erwartet aber auf der anderen Seite eine ernst zu nehmende Bereitschaft, dem Standort eine Perspektive zu bieten“, erklärt Hamm. „Wir wollen, dass Bosch seiner unternehmerischen Verantwortung gerecht wird.“

Die Gewerkschaft plane bereits Protestaktionen. „Der Widerstandsmotor läuft“, sagt Hüseyin Ekinci, Leiter des gewerkschaftlichen Vertrauenskörpers bei Bosch AS. „Wir werden das Unternehmen unter Druck setzen. Bosch scheut die Öffentlichkeit – und wir können Öffentlichkeit herstellen“, erläutert Hamm. Betriebsratschef Lieb: „Wir werden weiter vehement um die Zukunft des Standorts kämpfen. Es geht nicht nur um die Beschäftigten, sondern um die Stadt und die ganze Region.“

Andrea Sicker, designierte Nachfolgerin von Roland Hamm als IG-Metall-Bevollmächtigte, vermisst bei Bosch vor allem eines: „Der Mensch spielt in diesem Prozess keine Rolle.“ Vom Stellenabbau seien viele langjährige Mitarbeiter betroffen. „Bei Bosch AS fehlt der Mut, sich für den Standort und die Mitarbeiter einzusetzen.“

© Wirtschaft Regional 11.05.2020 18:37
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